Geschäftsführer Chemnitz 99ers
Bildrechte: MDR/Benjamin Jakob

Interview mit MDR Sachsen "Mir fehlen bis heute die Worte, um das zu fassen und zu beschreiben"

Steffen Herold über die Stadt, den Verein und den Umgang mit den Demonstrationen

Der Geschäftsführer des Chemnitzer Basketballvereins "Niners Chemnitz" spricht im Interview mit MDR SACHSEN über seine Heimatstadt Chemnitz, die vergangenen Tage und die Konsequenzen für Spieler und Verein.

Geschäftsführer Chemnitz 99ers
Bildrechte: MDR/Benjamin Jakob

Herr Herold, seit wann leben Sie in Chemnitz?

Ich stamme ursprünglich aus Chemnitz, geboren in Karl-Marx-Stadt. Ich habe einen Großteil meines Lebens hier verbracht. Ich habe hier studiert, habe hier Basketball gespielt und bin dann nach dem Studium für zehn Jahre in die alten Bundesländer gezogen. Acht Jahre in Frankfurt am Main, zwei Jahre in München. Ich habe in der Zwischenzeit eine Familie gegründet und hatte das Angebot, den Wunsch, die Aufgabe und die Möglichkeit nach Chemnitz zurückzukommen. Ich durfte hier ein mega spannendes Projekt begleiten und fördern. Das waren die zwei Motivationen, warum ich zurückgekommen bin. Es war eine bewusste Entscheidung der Familie, hier zu sein und etwas zurückzugeben. Wenn man so lange weg ist, dann fragt man sich auch, was man mit seinem Leben macht, wo ist meine Arbeitskraft nötig und gebraucht? Mich haben solche Themen immer interessiert. So viele Menschen verlassen den Osten. Das war eine persönliche Entscheidung zurück zu gehen und zu sagen: „Ich gebe was zurück“.

Für welches Projekt sind Sie zurückgekommen?

Bei den „Niners Chemnitz“ gab es 2014/15 einen Wechsel in der Gesellschafterstruktur. Dort haben sich Leute engagiert, die früher auch in dem Verein gespielt haben, die diesen Verein geprägt haben. Die haben mich angesprochen, ob ich mir das vorstellen kann, als hauptamtlicher Geschäftsführer hier einzusteigen. Es gibt kein Geld, es gibt einen Sack voll Arbeit und das einzige was sie bieten können, ist die Sache. Und nach 24 Stunden habe ich gesagt: „Das mache ich!“ Das große Ziel war den Club ganz nach oben zu führen. Für eine prosperierende Stadt und für den Club, von dem ich immer Fan war und der so viele Menschen fasziniert.

Was macht den Verein besonders? Was bedeutet er für die Stadt und die Menschen hier?

Der Jugendbereich ist uns ganz wichtig, wir spielen in der U19 Bundesliga und in der U16 Bundesliga. Wir verwenden sehr viele finanzielle Mittel auf den Nachwuchs. Das ist die Mission, die Aufgabe. Und da sind sehr viele Enthusiasten beteiligt. Wir verstehen das als unseren Beitrag zu der Stadt.

Wie sieht ihr Engangement ausserhalb des Vereins für die Stadt aus?

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Es gibt hier viele Leute, die mit Enthusiasmus die Vision für diese Stadt vorantreiben und hart dafür arbeiten. Mit denen ist man natürlich in informellen Netzwerken verbunden. Seit ein, zwei Jahren macht sich auch eine Kultur breit, wo die Leute nicht mehr auf ihren unmittelbaren eigenen Nutzen schauen. Sondern sagen: „Okay, wie kann ich mit meiner Organisation, mit meiner Institution, mit meiner Kraft an einem übergeordneten Ziel arbeiten?" Das ist eine ganz erfreuliche Entwicklung gewesen. Das gibt auch Motivation in dieser Stadt zu sein und zu bleiben und zu arbeiten.

Was verbinden Sie persönlich mit der Stadt?

Es ist Heimat. Das ist ein merkwürdiger Begriff. Ich versuche das auch manchmal Freunden zu beschreiben. Es ist ein anderes Gefühl, wenn du hier reinkommst. Ich bin im Heckertgebiet aufgewachsen. Jetzt fahre ich da durch und es kommen Kindheitserinnerungen hoch. Man verbindet viel Positives.

Wie haben Sie beruflich und privat die vergangenen Tage seit dem Stadtfest erlebt?

