zwei Frauen vor einer Sammlung von Steckbriefen
Bildrechte: Harry Härtel

Interview mit dem "Zentrum für politische Schönheit" "Nicht die Aktion spaltet die Gesellschaft, sondern kriminelles Verhalten von Mitbürgern"

Vermeintliche Rechtsextreme am Online-Pranger - damit erregt das "Zentrum für politische Schönheit" (ZPS) seit Montag Aufmerksamkeit in Chemnitz. Die Aktion ist umstritten. MDR SACHSEN hat mit Cesy Leonard vom ZPS gesprochen.

zwei Frauen vor einer Sammlung von Steckbriefen
Bildrechte: Harry Härtel

Warum haben Sie diese Aktion gestartet?

Anlass für diese Aktion waren natürlich die Hetzjagden und Bilder aus Chemnitz und der Umgang damit in der Politik - vor allem der Politik in Sachsen, die versucht hat, zu beschwichtigen und sichtlich überfordert war. Auch die Debatte im Anschluss, die in die falsche Richtung ging. Denn es ging ja nicht darum, wie wir die Migration stoppen können, sondern dass Rechtsradikale auf der Straße waren, die keine Scham haben ihre Gesinnung öffentlich zu zeigen. Das ist für uns ein absolutes No-go im Jahr 2018 in Deutschland.

Sie fordern dazu auf, dass die Abgebildeten identifiziert werden und geben an, dass Sie die gesammelten Infos dann an deren Arbeitgeber weitergeben möchten. Warum?

Wir wollen die Unternehmer und Unternehmerinnen in Sachsen zur Verantwortung aufrufen. […] Es gab viele Berichte über Unternehmen, die unter dem Image von Sachsen leiden. Dabei geht es Sachsen gut. Es gibt viele mittelständische, junge Unternehmen, die dort Fuß fassen wollen. Das sind Unternehmen, die auf Zuwanderung und Fachkräfte angewiesen sind und nun darunter leiden, dass es Menschen gibt, die sich nicht trauen, nach Sachsen zu kommen. Und wenn Bildungseinrichtungen und die Politik versagen, wäre es gut, wenn es die Unternehmer sein könnten, die ihren Mitarbeitern ins Gewissen reden, und durch einen sozialen Druck in die Gesellschaft wirken. Deswegen war es uns wichtig, herauszufinden, wo diese Menschen arbeiten.

Welche Rückmeldung haben Sie bisher bekommen?

Wir sind mit Arbeitgebern in Kontakt. Ich kann aber nur einen öffentlich machen, weil dieser selbst an die Presse gegangen ist. Den anderen haben wir versprochen, dass wir das nicht öffentlich machen, bevor sie nicht selber den Schritt gehen. Das eine ist ein thüringisches Unternehmen. Es heißt Cabka. [...]

Sie sagen, dass Sie drei Millionen Bilder ausgewertet und 7.000 Verdächtige ermittelt haben. Wieviel Arbeit steckt da dahinter?

Wir haben mit 30 Mitarbeitern daran gearbeitet. Ich kann aber schlecht sagen, wie viele Arbeitsstunden das genau waren. Wir haben rund um die Uhr gearbeitet.

Wie viele Hinweise haben Sie insgesamt erhalten?

Ich kann leider keine genaue Zahl nennen. Ein paar Hinweisen sind wir bereits nachgegangen und haben die Leute von der Seite genommen oder haben sie identifiziert. Andere Hinweise müssen wir noch verifizieren.

Ist es nicht denkbar, dass Sie die Rechtsextremen mit Ihrer Aktion in eine Art Opferrolle bringen?

Dass die Rechtsextremen sich gern als Opfer ihrer eigenen Taten hinstellen, ist nicht neu. […] Ich denke, dass wir mit solch einer, wenn auch drastischen, Aktion darauf hinweisen, dass es hier Straftäter gibt. Und vor allem welche, die keine Scheu davor haben, ihre Gesinnung zur Schau zu stellen. In Anbetracht der deutschen Geschichte und dem damit verbundenen Massenmord müsste man sich dessen ja eigentlich noch viel mehr schämen. Wir weisen darauf hin. Aber nicht auf eine Art, die die Gräben zwischen Demokraten und diesen Menschen zuschütten oder sie überwindbar machen. Nein, wir heben da ganz klar diese Gräben aus. Aber das ist jetzt im ersten Schritt wichtig. Wir müssen darüber Bescheid wissen. Es war die eine Sache, früher rechts-konservativ zu sein, und es ist eine andere Sache, rechtsradikal zu sein […].

