05.07.2019 | 08:08 Uhr Kosmos Chemnitz - alternatives Stadtfest und Stadtfestalternative

Auftritt von Herbert Grönemeyer auf dem Kosmos-Festival.
Auftritt von Herbert Grönemeyer auf dem Kosmos-Festival. Bildrechte: Kristin Schmidt

Arme wiegen im Takt, es wird getanzt, Küsse getauscht, Kinder werden auf den Schultern der Eltern durch das Bad der Menge getragen. Mit dem Auftritt von Herbert Grönemeyer auf der #wirbleibenmehr-Bühne hat das Kosmos-Festival am Donnerstagabend inmitten der Chemnitzer Innenstadt seinen Höhepunkt erreicht. Man könnte meinen, es handle sich um ein übliches Stadtfest, einfach eine Riesensause. Aber das von der Stadt organisierte Kosmos-Festival ist anders, denn es trägt eine Botschaft, ist ein Politikum. Es soll das bindende Glied in einer Kette von Ereignissen sein, die in den vergangenen Monaten die Stadtgesellschaft auseinandergerissen haben: die tödliche Messerattacke auf einen Deutschen, die hässlichen Proteste gegen Ausländer, das Erstarken der Stimmen von rechts außen.

Bildergalerie Ausgelassene Stimmung beim Kosmonaut-Festival

In entspannter und familiärer Atmosphäre ging am Freitag und Sonnabend das Festival Kosmonaut am Stausee Oberrabenstein bei Chemnitz über die Bühne. Beim zuvor geheimen Headliner handelte es sich um Scooter.

Kosmos-Festival am Stausee Rabenstein bei Chemnitz
Bildrechte: Georg Ulrich Dostmann
Kosmos-Festival am Stausee Rabenstein bei Chemnitz
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Kosmos-Festival am Stausee Rabenstein bei Chemnitz
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Kosmos-Festival am Stausee Rabenstein bei Chemnitz
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Kosmos-Festival am Stausee Rabenstein bei Chemnitz
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Kosmos-Festival am Stausee Rabenstein bei Chemnitz
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Kosmos-Festival am Stausee Rabenstein bei Chemnitz
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Kosmos-Festival am Stausee Rabenstein bei Chemnitz
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Kosmos-Festival am Stausee Rabenstein bei Chemnitz
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Kosmos-Festival am Stausee Rabenstein bei Chemnitz
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Kosmos-Festival am Stausee Rabenstein bei Chemnitz
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Kosmos-Festival am Stausee Rabenstein bei Chemnitz
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Kosmos-Festival am Stausee Rabenstein bei Chemnitz
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Kosmos-Festival am Stausee Rabenstein bei Chemnitz
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Kosmos-Festival am Stausee Rabenstein bei Chemnitz
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Kosmos-Festival am Stausee Rabenstein bei Chemnitz
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Kosmos-Festival am Stausee Rabenstein bei Chemnitz
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Mut machen und zusammenstehen

"Wir sind hier, um uns Mut zu machen, zusammenzustehen gegen Diskriminierung, gegen Ausgrenzung, gegen Rassisten", ruft Herbert Grönemeyer vor dem tausendfachen Publikum und erntet Jubel. Grönemeyers Auftritt ist ganz klar politisch. Zwischen seinen Songs nimmt er kein Blatt vor dem Mund, spricht deutliche Worte. Er will, dass das Land "keinen Millimeter nach rechts ausschwenkt" und warnt: "Die größte Gefahr ist, dass rechtes Gedankengut in den Alltag sickert".

Die Chemnitzer Roman, Benjamin und Christian feiern beim Kosmos.
Die Chemnitzer Roman, Benjamin und Christian feiern sich beim Kosmos schon für das Kosmonaut-Festival am Wochenende warm. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Viele Besucher des Kosmos waren auch schon bei den #wirsindmehr-Konzerten im vergangenen September dabei gewesen. So zum Beispiel Benjamin, der während Tocotronic auf der großen Bühne spielt, mit seinen Kumpels ein Selfie macht: "Es gibt eine Mehrheit, die für ein freies, buntes Leben ist", ist er von seiner Heimatstadt überzeugt. Das Kosmos findet er als "etwas alternativeres Stadtfest" sehr angenehm, wie er sagt. Für ihn wird es gleichzeitig zum Warm-up, denn am nächsten Tag geht es zum Kosmonaut-Festival an den Stausee Rabenstein.

Rosna, Maraa, Samie, Mawlida und Yosef aus Syrien beim Kosmos Chemnitz.
Rosna, Maraa, Samie, Mawlida und Yosef aus Syrien beim Kosmos Chemnitz. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Es fällt auf, wie viele junge Menschen unterwegs sind. Sie zieht es etwa zur Hip-Hop-Bühne am Nischel und zur Pop-Rock-Bühne am Roten Turm. Oder zum Boiler Room Open Air am Johannisplatz, wo das Partyvolk zu Technobeats tanzt und ab und an ein verdächtig süßlicher Geruch nach Marihuana durch die Luft zieht. Derweil schlendern Familien die Straßen entlang, andere setzen sich dort, wo sie sind, auf den Asphalt. Ein paar syrische Frauen unterhalten sich gut gelaunt am Johannisplatz, während im Hintergrund Loveparade-Gründer Dr. Motte die Beats grooven lässt. Es sei ein sehr schöner Tag, ist das einvernehmliche Urteil der Syrerinnen.

Einlassstopp im Supermarkt

Für die Imbisse und Supermärkte bedeutet das Kosmos vor allem Umsatz. Am Abend sind die Schlangen an den Imbissbuden lang. An einem Supermarkt muss die Security sogar zeitweise einen Einlassstopp durchsetzen, weil zu viele Menschen hineinströmen.