Um ganz ehrlich zu sein, fehlen mir bis heute die Worte, um das zu fassen und zu beschreiben. Beruflich und privat bedingt waren wir von Freitg bis Samstag nicht in der Stadt. Am Sonntag hatten wir um 12 Uhr eine Präsentation mit unserem Team auf der Sportbühne, mit dem Sportbund. Danach war ich im Park, mit der Familie und den Kindern. Ich habe von den ganzen Ereignissen erst abends erfahren. Das ist verrückt, aber es gibt auch mal den Tag, wo ich das Telefon weglege.

Es hat fassungslos gemacht. Die Tat in der Nacht von Samstag zu Sonntag. Diese Sinnlosigkeit. Wenn man selber Familie hat, wenn man sich da hinein versetzt. Was das für Lücken reißt. Das ist schwer in Worte zu fassen.

Und dann die andere Entwicklung. Diese Eskalation in beide Richtungen. Das hat Angst gemacht. Nicht diffuser Natur, aber wenn man diese Wucht spürt. Diese Dynamik, die sich da entfaltet, die gewisse Sachen aushebelt, die man immer für gegeben angesehen hat. Das ist schon schwer gewesen.

Es kommt ja noch dazu, dass ich in einer Führungsfunktion bin, in einem Verein. Wir haben hier im Jugendbereich viele Kinder mit Migrationshintergrund. Die sind hier geboren, in Chemnitz. Egal ob das ein lateinamerikanischer Hintergrund ist oder ob die Eltern aus Afrika gekommen sind. Die spielen hier teilweise seit der U6. Und wir haben ein Internat, mit Spielern aus ganz Deutschland. Deren Familien geben die Kinder in unsere Obhut. Dieses Verantwortungsgefühl und diese Unsicherheit, nicht zu wissen, was jetzt ist, was hier passiert, das hat es uns sehr schwer gemacht.

Wie gehen Sie damit im Verein um?

Wir versuchen Normalität aufrecht zu erhalten, was unser Tagesgeschäft angeht. Aber völlige Normalität ist das nicht. Davon kann man sich nicht frei machen, man kann es nicht mehr weg reden. Wir führen viele Gespräche. Wir lassen die Mannschaft miteinander reden. Ob das die Profis sind oder die Jugendmannschaften. Man rückt zusammen, man passt aufeinander auf.

Was bedeuten die letzten Tage für den Verein?

Wir haben für uns eine gewisse Definition. Im Sport ist das so. Da gibt es einen Regelkanon, es gibt Werte, die transportiert werden, an die hält man sich. Hass und Gewalt kommen darin nicht vor. Wir schicken unsere Mannschaft in den bundesweiten Wettkampf. Die Spieler tragen mit Stolz unser Trikot. Sie repräsentieren die Stadt nach außen. Aber sie tun es mit Fairness, mit Respekt und Toleranz. Das ist eine große Einigkeit bei uns. Das ist das, wofür wir stehen. Das ist nicht politisch getrieben. Wir folgen der Maxime, dass wir uns frei von Politik machen. Wir leben diese Werte, wir sind damit aufgewachsen. Die kommen aus dem Sport. Das ist keine Plattitüde oder Polemik, das ist tatsächlich so. Und wir werden diese Werte weiter hoch halten.

Was meinen Sie mit Politik und dass Sie sich frei davon machen?

Mit Politik meine ich etwas anderes. Wir haben einen latenten Rassismus. Es ist eine Empathiefähigkeit verloren gegangen. Niemand versetzt sich mehr in jemand anderen. Das ist ein großes Problem. Was ich meine mit der Entpolitisierung, nicht politisch zu sein ist dieses Instrumentalisieren. Das ist so eine Zuschreibung, die wir Deutschen immer brauchen. Wir brauchen immer einen Grund für irgendwas. Aber eine einfache Kausalität gibt es nicht immer. Ich tue mich sehr schwer mit vielen Aktionen und damit, dass wir uns politisch instrumentalisieren lassen. Es ist nicht die Aufgabe der Spieler, die bei uns einen Vertrag unterschrieben haben, unserer Probleme hier zu lösen.

Wie positioniert sich denn der Verein?

Wir haben ganz stark intern diskutiert, wie wir uns positionieren. Wie wir Gesicht zeigen. Und ich bin ganz ehrlich: Wir haben fünf Amerikaner in der ersten Mannschaft. Davon vier Afroamerikaner, der fünfte ist weiß. Dessen Frau sollte morgen aus den USA hier her kommen. Sie ist Kanadierin. Schwarz. Diese Spieler lesen alle die New York Times. Am Sonntag dachte ich, die halbe Mannschaft tritt am nächsten Morgen ins Büro und sagt: „Wir sind dann mal weg!“

Wie betrifft die Situation die Spieler genau?

