Ein Bierdeckel mit einer Sprechblase, die ein Vorurteil gegen Flüchtlinge enthält.
Nach dem Tod von Daniel H. in Chemnitz spüren viele Flüchtlinge, dass sich die Stimmung in der Stadt verschlechtert hat. Einer von ihnen will am Sonnabend zeigen: "Wir sind nicht alle Gauner." Bildrechte: MDR/Beate Dietze

"Lebende Bibliothek" Experiment in Chemnitz: Gespräche contra Vorurteile

Ein Verein in Chemnitz verleiht "lebende Bücher" und will damit mehr als bloß unterhalten. Ein mutiges Experiment mit offenem Ausgang. Dabei erzählen Homosexuelle, Transgender, Menschen mit Behinderung, Muslime oder Flüchtlinge aus ihrem Leben.

von Jacqueline Hene

Ein Bierdeckel mit einer Sprechblase, die ein Vorurteil gegen Flüchtlinge enthält.
Nach dem Tod von Daniel H. in Chemnitz spüren viele Flüchtlinge, dass sich die Stimmung in der Stadt verschlechtert hat. Einer von ihnen will am Sonnabend zeigen: "Wir sind nicht alle Gauner." Bildrechte: MDR/Beate Dietze

Axel ist Mitte 30 und wirkt ein wenig schüchtern. Mit leiser Stimme erzählt er von sich und kommt ohne Umschweife zu Sache:  "Ich bin 34 und wurde als Kind von meinen Eltern missbraucht und vergewaltigt. Seither leide ich am Posttraumatischen Belastungssyndrom, mich plagen schwere Depressionen." Diese schonungslose Offenheit frappiert, vor allem aber ist sie mutig. Axel ist eines von neun "lebenden Büchern", die am Sonnabend im Chemnitzer Kulturkaufhaus Tietz"ausgeliehen" werden können.

Wir wollen Menschen zusammenbringen, die sich so im Alltag nie begegnen würden.

Markus Eidam Organisator

Idee stammt aus Dänemark

Markus Eidam
Markus Eidam organisiert die "lebende Bibliothek". Bildrechte: Mehr Miteinander in Sachsen e.V.

Organisator Markus Eidam ist Chef des Vereins "Mehr Miteinander in Sachsen". Er hat die Idee der "lebenden Bibliothek" in Dänemark entdeckt. Besucher entleihen dabei kein Buch, sondern für eine halbe Stunde einen Menschen, der bereit ist, aus seinem Leben zu erzählen. Im Anschluss sind Fragen erlaubt, ja unbedingt erwünscht.

Über Facebook und  im Freundeskreis haben Eidam und seine Mitstreiter ihre "Bücher" gefunden: Homosexuelle, Transgender, Menschen mit Behinderung, Muslime, Flüchtlinge. "Viele Menschen haben noch nie mit einem Transgender oder Flüchtling gesprochen. Unser Ziel ist es zu sagen, sprich mit einem. Mach Dir Dein eigenes Bild!"

Wissenschaftliche Studien hätten gezeigt, dass der Dialog mit den "lebenden Büchern" tatsächlich Berührungsängste und damit Vorurteile abbaut,  sagt Eidam. Der "Bibliothekar für einen Tag" hofft daher auf zahlreiche Gespräche.

"Ich mache mit, um Vorurteile aus dem Weg zu räumen", sagt Dimon. Der junge Mann aus Syrien kam vor knapp zwei Jahren als Flüchtling nach Chemnitz und spricht sehr gut Deutsch. Sein Traum ist ein Schauspielstudium. Und dass es in Chemnitz wieder wird wie früher. Wie vor dem Tod von Daniel H. Seither habe sich die Stimmung gegen Ausländer spürbar verschlechtert, klagt er. "Ich will zeigen, dass wir nicht alle Gauner sind, sondern ganz normale Menschen", erklärt Dimon seine Motivation.

"Auf welche Toilette gehst Du?"

Auch Steve ist von der Idee der "lebenden Bücher" überzeugt. Nichts deutet auf den ersten Blick darauf hin, dass Steve vor knapp 50 Jahren als Elke zur Welt kam. Sein Thema an diesem Sonnabend: Transsexualität. Angst vor unangenehmen Fragen hat Steve nicht: "Man kann jede Frage stellen: Auf welche Toilette gehst Du? Zu welchen Ärzten? Nur mein Sexualleben geht keinen was an. Da sollen sie ihre Fantasie walten lassen und dann ist gut!", lacht er.

