Impfung gegen SARS-CoV-2 "Wir brauchen einen hohen Durchimpfungsgrad"

Die Corona-Impfzentren in Sachsen sollen bald einsatzbereit sein, der Impfstoff soll noch 2020 zugelassen werden. Aber wer wann wo und nach welchen Kriterien geimpft wird, steht noch nicht fest. MDR SACHSEN hat mit dem Leiter der Sächsischen Impfkommission Dr. Thomas Grünewald gesprochen.

Herr Doktor Grünewald, wann können die Impfungen in Sachsen beginnen?

Dann, wenn es auch in Deutschland losgeht. Wahrscheinlich zum Jahreswechsel oder Anfang Januar werden die ersten geimpft werden, wenn alles gut geht. Und wenn bis dahin die Zulassungen für die Impfstoffe in Deutschland auch klappen.

Ist da aus Ihrer Sicht alles auf einem guten Weg?

Ich denke schon. Man muss tatsächlich sagen, wir haben da ein sehr schnelles Verfahren und das ist sehr, sehr hilfreich. Das ist besser als alles was wir bislang jemals hatten.

Ein schnelles Verfahren, was dennoch sicher ist?

Ja, das ist das, was eben doch noch Zeit kostet. Nichts geht ohne eine sichere Bewertung. Und auch die Bewertung der Sicherheit heißt, dass man sich diese Zeit nehmen muss. Die nehmen sich auch die Behörden des Paul-Ehrlich-Instituts als Zulassungsstelle.

Wer wird denn dann tatsächlich zuerst geimpft?

Es gibt dazu verschiedene Vorschläge. Man muss ganz klar sagen, es wäre sicherlich wichtig, dass diejenigen zuerst geimpft werden, die sich um Patienten kümmern und diejenigen, die ein hohes Risiko haben, bei der täglichen Arbeit betroffen zu sein und Kontakt zu haben. Und natürlich die empfänglichsten Gruppen mit der höchsten Sterblichkeit. Und das sind die Menschen, die älter sind als 70 und 80 Jahre.

Kann eine solche Impfung bereits infizierten und vielleicht irgendwann mit starken Symptomen kämpfenden Patienten helfen?

Es ist keine therapeutische Impfung. Das heißt also, man gibt den Impfstoff nicht zur Behandlung der Covid19-Infektion, sondern man gibt ihn zur Prophylaxe. Was man aber weiß: Wenn man infiziert war oder vielleicht sogar ohne Symptome oder mit ganz wenigen Symptomen infiziert ist, schadet die Impfung auf keinen Fall. Das können wir heute sagen.

Wer bestimmt denn eigentlich, wer als erstes geimpft wird im konkreten Fall?

Es gibt für Deutschland die Vorschläge des Deutschen Ethikrats, der Akademie der Wissenschaften Leopoldina und der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut. Wir hier in Sachsen haben noch eine sächsische Impfkommission, die das dann detailliert ausarbeiten wird. Denn wir haben natürlich am Anfang nicht für alle Impfstoffe. Wir müssen daher - so nennt man das ja - priorisieren.

Thomas Grünewald
Bildrechte: dpa

In Sachsen werden die sogenannten Impfzentren gerade eingerichtet. Sie müssen natürlich auch mit Ärzten, Schwestern und Pflegern ausgestattet werden. Woher kommt das Personal?

Primär ist das die Aufgabe der Kassenärztlichen Vereinigungen, die dort zuständig sind. Natürlich braucht man auch Hilfspersonal und logistisches Personal. Das wird über das Deutsche Rote Kreuz organisiert.

Welche Risiken sehen Sie persönlich in Bezug auf diese Impfung?

Das größte Risiko besteht darin, dass ich nicht genug Leute impfen lassen. Die Durchdringung der Impfung muss hoch sein, damit wir auch schnell einen guten Effekt erzielen. Natürlich müssen wir weiterhin - und das ist ganz, ganz wichtig - alle potenziell auftretenden Nebenwirkungen beobachten. Bislang wissen wir, dass die Impfstoffe bis auf allergische Reaktionen und die klassischen Reaktionen bei einem Immunologen, also einem stark wirksamen Impfstoff, nicht sehr viele Nebenwirkungen auslösen. Zu diesen klassischen Reaktionen gehören Fieber, durchaus auch einmal Gelenk- und Gliederschmerzen sowie Rötungen an der Injektionsstelle. Das macht mich auch sehr zuversichtlich.

Sie haben es angesprochen. Es müssten sich sehr viele Leute impfen lassen. Wieviel Prozent der Sachsen wären das denn?

Die Berechnungen für die Herdenimmunität liegen bei etwa 70 Prozent. Das ist analog zur Influenza, also zur Grippe, wenn ich ehrlich sein soll. Ich denke, wir sind mit 80 bis 90 Prozent eher auf der sicheren Seite. Wir brauchen einen hohen Durchimpfungsgrad.

Wie schnell könnte man denn das erreichen, vorausgesetzt, die Bevölkerung macht mit?

Es gibt zwei Probleme dabei. Einerseits muss der Impfstoff für alle verfügbar sein. Man muss bedenken, dass man sich zweimal impfen lassen muss im Abstand von drei bis vier Wochen. Andererseits muss die Logistik bereitgestellt werden. Und das ist gerade das, was jetzt den Aufbau der Impfzentren und der mobilen Impfteams, die dann vielleicht in die Pflegeheime gehen, auch so anspruchsvoll macht. Dieses Problem der Logistik versuchen wir geradezu lösen.

