Kulturhauptstadt 2025 & Co. "Bewerbungen sind Aha-Momente für die ganze Stadt"

Konzeptloses Herumgewerkel, gefangen im Hamsterrad, kein Ziel, unklare Zukunft - so geht es nicht nur Menschen. Auch Städte und Regionen können dahindümpeln. Allein für eine neue Vision und mehr Kommunikation in der Stadt kann eine Bewerbung zur Kulturhauptstadt oder andere Titeln hilfreich sein. Das hat Cindy Krause, Vize-Geschäftsführerin der IHK Chemnitz in ihrer Doktorarbeit herausgefunden.

Chemnitz
Chemnitz hieß früher Karl-Marx-Stadt. Heute gehört die riesige Steinbüste mit dem Kopf Marx' zum Wahrzeichen der Stadt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wenn der Rapper Trettmann für sein Lied "Grauer Beton" durch Chemnitz zieht, spürt man quasi noch den Wind der 90iger, der zwischen den Plattenbauten wehte. Die Hüllen der Häuser, die Symbol wurden für ein Vakuum in der Gesellschaft und die nach der Wende eine seltsame Leere ereilte. "Auf und davon, nicht noch eine Saison", singt der Chemnitzer, den seine Herkunft und Heimat noch heute beschäftigt. Lange hat er sich ausprobiert, herumgewerkelt – und plötzlich gehört er zu den erfolgreichsten Rappern Deutschlands. Seit 2017 wird er mit Preisen überhäuft, seine Konzerte sind ausgebucht, Jugendliche in Ost und West tanzen zu seiner Musik. Ähnlich die Chemnitzer Band Kraftklub, noch früher erfolgreicher als Trettmann, durch die viele in der Republik erst einmal erfuhren, dass es Chemnitz überhaupt gibt.

Chemnitz liegt nicht am Meer

Chemnitz liegt nicht am Meer, ist keine Landeshauptstadt, kein Naherholungsgebiet und hat bis heute keine Fernverkehrsverbindung per Bahn. Chemnitz hatte kein Geld und keine Lobby. Stattdessen schlossen Fabriken, verließen tausende Menschen die Stadt. "Man hat uns vergessen Anfang der 90iger Jahre", singt Trettmann. Die Leuchtturmpolitik gibt der Stadt später ihr Übriges, viel Förderung für die Landeshauptstadt Dresden, wenig Aufmerksamkeit für Chemnitz. Der Entwicklungsrückstand schien nur schwer aufholbar. Dabei ist Chemnitz – Berlin herausgerechnet – die drittgrößte Stadt Ostdeutschlands, ein industrielles Zentrum, Vorreiter, das zweite Manchester und die Stadt der Moderne.

Allein die Bewerbung wirkt als Motor

Bald, im Jahr 2025, könnte Chemnitz auch europäische Kulturhauptstadt sein. Mittwoch soll die Entscheidung fallen. Doch selbst, wenn es nicht klappen sollte, kann Chemnitz profitieren. Denn allein die Bewerbung wirkt als wichtiges Instrument in der Stadtentwicklung. Städte können auch mit gescheiterten Bewerbungen gewinnen, davon ist Cindy Krause, Vize-Chefin der IHK-Chemnitz, überzeugt. "Der Bewerbungsprozess ermöglicht den Städten, sich neu zu erfinden", erklärt die Diplom-Geographin auf Anfrage von MDR SACHSEN. Der Prozess der Bewerbung dauere zwei Jahre. "In dieser Zeit kann viel angestoßen und institutionalisiert werden."

