Nach Veröffentlichung im Gemeindeblatt Stacheldraht und Naziuniformen: Karnevalisten in Jahnsdorf wegen Plakat in der Kritik

Die Karnevalisten in Jahnsdorf wollen auch in diesem Jahr wieder ausgelassen feiern. Ihr Werbeplakat sorgt jedoch nicht für ausgelassene Stimmung: Es zeigt Stacheldraht und Naziuniformen. Nach der Veröffentlichung im Amtsblatt steht der Verein in der Kritik und rudert nun zurück.

Das Amtsblatt von Jahnsdorf mit dem Karnevalsmotiv liegt auf einem Tisch
Das umstrittene Motiv wurde im Amtsblatt mit einer Auflage von 3.200 Exemplaren veröffentlicht. Bildrechte: MDR/Sven Böttger

Ein Plakat des Jahnsdorfer Carnevalsvereins sorgt in der erzgebirgischen Gemeinde derzeit für Unmut. Das Plakatmotiv stammt aus der US-Fernsehserie "Ein Käfig voller Helden", die in den 1960er-Jahren produziert und seit den 1990er-Jahren auch im deutschen Fernsehen zu sehen ist. Die abgebildeten deutschen Soldaten und Offiziere wurden in der Serie als dümmliche Besatzung eines fiktiven Kriegsgefangenlagers dargestellt. Auf dem Plakat der Jahnsdorfer Karnevalisten sind sie in einer Fotomontage vor einem Stacheldrahtzaun abgebildet. Die Hintergrundfarbe des Plakates ist in militärischem Grün gehalten. Das Plakat mit dem Motto "Uns're Party hat 'ne Norm, dieses Jahr in Uniform." erschien auch auf der Titelseite des Amtsblattes der Gemeinde Jahnsdorf.

Chef-Karnevalist gibt Posten auf

Der Vorsitzende des Jahnsdorfer Carnevalsvereins, Holger Greiner-Pachter, war nach eigener Aussage nicht an der Veröffentlichung des Plakats beteiligt. Das Plakat sei ohne sein Wissen entstanden und in seiner Abwesenheit zur Veröffentlichung an die Gemeinde gegeben worden, sagte er MDR SACHSEN. Da er nicht verhindern konnte, dass das Motiv auch noch im Amtsblatt mit einer Auflage von rund 3.200 Exemplaren veröffentlicht wird, zog er die Konsequenzen.

Greiner-Pachter betonte aber auch, dass niemand im Verein die Absicht gehabt habe, kriegs- oder nazi-verherrlichende Bilder zu veröffentlichen. Die drei dargestellten Personen seien ein kleiner Teil des geplanten Faschingsprogramms gewesen, das sich sonst eher der aktuellen Politik zuwenden werde. Die Soldaten sind inzwischen vom Plakat auf der Facebookseite der Karnevalisten entfernt worden. Dort wird jetzt für die Karnevalsveranstaltungen nur noch mit dem Stacheldrahtzaun auf grünem Grund geworben. Auch von der Online-Ausgabe des Jahnsdorfer Amtsblattes ist das Motiv komplett verschwunden. Schließlich hat der Verein am Dienstagabend noch eine Entschuldigung auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht.

Carnevalsverband ist not amused

Jörg Weiser, der Vorsitzende des Sächsischen Carnevalsverbandes, kann nicht verstehen, wie unsensibel die Karnevalisten in Jahnsdorf ihre Werbung verfasst haben. "Ich kann mit einem solchen Bildmotiv, auf dem Stacheldraht und derartige Uniformen abgebildet sind, nichts anfangen. Mit Fasching hat das nichts zu tun. Es geht doch beim Fasching um Spaß und Freude." Auch wenn die Bilder aus einer satirischen Fernsehserie entnommen worden seien, könne er das nicht nachvollziehen. "Wenn die Werbung schon so daherkommt, wie wird dann das Programm der Faschingsfeier gestaltet?", fragt er sich. Konsequenzen für den Jahnsdorfer Carnevalsverein sieht er allerdings nicht. "Wir sind ein Dachverband für die sächsischen Vereine. Aber jeder Karnevalsverein handelt eigenverantwortlich. Trotzdem werden wir diese Aktion bei unserem nächsten Vorstandstreffen ansprechen."