Das sind Themen, die die Leute hier überhaupt nicht sehen. Die denken, es ist alles normal, wir sind frei davon. Unseren Spielern passiert ja nichts, die kennt doch jeder. Nein, die kennt nicht jeder. Bei der Demo am Montag waren Hools aus ganz Sachsen, ganz Deutschland. Die kennen die Spieler eben nicht. Auch nicht unsere Jugendspieler. Zum Beispiel unser Supertalent, einer der Spieler der U14. Wenn der zur falschen Zeit an der falschen Ecke ist, dann wird der umgetreten.

Geschäftsführer Chemnitz 99ers
Bildrechte: MDR/Benjamin Jakob

Ich habe einen Spieler aus München geholt, vom FC Bayern. Er hat einen Vertrag für drei Jahre unterschrieben. Er ist tiefschwarz, seine Mama ist gerade in Uganda. Wir sind mit ihr in Kontakt. Der Spieler hat ein Abi von 1,1 gemacht, er war sogar ein Jahr eher fertig in München, um sich voll auf Basketball zu konzentrieren. Er hat sich bewusst für drei Jahre hier entschieden, um sich weiter zu entwickeln. Gegen alle Stimmen. Das sind Themen die mich umtreiben. Ich wollte das eigentlich nicht erzählen, aber es ist vielleicht hilfreich um die Gefühlslage zu verstehen.

Jetzt sind einige Tage vergangen. Was ist ihre persönliche Lehre?

Die ersten drei Tage waren wir alle komplett kraftlos. Wir haben die Motivation verloren. Wir haben gesagt, das wird nichts mehr. Dieser Stereotyp über meine Heimat hat mich immer aufgeregt. Ich hatte immer Fäuste in den Taschen. Ich bin immer in einen Verteidigungsmodus gegangen, in jeder Runde in jedem Biergarten. Überall. Seit gestern ist das weg. Das ist wie eine Befreiung für mich. Es gibt nix mehr zu verteidigen.

Wie glauben Sie, geht es jetzt weiter für die Stadt?

Wir müssen alle dafür sorgen und es muss klar sein, dass wir diese Sicherheit, von der wir alle reden, nur erhalten können, wenn wir die Zivilgesellschaft aufrecht erhalten. Ich glaube, es geht nicht mehr mit Gewalt und Gegengewalt. Wir sind mehr, ihr seid weniger. Das wird nicht funktionieren. Ich glaube, es müssen konstant die Werte hochgehalten werden. Es muss mit den Leuten in Kommunikation getreten werden, wo man weiß, dass die zuhören und das fühlen.

Was glauben Sie, bedeutet das jetzt für die Stadt?

Wir sind stolz, dass sich Firmen entschieden haben, hier zu bleiben. Nach einem erfolgreichen Start-Up nicht abzuwandern in die Trendcities wie Berlin. Sondern sich für diesen Standort entschieden haben. Diese Firmen sind aber hochgradig von ausländischen Fachkräften abhängig. Das wird nicht mehr funktionieren, diese Hochschule hier wird nicht mehr funktionieren. Aber dieses Szenario zu malen ist trostlos und traurig. Das ist meine persönliche Meinung.

Was glauben Sie ist notwendig von Seiten der Politik und der Zivilgesellschaft um daraus gestärkt hervorzugehen?

Es geht jetzt nicht mehr um das Image. Diesen Gedanken muss man abstreifen. Es wurde ein Synonym geprägt. Dieser #Chemnitz steht jetzt für irgendetwas. Und ich glaube es geht nicht mehr darum, irgendetwas zu reparieren. Es entscheidet sich jetzt, welche Dynamik sich entwickelt. Und da sind alle in der Verantwortung. Da muss es mir auch erstmal egal sein, mit welchem Image ich lebe. Das Image verdient man sich. Das macht man nicht mit Einmalaktionen, sondern man verdient es sich. Und wenn ich eine Lebenseinstellung lebe, dann wird auch mein Image dementsprechend sein.

Das Gesprächt führte Benjamin Jakob.

Quelle: MDR/bj

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 03.09.2018 | Nachrichten ganztags

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Zuletzt aktualisiert: 03. September 2018, 19:11 Uhr

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