Neue Dynamik durch konkretes Denkprojekt

Krause hat über "Großereignisbewerbungen als Instrument aktiver Stadtentwicklungspolitik" ihre Dissertation geschrieben und mehrfach gescheiterte Städte – darunter auch Halle – analysiert. Die Bewerbung von Chemnitz war damals noch nicht aktuell. Dabei hat sie Erstaunliches herausgefunden. "Oftmals sorgt allein die Bewerbung für einen Titel dafür, dass sich die jeweilige Stadt mit sich selbst beschäftigt und neue Ideen und Perspektiven für die Zukunft entwickelt", erklärt Krause. "Diese Bewerbungen sind Aha-Momente für die ganze Stadt." Viele Bewerbungsprozesse hätten zur Entwicklung der Städte beigetragen. Oftmals sei es durch sie erst möglich geworden, sich mit einer Entwicklungsstrategie für Fördermittel zu bewerben.

Cindy Krause
Cindy Krause, Vize-Geschäftsführerin der IHK Chemnitz sieht allein in einer Bewerbung zur Kulturhauptstadt großes Potenzial. Bildrechte: Cindy Krause

Plötzlich nehmen sich Städte Zeit für sich selbst

Mit Großereignisbewerbungen meint sie Bewerbungen für Kulturhauptstädte, Olympische Spiele oder auch Bundes- und Landesgartenschauen. "Diese Ereignisse haben einen Anfangs- und Endpunkt", erklärt Krause. Damit werde ein zeitlicher Druck erzeugt und auch ein Anlass, viele Personen an einen Tisch zu holen. "Bürgerschaft und Verwaltung rücken enger zusammen. Die Administration bewegt sich vom Reagieren hin zum Agieren." Die Dynamik sei groß.

Plötzlich nehmen sich die Städte Zeit für sich selbst.

Cindy Krause Vize-Chefin der IHK-Chemnitz

Die Städte bekommen eine Bühne

Krause sieht jedoch nicht nur Vorteile durch interne Dynamiken und die Lernerfahrung für Stadtverwaltung und Kulturszene. "Die Städte bekommen eine Bühne und Aufmerksamkeit", erklärt die IHK-Vize-Chefin. Das steigere die touristische Nachfrage und auch die politische Aufmerksamkeit für die Städte, die in Deutschland einer großen Konkurrenz ausgesetzt seien. Allein an Frankenberg in Sachsen sehe man, wie viel Infrastruktur gefördert werden kann. "Das wäre ohne die Landesgartenschau nicht möglich gewesen", erklärt Krause. "Die Wettbewerbe sind vor allem Projekte zur Stadtentwicklung."

Wichtig ist, die Menschen mitzunehmen

Ähnlich sieht das auch der Journalist Robert B. Fishmann. "Niemand braucht eine Kulturhauptstadt, doch es kann eine Stadtentwicklung stark bereichern – wenn man es richtig macht", erklärt er MDR SACHSEN. Viele bisher kaum bekannte europäische Städte haben sich mithilfe des Kulturhauptstadt-Titels einen Namen in Europa gemacht, oder sich – wie Liverpool 2008 – von ihrem Negativ-Image befreit. Fishman begleitet die Entwicklung der Kulturhauptstädte seit vielen Jahren. Wichtig sei, die Menschen der Stadt mitzunehmen und in den Bewerbungsprozess zu integrieren, sagt er. So könne die Identifikation mit der Stadt erhöht und die gesamte Stadtgesellschaft näher verbunden werden.

Liverpool und auch das niederländische Leeuwarden gelten hier als Vorbilder.

Robert B. Fishmann Journalist und Kulturhauptstadt-Experte

Auch Magdeburg versuche stark, seine Einwohner zu beteiligen. Zusammen mit Chemnitz ist die sachsen-anhaltische Landeshauptstadt noch im Rennen um den Kulturhauptstadttitel 2025.

Nachhaltigkeit als wichtiger Faktor

Seit 1985 wird der Titel der Kulturhauptstadt vergeben. Während in den ersten Jahren vor allem Großstädte wie Paris, Florenz und Athen profitierten, änderte sich der Fokus der Kommission. Heute bekommen eher kleinere, unbekanntere Städte den Titel. "In den Jahren 2014/2015 sind die  Anforderungen in Richtung nachhaltige Stadtentwicklung geändert worden", erklärt Journalist Fishmann. So sei es heute wichtig, die Städte mit klimafreundlicher Mobilität, mehr Grün, Luftschneisen und energiesparendem Bauen fit für die Zukunft zu machen.