Bürgermeister Albrecht Spindler: Freigabe war eine Fehleinschätzung

Der Bürgermeister von Jahnsdorf, Albrecht Spindler, vor dem Wappen seiner Gemeinde
Der Bürgermeister von Jahnsdorf, Albrecht Spindler. Bildrechte: MDR/Sven Böttger

Der Bürgermeister von Jahnsdorf Albrecht Spindler ist für das Amtsblatt verantwortlich. Er bedauert, dass er die Veröffentlichung zugelassen hat. "Ich habe zunächst Bürgeranfragen beantwortet und auf die Presseanfragen mit einer Stellungnahme reagiert." Auch auf der Internetseite der Gemeinde habe er eine solche Stellungnahme abgegeben. "Sie soll das Ganze in einen entsprechenden Kontext rücken. Sie soll auch meine - aus jetziger Sicht - Fehleinschätzung darstellen und begründen." Er hoffe, dass er damit die Diskussion auf der Plattform habe, von der er denke, dass sie dort hingehöre. "Wenn ich heute die Entscheidung erneut treffen müsste, würde ich eine solche Veröffentlichung nicht noch einmal zulassen."

Quelle: MDR/tfr

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 13.02.2019 | 19:00 Uhr

AKTUELLES AUS SACHSEN

Zuletzt aktualisiert: 13. Februar 2019, 08:01 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

99 Kommentare

15.02.2019 19:21 Krause - "lieber nackt als rechtsextremistisch" 99

"Und vielleicht ist es eine Perversion unserer Mediengesellschaft, wenn wir die Abgründe überhaupt nur noch wahrnehmen, wenn sie besonders grausam in Szene gesetzt sind."
Dies ist der letzte Satz der Filmkritik zu "Der goldene Handschauh".

Offenbar ist diese 'Komposition in Tarngrün' eben nicht als Abgrund wahrgenommen geworden, so daß man sie als Werbung für einen 'Carnevalsverein' durchaus "erstmal" veröffentlichen konnte... oder aber es gibt eine gewisse Affinität für diese Art der 'Unterhaltung'.
Grundsätzlich unterstellt man ja auch bei der Erstellung eines 'Plakates' einen gewissen Sinn. "Party in Uniform"... naja... über Geschmack läßt sich bekanntlich trefflich streiten. Dazu als Motiv ein Bild der US-Fernsehserie "Ein Käfig voller Helden"?? Nun ja: auch über Treffsicherheit kann man bekanntlich streiten.

Schleierhaft bleibt nur der Sinn der Unkenntlichmachung der Gesichter auf dem Plakat.

15.02.2019 11:30 Komet 98

Beim Lesen einer Vielzahl der Kommentare fällt einem zwangsläufig das Brecht-Zitat wieder ein: "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem d a s kroch!"

15.02.2019 10:35 Markus Vahle 97

@ Dieter Nr. 93

Darum geht es hier aber doch gar nicht! Natürlich darf man sich über Nazis lustig machen und selbstverständlich gibt es diverse Hitler-Parodien! Aber der Kontext (!) und der Rahmen, in dem dies geschieht und der hier einfach nicht passend ist, ist hier für mich entscheidend! Und zu einer lustigen Karnevalsveranstaltung möchte ich nun einmal nicht mit Nazi-Uniformen und sonstiger NS-Symbolik eingeladen werden (selbst wenn die gezeigte Montage ihren Ursprung in einer TV-Parodie hat), das empfinde ich als geschmacklos und arg unlustig. Ich habe auch ernsthafte Zweifel daran, dass es das Ziel des Jahnsdorfer Karnevalsvereins war, mit seinem Plakat zu einer Veranstaltung einzuladen, auf der man sich vorrangig über Nazis lustig machen wollte. Insofern stimmt schon Ihr Haupt(entlastungs)argument, auf dem Sie Ihre Argumentationskette aufbauen, per se nicht!

15.02.2019 07:59 Mediator an Alex(94) 96

Es tut mir ja herzlich leid, wenn ihnen die Fakten nicht gefallen weil sich daraus einige zwingende Schlussfolgerungen ergeben. Sie können zwar gerne anderer Meinung sein, aber ein recht auf alternative Fakten gibt es nicht! Versuchen sie es doch einfach einmal mit Argumenten statt mit persönlich anzugreifen. Es ist nun einmal ein Fakt, dass die Wehrmacht das Repressionsinstrument in den besetzten Gebieten war, auf dass sich der Terrorapparat des NS Regimes abstützen musste und konnte. Die Wehrmacht hat diese Gebiete erobert, und den darauf folgenden Massenmord an den bekannten Bevölkerungsgruppen erst ermöglicht. Wenn die Bilanz am Ende des Krieges aufzeigt, dass das NS Regime in Europa über 6 Mio Menschen aus ideologischen Gründen in den KZs ermordet hat, dann stellt sich die Frage, wer so etwas durchgeführt und ermöglicht hat. Die Wehrmacht war ein "Enabler" dieser Verbrechen und die Wehrmacht bestand nun mal aus Mio Menschen und nicht aus Symbolen in einem Organigramm.

