28.11.2019 | 16:00 Uhr Hilfe auch ohne Krankenversicherung: Medi-Büro in Chemnitz gegründet

Zum Arzt zu gehen, wenn man krank ist, ist eine Selbstverständlichkeit. Über die Kosten muss man sich in Deutschland durch die Krankenversicherungspflicht keine Sorgen machen. Und doch gibt es immer wieder Einzelfälle, die durch dieses Netz rutschen. Diesen Menschen will das neue Medi-Büro in Chemnitz helfen.

Ein Medizinstudent hält in der Charité in Berlin ein Stethoskop in der Hand.
Symbolbild Bildrechte: dpa

Maleen Täger und John Fiedler haben am Montagabend rund 25 Interessierte über das neue Medi-Büro in Chemnitz informiert. "Wir sind sehr positiv überrascht über die Resonanz", sagt Flüchtlingssozialarbeiterin Täger. "Wir haben nicht viel Werbung gemacht und sind froh über so viele Rückmeldungen."

Das Medi-Büro hilft Menschen, die keine Krankenversicherung haben oder nur unzureichend versichert sind. Das Büro vermittelt die Patienten an Ärzte zur Behandlung. Die Kosten übernimmt das Medi-Büro. "Wir fordern eine gleiche Gesundheitsversorgung für alle. Unabhängig von Herkunft, Aufenthaltsstatus und Versicherungsverhältnis", erklärt Assistenzarzt Fiedler.

Betroffene können sich per Telefon an das Medi-Büro wenden. "Wir kontaktieren dann Ärzte, die mit uns kooperieren, um einen Termin zu vereinbaren", so Täger. Die Anonymität des Patienten werde jederzeit gewahrt. Der Arzt stelle dann dem Medi-Büro die Behandlungskosten in Rechnung. Dafür sammelt das Büro Spenden. Außerdem denken die beiden Organisatoren über eine Sprechstunde nach.

Medi-Büros 1994 haben sich die ersten nicht-staatlichen Anlaufstellen mit dem Ziel gegründet, anonym und kostenlos medizinische Hilfe an Menschen ohne Krankenversicherung zu vermitteln. Sie nennen sich Medi-Büros, Medi-Netze oder Medizinische Flüchtlingshilfen und sind meist in Form von spendenfinanzierten, eingetragenen Vereinen organisiert.

Die ehrenamtlichen Mitarbeiter dieser Stellen vermitteln die Patienten an Arztpraxen, Psychotherapeuten, Hebammen und Physiotherapeuten. Bei Bedarf in Einzelfällen auch an Kliniken.

Mit Chemnitz gibt es in Deutschland mittlerweile 39 solcher unabhängiger Netzwerke aus Freiwilligen, Ärzten und Angehörigen anderer medizinischer Berufe, die sich bemühen, wenigstens eine Minimalversorgung der Betroffenen zu gewährleisten.

Betroffene Zielgruppen sind vor allem Personen ohne legalen Aufenthaltsstatus, Asylbewerber, EU-Bürger und nicht versicherte Deutsche. "Es sind immer Einzelfälle, die durch das Netz rutschen", so Fiedler. "Und genau denen wollen wir helfen." Viele der Betroffenen würden erst zum Arzt gehen, wenn es schon fast zu spät sei. "Zum einen haben sie Angst vor der Meldepflicht von öffentlichen Einrichtungen", erklärt Fiedler. "Oder sie haben Angst vor den hohen Kosten." Dabei könne es die Kosten erheblich reduzieren, sich frühzeitig behandeln zu lassen.

Im Gegensatz zu anderen öffentlichen Einrichtungen haben Krankenhäuser und Ärzte keine Meldepflicht. Das würde die medizinische Schweigepflicht verletzen. Im Asylbewerberleistungsgesetz ist geregelt, welche medizinischen Behandlungen Asylbewerbern zustehen. Die gleichen Leistungen stehen laut Gesetz auch den Personen ohne legalen Aufenthaltsstatus zu. Die Betroffenen holen sich aus Angst vor Abschiebung aber keinen Behandlungsschein bei den zuständigen Ämtern.

Ultraschalluntersuchung beim Frauenarzt
Nach Maleen Tägers Erfahrung nehmen viele Schwangere die Hilfe eines Medi-Büros in Anspruch. Bildrechte: imago/Westend61

Bisher gibt es 38 Medi-Büros in Deutschland, Chemnitz kommt jetzt neu dazu. Täger und Fiedler bringen bereits viel Erfahrung mit. Fiedler untertstützte während seines Medizinstudiums in Jena das dortige Büro und Täger war sechs Jahre in Dresden aktiv. Auch das Büro in Chemnitz sucht nach Unterstützern.

Täger möchte ehrenamtlichen Helfern die Angst nehmen: "Es geht bei uns nicht um Notfälle. Die werden im Krankenhaus behandelt." Eine medizinische Ausbildung der Helfer sei nicht nötig. "Auch Nicht-Mediziner wissen ja, welcher Facharzt zu welcher Krankheit passt", so Täger. Außerdem könne im Zweifelsfall Fiedler weiterhelfen, der als Assistenzarzt arbeite.

Ärzte und Patienten sollen vom Medi-Büro erfahren

Als erstes geht es den beiden darum, das Medi-Büro bekannt zu machen, sowohl bei Ärzten als auch bei den potenziellen Patienten. Täger arbeitet als Flüchtlingssozialarbeiterin und hat darüber Kontakt mit möglichen Patienten. Sie setzt dabei auf Mund-zu-Mund-Propaganda. "Sie sind erstaunlich gut in ihren Communities vernetzt", sagt Täger. Ärzte ließen sich am besten mit konkreten Fällen von einer Kooperation überzeugen. Die erste Praxis hat sich bereits am Montagabend angeboten.

Kontakt zum Medi-Büro Chemnitz Telefon: 0179/ 727 56 86
E-Mail: medibuero-chemnitz@protonmail.com

Quelle: MDR/al

Zuletzt aktualisiert: 28. November 2019, 16:00 Uhr

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