"Respect our books", lautet die wichtigste Spielregel für Besucher der "lebenden Bibliothek". Wird sie eingehalten, finden die Erzähler empathische Zuhörer. Und die Besucher hören Geschichten, die so nur das Leben schreibt. So profitieren beide Seiten. Wenn das Experiment gelingt, soll die Aktion wiederholt werden.

Club der lebenden Geschichten Wann: 19. Januar 2019 | 10-18 Uhr
Wo: Stadtbibliothek im Tietz Chemnitz

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 17.01.2019 | 16:30 Uhr im Regionalreport aus dem Regionalstudio Chemnitz

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Zuletzt aktualisiert: 18. Januar 2019, 05:00 Uhr

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36 Kommentare

19.01.2019 22:43 Paule 36

Wer weltoffen und tolerant ist, für den ist der Umgang auf der Straße mit den unterschiedlichsten Menschen die wahre Herausforderung. Da brauche ich keine extra Veranstaltungen dafür. Humanität braucht keine großen Worte, sondern hasst sie sogar. Mal sehen, was der kluge Mediator dazu sagen wird.

19.01.2019 20:42 Mediator 35

@Udo K(34): Was ist denn bitte das "Hauptproblem" von dem man angeblich ablenken will, wenn man eine Veranstaltung konzipiert, in der Menschen sich begegnen und austauschen können? Es geht im übrigen bei dieser Veranstaltung nicht darum wen sie und ich kennen, sondern darum die Begegnung zwischen Menschen unterschiedlichster Erfahrung möglichst einfach zu ermöglichen.

@Carola(33): Vom Zorn du dich nicht überwältigen lassen sollst. Richtig es war, was Magda beobachtet hat. Seltsam anmuten tut deine Sprache für deutsche Menschen. Nicht schlimm es ist, wenn du sprichst anders, schlimm nur sind deine Vorurteile und Hass.
Und nun mal im Klartext: Du lässt in deinem Beitrag Nr. 30 fremdenfeindliches Zeugs vom Stapel, dass weder einen inhaltlichen Bezug zum Artikel hat und in seiner Pauschalität nur falsch sein kann. Wunderst du dich, dass du darüber eine Rückmeldung erhält? An gebrochenem Deutsch erkennt man übrigens nicht nur Spam-Mails sondern manchmal auch Trolle.

19.01.2019 17:54 Udo K 34

Was ist der wahre Sinn dieses "Experiments" ?
Ich kenne aus dem Alltag Homosexuelle, Transgender, Menschen mit Behinderung, Muslime oder Flüchtlinge. Die Behauptung, diesen Menschen würde man sonst nie begegne, ist weit hergeholt.
Ich habe allen gegenüber absolut keine Vorurteile.
Mir scheint, in Wirklichkeit geht es in der Hauptsache darum, ziemlich "unauffällig" durch Einzelbeispiele von Muslime oder Flüchtlinge vom Hauptproblem abzulenken.
Die anderen aufgezählten Minderheiten sollen davon ablenken.
Über Homosexuelle und Transgender wird doch so schon reichlich genug berichtet, Menschen mit Behinderung begegnet man auch oft genug. Letztere erfahren aber leider nicht die Aufmerksamkeit wie die anderen Genannten.
Und wenn Mediator 27 meint, man würde ohne solches Projekt erst über den Tellerrand schauen und völlig andere Lebenssituationen kennen lernen können, scheint er ziemlich abgeschottet in einer heilen Welt zu leben.

19.01.2019 17:50 Carola 33

@ 3 2 noch zu meinem Komment. lese mal deinen Komment. durch wieviele Fehler darin sich befinden eh du anderen was unterstellst ,saublöd

19.01.2019 17:16 magda urs 32

Carola! Wären Sie heute ins Tietz gegangen, hätten Sie ausnahmslos Menschen getroffen, die sich integrieren möchten oder längst integriert sind. Wahrscheinlich mehr als Sie! (Sind Sie eigentlich Ausländerin? Ich frage nur, weil Ihre Grammatik, Zeichensetzung und Orthografie es vermuten lassen. ) Die Muslima hat keine Probleme, mit einem Mann alleine in einem Raum zu sitzen, der Transgender hat eine Arbeit, der syrische Flüchtling möchte hier studdieren. Woher kommt nur all der Hass, der hier aus vielen Kommentaren spricht? Nochmal: es wurde weder Steuergeld verschwendet, der Flüchtling gibt Frauen die Hand (weil das auch hier thematisiert wurde) und selbst wenn Steuergelder flössen, wäre das immer noch sinnvoller als das (Steuer)-Geld der Bundeswehr für Auslandseinsätze zur Verfügung zu stellen. Außerdem: liest man, was die meisten hier schreiben, hat man den Eindruck, sie wollten am liebsten nur mit Menschen reden, sie so ticken wie sie selbst. Was soll dabei herauskommen?