Wenn das zu aller Zufriedenheit gelöst werden könnte, wann wäre es dann so weit, dass man sagen könnte, dass die sogenannte Herdenimmunität erreicht ist?

Rechnen Sie mit einem Zeitraum von zwei bis drei Monaten. Das ist das Mindeste, was wir rechnen müssen. Das heißt also, selbst mit der Impfung wird es am Anfang noch notwendig sein, die Schutzmaßnahmen und die AHA-Regeln wirklich konsequent zu verfolgen.

Und der Impfstoff wird reichen?

Auf lange Sicht gesehen, ja. Wir werden am Anfang sicherlich nicht so viel Impfstoff haben. Deswegen muss man diese Priorisierung tatsächlich durchführen und sagen, wem nützt er am meisten? Wo hat er den besten Impact, den größten Effekt? Aber auf lange Sicht wird er auf jeden Fall reichen.

Wie erfahre ich denn als Impfwilliger, der vielleicht nicht priorisiert ist, weil ich keiner Risikogruppe angehöre, dass ich jetzt geimpft werden kann?

Es wird ein entsprechendes Bewertungssystem geben, wer das höchste Risiko, ein weniger hohes Risiko oder ein mittleres Risiko hat. Das wird sehr wahrscheinlich über die Hausärzte passieren. Und die werden dann eine Bescheinigung oder über ein Online-Tool die entsprechende Berechtigung weitergeben.

Wie muss man sich das ganze Prozedere vorstellen?

Es wird sicherlich mehrere Möglichkeiten geben. Gesunde Menschen haben unter Umständen gar keinen Hausarzt. Das heißt dann, dass man sich auch online klassifizieren lassen können muss. Genauso wie beim Hausarzt. Das wird zentral zusammengeführt. Da sind die Details noch nicht bekannt, aber es wird dann gesagt, wer zur ersten Priorität gehört, zur zweiten, dritten oder vierten.

Wenn jemand geimpft ist, ist es trotzdem möglich, dass er noch andere infiziert?

Was wir nicht wissen oder nicht genau genug wissen ist Folgendes: Gibt es durch die Impfung eine sterilisierende Immunität? Das heißt, wir haben keine Viren mehr. Wir kennen das von anderen Erregern, wo es tatsächlich so ist, dass die Erreger im Körper bleiben und man andere Menschen anstecken kann, ohne dass man selbst krank wird. Das ist hier noch nicht ganz klar. Deswegen gilt auch weiterhin tatsächlich auch für die, die geimpft sind: Das Erkrankungsrisiko wird massiv vermindert, das Risiko von schweren Erkrankungen ist fast gegen Null gesetzt. Aber ob sie Träger des Erregers sein können, das können wir noch nicht klar sagen. Dafür haben wir auch zu wenig Menschen bislang geimpft.

Wir reden aber gerne vom Rückkehr ins normale Leben. Das wird trotz der Impfung so schnell nicht möglich sein?

Also wenn man so ein Viertel des halbes Jahr rechnet und das sind die Prognosen, die bei einer sehr, sehr optimalen Ausrollen des Impfstoffs tatsächlich möglich sind, dann muss man mit drei bis sechs Monaten rechnen, bis es wieder normal wird. Frühestens.

Wenn die Leute jetzt tatsächlich priorisiert werden, sich aber der Impfung verweigern, haben sie irgendwelche Sanktionen zu befürchten? Es gibt ja keine Impfpflicht.

Also man kann ganz klar sagen, dass es grundsätzlich keine Impfpflicht gibt. Was sicherlich auch gut ist. Ich setze da immer noch auf Überzeugung und auch auf das Sehen, dass der Impfstoff gut verträglich ist. Vieles ist ja auch Angst vor dem Impfstoff, weil das eine neue Impfstoff-Technologie ist.

Ist eine Sache überzeugend, dann ist es immer besser als mit Zwang. Zum anderen muss man natürlich sagen, es kann bestimmte Berufsgruppen geben, wo es dann entsprechende Einschränkungen gibt. Zum Beispiel im Gesundheitswesen, wo wir ja auch sagen, dass die Masern-Schutzimpfung sein muss. Und ähnlich kann es sein, dass da der Arbeitgeber sagt, wenn du dich nicht impfen lassen, dann kann ich dich wohl nicht beschäftigen. Das ist aber dann die Entscheidung des jeweiligen Arbeitgebers. Das kann durchaus in kritischen Berufen wie im Gesundheitswesen der Fall sein. Sonst bleibt es dabei: Es gibt keine Impfpflicht. Die Überzeugung ist das Entscheidende.

Ist damit so etwas vorstellbar, dass zum Beispiel Gaststätten, Kinos oder Theater beim Eintritt einen Impfausweis und den Nachweis der erfolgten Impfung verlangen?

Das ist ja privatwirtschaftlich. Das heißt, derjenige, der die Gaststätte betreibt, kann das selbst entscheiden. Ob das dann durchsetzbar ist, sei dahingestellt. Aber wir wissen es ja auch, wenn sie reisen wollen, kann es sein, dass Länder den Impfausweis verlangen. Das gilt ja für bestimmte Impfungen ohnehin, bei denen sie weltweit den Impfnachweis mitführen müssen. Und das kann natürlich irgendwann auch für die Impfung gegen SARS-CoV-2 gelten.

Quelle: MDR/rk/tfr

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 10.12.2020 | 19:00 Uhr

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