Die Toten Hosen, Kraftklub und Marteria Menschenmassen beim Konzert gegen Fremdenhass in Chemnitz

65.000 Besucher sind laut einer Schätzung der Stadt Chemnitz zum Konzert gekommen. Wegen des erwarteten Andrangs wurde die Veranstaltung auf den Parkplatz gegenüber des Landesarchäologiemuseums verlegt. Ursprünglich sollte sie am Marx-Monument stattfinden. Dort hatten in den vergangenen Tagen rechte Gruppierungen Kundgebungen abgehalten. Anlass war die Tötung eines 35-jährigen Deutschen mutmaßlich durch Asylbewerber.

Zehntausende Besucher haben sich gegen Fremdenfeindlichkeit und rechtsextreme Gewalt stark gemacht. Unter dem Motto "#wirsindmehr" spielte unter anderem die Chemnitzer Band Kraftklub. Die Toten Hosen traten als letzte Band des Abends ab ca. 20:30 Uhr auf. Zu Beginn um 17 Uhr gab es eine Schweigeminute für Daniel H., der am vorletzten Wochenende durch Messerstiche tödlich verletzt wurde. Der Frontmann von Kraftklub, Felix Brummer, sagte vor Beginn: "Wir sind nicht naiv. Wir geben uns nicht der Illusion hin, dass man ein Konzert macht und dann ist die Welt gerettet." Es sei aber manchmal wichtig, zu zeigen, dass man nicht allein sei.

50.000 Menschen in Chemnitz

Schon am Vormittag waren Konzertbesucher aus ganz Deutschland angereist. Die Stadtverwaltung Chemnitz sprach am Abend von 65.000 Menschen, die das Konzert verfolgten. Laut Stadt wurden für den Abend keine Gegenveranstaltungen genehmigt. Die Polizei sprach von einem friedlichen Verlauf.

Landtag diskutiert mangelhafte Polizeipräsenz

Am Nachmittag war der Innenausschuss im Sächsischen Landtag zu einer Sondersitzung zusammengekommen. Innenminister Roland Wöller (CDU) hat den Polizeieinsatz am vergangenen Montag gegen Kritik verteidigt. Nach der Sitzung sagte er: "Wir hatten am Montag auch einen schwierigen Einsatz. Die Polizei hat das sehr gut bewältigt." Richtig sei aber auch, dass die Polizei überrascht worden sei, mit welcher Geschwindigkeit rechte Gruppen die Menschen mobilisiert hätten. Die Linke forderte nach der Sitzung, dass Innenminister Wöller über personelle Konsequenzen in der Führung der sächsischen Polizei nachdenken müsse.

Demos und Kundgebungen am Wochenende

Zahlreiche Menschen sind zur kirchlichen Kundgebung am Sonntag in Chemnitz gekommen, um gegen Fremdefeindlichkeit zu demonstrieren.
Zahlreiche Menschen sind zur kirchlichen Kundgebung am Sonntag in Chemnitz gekommen, um gegen Fremdefeindlichkeit zu demonstrieren. Bildrechte: MDR/Mario Unger

Der Tod des Deutschen mit kubanischen Wurzeln hatte in der vergangenen Woche eine Reihe von teils gewaltsamen Protesten ausgelöst. So waren am Sonnabend rund 8.000 Menschen einem Demonstrationsaufruf von AfD und Pegida gefolgt. An Gegenprotesten beteiligten sich 3.000 Menschen.  Die Polizei war mit 2.000 Mann, Diensthunden, Reiterstaffeln, Wasserwerfern und Sonderfahrzeugen vor Ort. Es gab 37 Anzeigen und 18 Verletzte.

Am Sonntag folgte eine Kundgebung mit etwa 1.000 Teilnehmern unter dem Motto  "Wir in Chemnitz - aufeinander hören, miteinander handeln". Zu der Veranstaltung waren auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD), Innenminister Roland Wöller (CDU) und Landesbischof Carsten Rentzing gekommen. Ministerpräsident Kretschmer rief zum Zusammenhalt auf: Die Mehrheit der Sachsen stehe für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.

Angespannte Sicherheitslage

Nach den Demonstrationen vom Wochenende ist die Nacht zu Montag nach Angaben der Polizei ruhig geblieben. Es sei zu keinen Straftaten gekommen, die mit den Demonstrationen und Ereignissen der vergangenen Woche in Verbindung stehen, sagte eine Sprecherin der Polizei am Morgen.