19.01.2019 16:56 Mediator an Carola (30) 31

Ich würde dir empfehlen erst einmal den Artikel zu lesen, bevor du hier deinen üblichen rechtslastigen Sermon ablässt.

Wie kommst du auf die dumme Annahme, dass Homosexuelle, Transgender, Menschen mit Behinderung oder Muslime nicht in Deutschland arbeiten und unsere Werte akzeptieren? Oder hast du nur auf den erwähnten Flüchtling allergisch reagiert?

"Der junge Mann aus Syrien kam vor knapp zwei Jahren als Flüchtling nach Chemnitz und spricht sehr gut Deutsch." Das ist schon mehr als du zu bieten hast, wenn man sich deine Rechtschreibung anschaut.

Hast du diesmal eine gültige Mailadresse angegeben? Das letzte mal wurdest du vom MDR ja deswegen ermahnt!

19.01.2019 15:11 Carola 30

man sollte mit Menschen diskutieren die hier eine Arbeit vorweisen können unsere Kultur annehmen und vieles mehr noch dazu, ja wie sie das alles in einem erstmals fremden Land geschafft haben da würde ich zu so einer Diskussion auch gehen aber nicht mit die anderen die sich absolut nicht einleben möchten sondern weiterhin ihre Kultur hier ausleben wollen wo wir gegenüber denen Toleranz sein müssen, und auf unsere Kosten leben möchten, nein mit solchen nicht, zu solchen die es geschafft haben sich gut zu integrieren uns gegenüber kann man den Hut ziehen, mit denen kann man sich zu jeder Zeit unterhalten.

19.01.2019 12:25 Sachse43 29

@27: Aber nicht Leute, die von Steuergeld leben. Von nichts anderem werden diese "Projekte" bezahlt.
Ich freue mich schon auf die kommende Krise in der Automobilindustrie.

19.01.2019 11:09 schmachulke 28

Fast 30 Jahre Privatfernsehen, Bildzeitungs-Lektüre und Sozialabbau gehen halt an den Ossis nicht spurlos vorbei. Trotzdem sollte man sich bemühen, ein Mindestmaß an Respekt zu zeigen. Wie sich hier manche erregen, grenzt ja schon fast an Irrsinn. Wie können sie von anderen Respekt und Anstand einfordern, wenn sie selbst nicht dazu in der Lage sind? Mal drüber nachdenken. Und außerdem: Es zwingt Sie doch niemand zu der Veranstaltung zu gehen. vielleicht wäre das aber gerade für solche Mitbürger wie sie nützlich, um idiotische Vorurteile abzubauen und mal einen Blick von der Computertastatur ins richtige Leben zu wagen.

19.01.2019 10:52 Mediator 27

Letztendlich handelt es sich bei dem Projekt um ein Angebot über den eigenen Tellerrand zu schauen und sich einmal mit einer völlig anderen Lebenssituation auseinandersetzen zu können, mit der man normalerweise kaum Berührungspunkte hätte. Daran gibt es nichts auszusetzen und jeder einigermaßen offene Mensch freut sich darüber, wenn er durch die Begegnung mit einem anderen Menschen einmal etwas aus einer anderen Welt erfährt. So etwas erweitert den eigenen Horizont.

Vielleicht könnte man ja auch einmal einen der hier schreibenden Kommentatoren als "Buch" zur Verfügung stellen. Es wäre interessant, ob viele der rechten Schreihälse hier eine halbe Stunde erläutern könnten, warum sie so eine Haltung einnehmen. Diese Leute äußern sich ja lieber anonym und im Kreis Gleichgesinnter, wo man nicht Gefahr läuft hinterfragt zu werden.

@Sachse43(1): Unsinn! Es arbeiten so viele Menschen wie nie zuvor!

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Michael Kretschmer 4 min
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