Oberbürgermeisterwahl Unsicherheit und viele Fragezeichen – Wie werden die Chemnitzer wählen?

Die Oberbürgermeisterwahl, die in Chemnitz am 20. September vor der Tür steht, wird nicht einfach. Noch steht kein Kandidat deutlich im Mittelpunkt, die Meinungen der Bürger sind unsicher und gespalten.

Das Rathaus von Chemnitz.
Bildrechte: imago/Hoch Zwei Stock/Angerer

Chemnitz ist im Auf- und Umbruch. Die Stadt bewirbt sich um den Titel "Europäische Kulturhauptstadt 2025". Zugleich hat sie mit den Schatten der rechten Aufmärsche von 2018 zu kämpfen. In den neuen Bundesländern wird die Stadt oft noch hinter Dresden und Leipzig gesehen. In Westdeutschland hat sie den Ruf einer Plattenbaustadt. Selbst ist Chemnitz auch nicht immer stolz darauf, eine aufstrebende und kreative Industriestadt zu sein. In dieser Situation sind viele Einwohner verunsichert, welchem der neun Kandidaten zur Oberbürgemeisterwahl sie ihre Stimme geben sollen. Viele rechnen mit einem 2. Wahlgang.

Für die CDU tritt Almut Patt an, für die SPD Stadtkämmerer Sven Schulze. Ulrich Oehme ist Kandidat der AfD, für die Freien Wähler ist es Matthias Eberlein. Die Grünen schicken Volkmar Zschocke ins Rennen, Susanne Schaper tritt für die Linke an. Zugelassen sind außerdem Martin Kohlmann von Pro Chemnitz und Paul Vogel von Die Partei.  Einzelbewerber ist Unternehmer Lars Faßmann.

Gunnar Bertram
Gunnar Bertram ist gespannt auf das Wahlergebnis. Bildrechte: Volksbank Chemnitz eG

"Dieses Jahr wird die Wahl spannend." Gunnar Bertram, Vorstand der Volksbank Chemnitz eG, bringt es auf den Punkt. "Ich habe noch niemanden gefunden, der mit mir eine Wette eingeht, wer gewinnt." Dabei ist die Volksbank Chemnitz sehr nahe dran an den Bürgern, an der Industrie, an Handwerkern und Gewerbetreibenden. "Wir brauchen ein starkes Sprachrohr für den Mittelstand, der bei uns hier überwiegt", so Bertram. Kleine oder mittlere Firmen würden nicht so gut gehört, größere Unternehmen hätten es wesentlich leichter. "Chemnitz ist eine Industriestadt mit viel Potenzial auch auf anderen Gebieten wie Kultur, Soziales und Bildung. Darauf sollten wir stolz sein. Deshalb unterstützen wir auch die Bewerbung um den Titel Europäische Kulturhauptstadt."

"Bürgermeister, der demokratische Werte vertritt"

Pierre-Pascal Urbon
Die Stadt müsse an ihrem Image arbeiten, meint Pierre-Pascal Urbon . Bildrechte: Komsa

Am Image von Chemnitz ist überregional noch zu arbeiten. Das sieht der Vorstandsvorsitzende der Komsa Kommunikation Sachsen AG, Pierre-Pascal Urbon, aus dem benachbarten Hartmannsdorf ebenso. Die Firma ist eines der größten Familienunternehmen in Deutschland, mit Kunden bundesweit und international. "Das Ansehen von Chemnitz strahlt auf die Wirtschaft und über die Grenzen der Stadt aus. Ich hoffe, es wird ein Bürgermeister, der demokratische Werte vertritt, die Chancen von Europa erkennt und offen für Vielfalt ist. Das wäre gut für das überregionale Ansehen."

Ahnung in Verwaltung gefragt

Ihr Leben lang hat Johanna Benz bisher gewusst, wen sie wählt. Die 92 Jahre alte politikinteressierte Rentnerin war immer den Liberalen eng verbunden. Dieses Jahr gibt es keinen FDP-Kandidaten in Chemnitz. So hat sie sich bei Kindern und Enkeln durchgefragt, was denn gut für deren Zukunft sein könnte. Sie will wahrscheinlich für den Kandidaten stimmen, der von Verwaltung und Finanzen die meiste Ahnung hat. "In den kommenden Jahren nach Corona muss Chemnitz auch auf das Geld schauen", sagt sie. "Verschwendung sollte es nicht geben."

Soziale Aspekte vermisst

Christiane Fiedler
Christiane Fiedler hat wenig Verständnis für teure Kunstprojekte. Bildrechte: Brigitte Pfüller

Wie das Geld ausgegeben wird, darauf sollte das künftige Stadtoberhaupt nach Ansicht von Christiane Fiedler noch mehr achten. So vermisst die Chefin der Chemnitzer Tafel bei den Kandidaten bis auf die Linke meistens den sozialen Aspekt. "Diejenigen, die nicht so viel haben und die auf die Hilfe der Tafel angewiesen sind, gehören auch zur Stadt", sagt sie. Kulturhauptstadtbewerbung sei gut und schön, müsse aber ein Projekt wie ein Auto im Schlossteich 20.000 Euro kosten? Das sei nicht verständlich. "Noch vor wenigen Jahren bekamen wir als Chemnitzer Tafel von der Stadt pro Jahr 10.000 Euro. Jetzt kommt nichts aus dem Stadtsäckel." Das Geld hat die Tafel für dringend notwendige Mitarbeiter ausgegeben. Derzeit betreut die Tafel pro Tag zwischen 100 und 120 Hilfesuchende und Familien.

Kleine Sportvereine auch fördern

Silke Markert
Silke Markert wünscht sich mehr Unterstützung für kleine Sportvereine. Bildrechte: Brigitte Pfüller

Stärkeres Interesse für die Kleinen, das wünscht Silke Markert. "Man sollte nicht nur große Vereine wie den Chemnitzer Fußballclub unterstützen. Sondern auch die kleinen Vereine, die sich viel Mühe geben und die für viele Menschen da sind." Sie selbst trainiert beim VfL Chemnitz. Hier werden die Sportarten Fußball und Kegeln betrieben. Der Fußball stellt die größte Abteilung mit Jugend-, Männer- sowie Seniorenmannschaften. Des Weiteren gibt es Frauen- und Freizeitsportgruppen. 

Mehr Aufmerksamkeit für die gesamte Kulturlandschaft

Alica Weirauch
Alica Weirauch lebt seit sieben Jahren in Chemnitz. Bildrechte: Fritz Theater Chemnitz

"Chemnitz hat eine interessante und reiche Kunst- und Kulturlandschaft." Das weiß Alica Weirauch, Schauspielerin und Mitglied des Leitungsteams am privaten Fritz Theater, sehr gut. Sie ist 2013 von Duisburg nach Chemnitz gekommen und fühlt sich hier sehr wohl. Das Theater hatte u. a. mit dem Jugend-Stück "Ich knall euch ab" nach dem Buch von Morton Rhue ein brisantes Thema berührt. Hauptakteure waren Mitglieder der Amateur-Theatergruppe. "Im Moment ist es nicht auf dem Spielplan. Aber es gibt Anfragen von Schulen, so dass wir es wieder bringen werden", so Alica Weirauch. Sie wünscht sich vom künftigen Stadtoberhaupt, intensiv auf seine Stadt zu schauen, denn hier gebe es eine Menge interessanter Aktivitäten und kultureller Projekte, die durchaus noch mehr Akzeptanz und Aufmerksamkeit vertragen könnten. Außerdem sollte sich Chemnitz weiter öffnen und seine Verbindungen verbessern.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 20.09.2020 | 19:00 Uhr

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