Sie sagen, dass diese Aktion ein erster Schritt sei. Planen Sie noch weitere Aktionen?

Im zweiten Schritt geht es uns darum, mit den Unternehmen weiter in Kontakt zu bleiben und tatsächlich Programme daraus zu entwickeln, die sich genauer mit dem Umgang mit Fremdenhass in Unternehmen beschäftigen. […]

Hier in Sachsen scheinen die negativen Reaktionen von Seiten der Öffentlichkeit und Politik zu überwiegen. Wie sieht es da bei Ihnen direkt aus? Welche Reaktionen haben Sie bekommen?

Ich kann nicht sagen, ob die positiven oder negativen Reaktionen überwiegen. Was ich bemerke ist, dass die Aktion zum Denken anregt und ein Thema, das scheinbar beendet war, nun wieder aufs Tablett bringt. Es gibt extrem positive Artikel in verschiedenen Medien, aber es gibt auch sehr kritische Beiträge. Beispielsweise im Netz, wo ja ohnehin gern getrollt wird. Aber das ist eine bekannte Strategie von Rechtsextremen.

Was die politischen Reaktionen angeht, möchte ich etwas zu der Reaktion des sächsischen Innenministers sagen. Er meinte, dass die Aktion zur Spaltung der Gesellschaft führe. Da muss ich entschieden sagen, dass es nicht die Aktion ist, die zu dieser Spaltung führt, sondern das kriminelle Verhalten von Mitbürgern, die sich der Demokratie verweigern. […] Und natürlich gefällt so eine Aktion dann nicht. Aber das ist auch ein klassisches Zeichen für die Missstände in der sächsischen Politik. Wir können nicht auf Friede, Freude, Eierkuchen machen, solange Ausländer durch die Straßen gejagt werden. Solange kann es kein nettes Miteinander geben. Und das wird die Aktion auch nicht ändern. Da muss man am Kampf gegen rechts etwas ändern und Geld in die Hand nehmen.

 Was sagen Sie zur Abmahnung der sächsischen Staatsregierung bezüglich des Logos "So geht sächsisch"?

Diese Reaktion haben wir vielleicht erwartet, vielleicht auch nicht. Wir hatten da einfach mal gewartet, bis von denen ein Einschreiben kommt, das uns die Verwendung wirklich untersagt. Bis jetzt haben wir da keine weiteren Schritte eingeleitet.

Es gibt auch Vorwürfe des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus. Sie werfen Ihnen vor, widerrechtlich Bildmaterial verwendet zu haben und wollen dagegen juristisch vorgehen. Was ist da dran?

Das stimmt und es ist ein absoluter Fehler auf unserer Seite. Sobald sie uns angeschrieben hatten, haben wir alle Hebel in Bewegung gesetzt, um das rückgängig zu machen. Wir arbeiten hier mit einem sehr großen und jungen Team. Da ist dieser Fehler passiert. Wir haben versucht, schnellstmöglich alle Bilder, die von ihnen kamen, aus dem Netz zu nehmen. Wir haben auch noch angefragt, welche Bilder sie genau meinen. Soweit ich weiß, haben sie es dann sofort an ihre Anwälte weitergegeben und uns nicht die Gelegenheit gegeben, diesen Fehler wieder selber zu beheben. Trotz allem verstehen wir die Einwände in diesem Fall absolut.

Frau Leonhard, danke für dieses Gespräch.

Anmerkung der Redaktion: Das Interview ist eine gekürzte Fassung des aufgezeichneten Gesprächs, das MDR SACHSEN mit Cesy Leonard vom "Zentrum für politische Schönheit" geführt hat.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 04.12.2018 | 18:02 Uhr

AKTUELLES AUS SACHSEN

Sachsen

Halde 38neu und Halden Schacht 382 in Schlema, 1992
Bildrechte: Wismut GmbH

Zuletzt aktualisiert: 04. Dezember 2018, 19:43 Uhr

Mehr aus Chemnitz und Stollberg

Mehr aus Sachsen

Sachsen

Halde 38neu und Halden Schacht 382 in Schlema, 1992
Bildrechte: Wismut GmbH