14.02.2019 22:50 Gerd Müller 95

FALSCH Alex94: Wehrmachtsmassenmörder trieben Alte, Frauen und Kinder in den Tod
lt. Wikipedia: Aufgrund der Aufarbeitung umfangreicher Dokumente der Wehrmacht ist es unbestreitbar, dass das Heer aktiv an Vernichtungsaktionen teilnahm und die Wehrmacht durch aktives Handeln und Unterlassen an Verbrechen beteiligt war. Besonders die Oberkommandos, aber auch mittlere Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften waren an Massenverbrechen in den besetzten Gebieten beteiligt.

14.02.2019 21:14 Alex @ 87. "Mediator": 94

[Wegen des Verstoßes gegen unsere Richtlinien (http://www.mdr.de/service/kommentarrichtlinien100.html) wurde dieser Kommentar entfernt. Die MDR.de-Redaktion]

14.02.2019 19:12 Dieter 93

Markus Vahle:
Das Bild ist aus einer amerikanischen Fernseherie, die sich über die Nazis lustig macht, auf eine sehr subtile Art - es geht überhaupt nicht um Nazisymbolik. Wenn wir uns über 70 Jahre nach WK 2 nicht über Nazis lustig machen dürfen, wie weit sind wir dann eigentlich? Switch (Pro 7) hat sich herrlich über Hitler lustig gemacht, ebenso Charlie Chaplin im Film "Der Diktator". Haben sie ein Nazitrauma? Sie sind also gegen Uniformen und für Maulkörbe, so so.

14.02.2019 12:46 Morchelchen 92

Vielleicht sollte man in Jahnsdorf nächstes Jahr als Motto heraus geben: "Ein Käfig voller Narren".
Denn darauf kommt man sofort, angesichts dieses Hypes.
Eine Moment-Aufnahme einer (sehr beliebten) Spaß-Serie der 90er hielt als Titelblatt her. Eine amerikanische Produktion, in der deutsche Soldaten und Offiziere unablässig lächerlich gemacht werden - noch als Erklärung für Nichtkenner angemerkt! Also keinerlei Verherrlichung betrieben wurde mit der unrühmlichen Phase deutscher Geschichte. Doch heutzutage wird so ein "Augenzwinkern" prinzipiell falsch verstanden, es fallen sofort schamhafte Naturen in öffentliche Empörung. Und es wird ein skandalöser Vorgang daraus gemacht, der nun noch sachsenweit breit getreten wird.
Oh, Susanna...

14.02.2019 12:01 Markus Vahle 91

@ Dieter Nr. 85

"Da haben die linken Sprachjakobiner und Nazijäger (auch hier im Forum gut vertreten) wieder ein Objekt des Anstosses erwischt - alle kuschen und werfen sich Asche aufs Haupt. Keiner hat Rückgrat."

Achso, Rückgrat besitzt man in Ihren Augen also nur, wenn man das Plakat, das offen mit Nazisymbolik spielt, toll findet oder aber am besten den Mund hält!? Interessantes Verständnis von Zivilcourage, das Sie hier an den Tag legen!
Ich zumindest werde auch weiterhin dagegen anschreiben, dass auf absehbare Zeit in diesem Land irgendwelche Uniformen und Maulkörbe wieder zur Alltagsnorm werden . . .

14.02.2019 11:16 Martin Vomberg 90

@ Alex Nr. 84

"Die Organisation der Wehrmacht hat also den Völkermord möglich gemacht?!!"

Ja, die Deutsche Wehrmacht war unzweifelhaft an Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit beteiligt! U.a. half sie beim Russlandfeldzug aktiv mit, die jüdische Bevölkerung Osteuropas zu liquidieren und leistete der SS bei ihren "Säuberungsaktionen" hinter der Front auf vielfache Weise bereitwillig "Amtshilfe". Das sind alles wissenschaftlich belegte Fakten, die allerspätestens seit der Wehrmachtsausstellung Mitte der 90er Jahre hinreichend bekannt und belegt sind!

Mehr aus Chemnitz und Stollberg

Mehr aus Sachsen