Kosmos Chemnitz
Skater Christian Schirmer zeigt auf der Rampe ein paar Tricks. Bildrechte: MDR/Georg Ulrich Dostmann

Die Zeit einige Stunden zurückgedreht, hat man es in den Nachmittagsstunden noch richtig beschaulich - ohne Gedränge und Geschiebe. Trotz Ankündigung und Straßensperrungen wird manch Einheimischer tatsächlich noch am Tag von dem Event überrascht. Doreen ist es so ergangen: Ihre Tochter hat am Vormittag beim Musikpicknick des Studios W.M. im Stadthallenpark mitgemacht und dort gesungen. Dass das zum Auftakt des Kosmos gehört, habe sie eben zufällig erfahren, sagt die 34-Jährige. Während sie nun im Liegestuhl das sonnige Wetter genießt, tollen ihre Kinder am Erlebnismobil des Kletterzentrums und probieren die Spiele der Zwergstadt aus. "Ich würde ja gern mal wieder nach Hause gehen, aber den Kindern gefällt es zu gut", sagt die Mutter und lacht. Später am Nachmittag geht es noch auf die Mini-Skaterrampe, wo sich ihr Sohn beim Rollerfahren ausprobiert.

Professionelle Anleitung an der Rampe von der Skatehalle Chemnitz gibt dabei der Skatetrainer Christian Schirmer. Er ist seit 20 Jahren Vollblutskater und bei jedem Contest in der Stadt dabei. Und auch beim Kosmos sollte der relativ großen Skate- und BMX-Szene etwas geboten werden, findet der 32-Jährige. Eine Rampe ist da ein Muss.

"Wir lassen uns treiben"

Zwei junge Frauen sitzen auf einer Wiese neben einem Baum, im Hintergrund ein Haus.
Die Freundinnen Juliane und Julia beim Basketballmatch der Niners mit den Kraftklub-Jungs. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Sportlich geht es auch bei der Haase-Fabrik zu, wo sich die Niners mit Musikern von Kraftklub beim Basketball messen. Das Match schauen sich auch die Chemnitzerinnen Juliane und Julia an. Erst gestern haben sie davon erfahren. Nun sitzen sie neben dem Feld im Gras, quatschen und chillen. Mit dem Kosmos - da passiere mal was in der Stadt, sagt die 29-jährige Juliane. "Und da wir Chemnitzer sind, kennen wir überall Leute, die mitmachen." Einen festen Plan für den Abend haben die Frauen nicht. "Wir lassen uns treiben", beschließt Julia.

Make-up mit politischer Aussage

Langweilig wird es für die Festivalgänger nicht. Neben den Konzerten auf den Bühnen gibt es zahlreiche Infostände, Ausstellungen, Filmvorführungen, Diskussionen und Aktionen. Im Stadthallenpark sorgt Corinna Engberts mit ihrer Idee des polikritischen Schminkens für neugierige Blicke.

Kosmos Chemnitz
Make-up mit Systemkritik: Corinna Engberts beim polikritischen Schminken. Bildrechte: MDR/Georg Ulrich Dostmann

Die Nürnbergerin arbeitet als Make-up-Artist und war im vergangenen Jahr beim #wirsindmehr-Konzert dabei. "Das hat mich so tief beeindruckt, dass so viele Leute da waren und ein Zeichen gesetzt haben", erinnert sie sich. Diesmal will die junge Frau nun selbst aktiv sein - ihre Kritik an der Politik schminkt sie als farbige Gemälde auf Gesichter. Heute malt Engberts einem Model die Zerrissenheit der Stadt Chemnitz ins Gesicht - einen Baum, der auf der einen Seite grünt und auf der anderen Seite verbrannt ist. "Die Umsetzung dauert etwa drei Stunden", schätzt die 21-Jährige.

Kosmos Chemnitz
Lampen auf Kaffeemühlen oder in Flaschen - Denise Quarch stellt beim Kosmos ihre außergewöhnlichen Lampenkonstruktionen vor. Bildrechte: MDR/Georg Ulrich Dostmann

Chemnitzer Kunsthandwerker haben ihre Stände in der Nähe des Roten Turms aufgebaut. Hier gibt es Steampunk-Schmuck, Rockabilly-Klamotten und ungewöhnliche Wohndeko. So hat Denise Quarch ein Faible für außergewöhnliche Lampenkonstruktionen. Bei ihr sitzen die Leuchten etwa auf Büchern oder hängen in Flaschen. Die Frauen nutzen das Kosmos gleich, um für ihren kommenden Pop-up-Store zu werben, der im August im Stadtzentrum öffnen soll.

Kosmos als Stadtfestalternative?

Chemnitz hat wieder ein Stadtfest - und das um einiges sympathischer, sagen viele Besucher. Sie sei als Kind mal auf dem Chemnitzer Stadtfest gewesen, aber das habe sie nie wirklich angesprochen, erzählt zum Beispiel Diana, die mit ihren vier und sieben Jahre alten Kindern unterwegs ist. "Ich fand, dieses Stadtfest repräsentierte Chemnitz nicht. Das Kosmos dagegen zeigt die ganzen Facetten, die in Chemnitz vorhanden sind." Jeder habe die Möglichkeit, mitzumachen. Es gebe einen Austausch und ein Miteinander. "Das ist das Schöne."

Kosmos Chemnitz
Mia Morgan bezeichnet ihre musik selbst als "Gruftpop". Sie begeistert auf der Atomino Stage am Roten Turm. Bildrechte: MDR/Georg Ulrich Dostmann

Quelle: MDR/ma

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 04.07.2019 | 19:00 Uhr

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