Blick auf den Eingang des  Kulturhauptstadtbüro mit dem Logo "Chemnitz 2025"
Blick auf den Eingang des Kulturhauptstadtbüro mit dem Logo "Chemnitz 2025" Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Kann ein Titel die Mieten hochtreiben?

Der Titel der Kulturhauptstadt wird meist bejubelt. Doch gibt es auch negative Seiten? Kann der touristische Ansturm der Stadt schaden und die Mieten hochtreiben? "Ja, das kann passieren, das haben wir in Marseilles gesehen. Dort wurde die Innenstadt für viele nicht mehr bezahlbar", sagt Fishman. Die sei jedoch vor allem dem Stadtentwicklungsprojekt "EU Méditerranée" zuzuschreiben. Marseilles ist laut Fishmann jedoch das einzige Beispiel. In den meisten Städten spiele Gentrifizierung keine große Rolle, weil es viel Altbausubstanz und wenig Zuzug gibt.

In Chemnitz und Magdeburg sehe ich hier keine Gefahr. Dort gibt es so viel Leerstand und Altbausubstanz, das kann man so schnell überhaupt nicht sanieren.

Robert B. Fishmann Journalist und Kulturhauptstadt-Experte

Halle hat sich gegen Bewerbung entschieden

Nicht alle sind überzeugt von der inspirierenden Kraft einer Kulturhauptstadt-Bewerbung. Der Stadtrat in Halle hat sich im Juni 2017 dagegen entschieden. "Wir wusste nicht, wie die Erfolgsaussichten sind", erklärt der Hallenser SPD-Stadtrat Eric Eigendorf MDR SACHSEN. "Magdeburg hatte früher mit der Bewerbung angefangen und war konzeptionell besser aufgestellt haben." Zudem habe man eingedenk des knappen Haushalts die Ausgaben von etwa 1,3 Millionen Euro allein in der ersten Bewerbungsphase nicht riskieren wollen. "Der Bewerbungsprozess hätte etwas bringen können, wenn es anders angegangen worden wäre", sagte Eigendorf. Der Oberbürgermeister habe den Stadtrat "mit dieser Kopfgeburt" überrascht, die von der Szene nicht mitgetragen worden ist. "Die Ideen für eine Kulturhaupstadt entstehen nicht in der Verwaltung, sondern in den Köpfen der kreativen Menschen."

Der Marktplatz von Halle
Der Stadtrat in Halle hat sich im Jahr 2017 gegen eine Bewerbung zur Kulturhauptstadt entschieden. Bildrechte: Sarah-Maria Köpf

Projekt für Stadtentwicklung

Allein in den ersten Bemühungen in Halle sieht IHK-Vize-Chefin Krause einen Nutzen. "Gerade weil kein Geld da war, wurden die Akteure der Kulturszene zusammengebracht und gefragt, wie sie unter den schweren Bedingungen weiterarbeiten können", erklärt sie. "Halle hat einen Weg gefunden, die Großereignis-Bewerbung als Hebel zu nutzen."

Chemnitz - die unterschätzte Stadt

Für Journalist Fishmann kann der Kulturhauptstadttitel kein Unsinn sein. "Die Vergabe ist kein Unsinn. Das Entscheidende ist, was die Leute mit dem Titel anstellen", sagt er. "Die Kulturhauptstadttitel ist kein Preis, sondern ein Stipendium für Stadtentwicklung." Krause möchte dieses Stipendium am liebsten "natürlich in Chemnitz" sehen. "Chemnitz ist eine unterschätzte Stadt", erklärt sie. "Sie ist die Stadt der Moderne und der spontanen Events. Und der Ort, von dem die besten Musiker Deutschlands kommen."

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR Fernsehen | 26.10.2020 | 22:05 Uhr

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