Interview mit Lars Fassmann "Der CFC ist in einer absoluten Zwangslage"

Die Traueraktion für einen Neonazi im Stadion des Chemnitzer FC sorgt für Wirbel. MDR SACHSEN hat mit Lars Fassmann, Stadtrat der Stadt Chemnitz (Vosi/Piraten) gesprochen. Er lebt und arbeitet seit vielen Jahren in der Stadt und kennt die politische Szene sehr gut. Fassmann ist Unternehmer und besitzt viele Häuser auf dem Chemnitzer Sonnenberg. In diesen siedelte sich die alternative kulturelle Szene von Chemnitz an.

Herr Fassmann, es ist für Außenstehende sehr schwer zu verstehen, was sich am Sonnabend im Stadion des Chemnitzer FC abgespielt hat. Wie stellt sich das Ereignis für Sie dar?
Es wurde jemand mit einer recht aufwendigen Show geehrt, der sich selbst als Nazi und Rassist bezeichnet hat. Das ist möglich, weil es in Chemnitz eine Hooliganszene gibt, wo bestimmte Personen Einfluss haben. Es gab schon eine gewisse Szene zu DDR-Zeiten, die dann auch die Wende überlebt hat. Das ist mal mehr, mal weniger sichtbar geworden. Und im Moment ist so ein Zeitpunkt, in dem es sichtbarer wird. Diese Szene hat durchgesetzt, dass diese Ehrung dort stattfindet.

Lars Fassmann
Lars Fassmann Bildrechte: privat

2007 hatte der CFC den Vertrag mit Hallers Security-Firma gekündigt, die bis dahin als Ordnerdienst im Einsatz war. Zur gleichen Zeit hat sich auch die von Thomas Haller gegründete HooNara (Hooligans-Nazis-Rassisten) aufgelöst. Was wissen Sie darüber? 
An einer solchen Grundhaltung ändert sich natürlich nichts. Und aufgelöst hat sich da gar nichts. Der Sinn der Gruppe war ja, sich zu Schlägereien zu verabreden, mit anderen Hooligangruppen aus anderen Städten und sich dort Respekt zu verschaffen. Und dieser Respekt geht mit einer gewissen Akzeptanz und Größe einher. Mit diesem Respekt kann man Ordnung schaffen oder Chaos stiften.

Die Chemnitzer Hooliganszene soll ja auch bei den Ausschreitungen am Rande des Stadtfestes im vergangenen Jahr sehr aktiv gewesen sein.
Ja, wenn man dort man den Aufruf zu diesem ersten Marsch durch die Stadt verfolgt hat, wird man feststellen, dass das von diesen zwei Hooligangruppen ausging und dort tausendfach geteilt wurde. Die Szenen bezeichnen sich eher als unpolitisch. Wobei unpolitisch dort bedeutet, dass man keine Politiker anfeindet oder sich zu Wahlen stellt. Weil dies schon wieder viel zu viel System ist. Das war die eine Seite. Die andere war die um Pro Chemnitz, also eher die politische Schiene. Wobei man das trennen muss.

Warum gibt es ein so großes Schweigen in der Stadt?
Es ist ein unangenehmes Thema. Wenn es diese Vorfälle zum Stadtfest nicht gegeben hätte und am Sonnabend diesen öffentlichen Auftritt (Schweigeminute für Thomas Haller im Stadion/ Anm. der Red.) würde es ja auch nicht auffallen. Da zieht ja niemand durch die Straße und tut offensichtlich jemandem weh. Das beschränkt sich normalerweise aufs Stadion. Das Problem ist, dass einige Stadion und Außenwelt nicht auseinander halten und Mist da draußen bauen.

Vor wenigen Tagen hat der Stadtrat grünes Licht für die Stadionmiete gegeben. Welche Auswirkungen könnte das haben?
Ich weiß es nicht. Es passieren ganz merkwürdige Dinge hier in der Stadt, die man nicht erklären kann. Außer, man schaut sich mal die wirtschaftlichen Hintergründe an. Für mich war die Stadionentscheidung nachvollziehbar, es muss eine gewisse Unterstützung in der Stadt erfolgen. Mein Ansinnen war, es dann zu koppeln. Dass man sagt: Ihr müsst gegen diese extremistischen, rassistischen, sexistischen Dinge, die da im Hintergrund passieren, vorgehen. Doch es ist keine Bereitschaft in der Politik da, das Thema in die Hand zu nehmen, weil man Angst hat, schlecht dazustehen. Mit der Folge, dass man jetzt noch schlechter dasteht, als wenn man sich mal gekümmert hätte.

Der Insolvenzverwalter hatte im Herbst angekündigt, dass der CFC eine Art Bollwerk gegen Rassismus sein soll.
Dem Insolvenzverwalter geht es nur darum, möglichst viel Geld da hinein zu bekommen. Und dann verspricht man auch, das Stadion zu benennen, will sich bezahlen lassen, muss keinen Sponsor suchen.

Nun gab es erste Konsequenzen, sowohl politisch bei der SPD, als auch im Verein. Was muss aus Ihrer Sicht in Chemnitz passieren? Ein paar Kleine werden gehängt. Die Leute, die es wirklich verbockt haben, die was ändern könnten, die werden nicht zur Rechenschaft gezogen. Es muss sich etwas an der Grundeinstellung ändern. Rassistische und extremistische Dinge haben im Stadion nichts zu suchen. Das ist ein längerer Prozess. Das setzt nicht nur am Sport an, das setzt an der Stadtgesellschaft an und das setzt auch bei den verantwortlichen Politikern an. Dieses Wegschauen muss einfach aufhören.

Der CFC ist in einer absoluten Zwangslage, er kann nicht gegen diese Tendenzen vorgehen, weil sonst die Spiele und das Stadion zerlegt werden. Dort redet auch niemand offen darüber, dass das passieren könnte. Die Verantwortung ist bei der Politik und der Verwaltung.

Das klingt, als würde der CFC aus einem Angstgefühl nur noch agieren.
Man darf diese Fans nicht unterschätzen, was die Gewaltbereitschaft angeht und die wirtschaftlichen Abhängigkeiten. Also ich denke, da ist ein gewisses Geflecht vorhanden, was man nicht aus eigener Kraft zerschlagen kann.

Vielen Dank für das Interview.

Quelle: MDR/al

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 10.03.2019 | ab 11:00 Uhr in den Nachrichten

MDR SACHSENSPIEGEL | 10.03.2019 | 19:00 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 11. März 2019, 12:55 Uhr

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