01.09.2018, Sachsen, Chemnitz: Wasserwerfer bringen sich bei der Demonstration von AfD und dem ausländerfeindlichen Bündnis Pegida, der sich auch die Teilnehmer der Kundgebung der rechtspopulistischen Bürgerbewegung Pro Chemnitz angeschlossen haben,in Stellung. Davor haben Polizisten ihre Wagen zu einer Sperre aufgestellt.  Bei den für den 01.09.2018 angekündigten Demonstrationen rechnet die Polizei mit einer hohen Zahl von Teilnehmern.
Ein Wasserwerfer zwischen Demonstranten am Sonnabend in Chemnitz. Bildrechte: dpa

Unterdessen hat der Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann (SPD) gefordert, eine mögliche Kooperation zwischen AfD und Rechtsradikalen vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey hat sich hingegen für mehr Engagement gegen Rechts ausgesprochen. Die SPD-Politikerin sagte im ARD-Morgenmagazin, diejenigen, die sich vor Ort teilweise seit vielen Jahren für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und gegen Menschenfeindlichkeit einsetzen, müssten mehr Rückenstärkung erhalten. So seien beispielsweise mehr Mittel für die Schulen nötig, um eine längerfristige politische Bildungsarbeit zu ermöglichen. Giffey war am Freitag nach Chemnitz gereist und hatte am Tatort Blumen niedergelegt.

Friedensgebet in der Kreuzkirche in Dresden

Die Dresdner Kreuzkirche am Altmarkt lud um 17 Uhr zu einem ökumenischen Friedensgebet ein, das die Ereignisse in Chemnitz thematisieren sollte. "Als Christen sind wir aufgefordert, immer wieder eine Einladung zur Friedfertigkeit anzubieten und durch uns lebendig werden zu lassen", sagte im Vorfeld Dekan Norbert Büchner. Diesem Anspruch folge auch das Friedensgebet, welches unter anderem in der gegenseitigen Achtsamkeit füreinander stärken sollte.

Am Abend strahlt der Mitteldeutsche Rundfunk mehrere Sondersendungen zum Thema aus. Um 20:15 Uhr geht MDR extra auf die aktuelle Stimmung in Chemnitz ein. Ab 21 Uhr wird in der Sendung "Fakt ist!" über Folgen und Konsequenzen der Vorfälle diskutiert.

Die Ereignisse in Chemnitz Anlass für die Konzerte am Montag sind die Ausschreitungen nach dem Tod eines 35-Jährigen in der Nacht zum 26. August. Er war am Rande des Chemnitzer Stadtfestes niedergestochen worden. Als Tatverdächtige sitzen ein Iraker und ein Syrer in Untersuchungshaft. Nach Bekanntwerden des Falls hatten rechte Fußballfangruppen zu spontanen Protesten in der Stadt aufgerufen. Dabei war es teilweise zu Ausschreitungen gekommen.

Bei Demonstrationen am Montag vor einer Woche gab es vereinzelt Stein- und Flaschenwürfe. Zudem flogen Feuerwerkskörper - sowohl aus einer Veranstaltung der rechten Bürgerbewegung "Pro Chemnitz" heraus als auch aus den Reihen der Gegendemonstranten. 20 Menschen, darunter zwei Polizisten, waren verletzt worden. Außerdem wird gegen mehrere Personen ermittelt, die den Hitlergruß gezeigt hatten.

Am Sonnabend waren nach Polizeiangaben mehr als 11.000 Menschen in Chemnitz auf der Straße. Bis Sonntagmittag lagen 37 Strafanzeigen vor, mehrheitlich zu Körperverletzungsdelikten, Sachbeschädigungen und Straftaten nach dem Versammlungsgesetz.

Quelle: MDR/ma/dpa/epd/akö

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 03.09.2018 | 19 Uhr
MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 03.09.2018 | ab 5 Uhr in den Nachrichten

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Zuletzt aktualisiert: 03. September 2018, 21:04 Uhr

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342 Kommentare

05.09.2018 20:21 der_Silvio 342

@332 Janes; "@der_Silvio 302: Also meinen sie, dass es ohne Ausländer keine Straftaten mehr geben würde?"
Bitte lesen Sie meinen Beitrag RICHTIG!
Denn ich schrieb, daß es ohne diese tötliche Messerstecherei keine 'Ausschreitungen' in Chemnitz gegeben hätte.
Oder wollen sie mir etwas unterstellen, damit sie behaupten können, ich hätte gegen Ausländer gehetzt? Würde mich nicht wundern...

Auch nochmal für sie:
"Zuvor hatte der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Sachsen, Wolfgang Klein, betont, es habe keine Anzeichen für Hetzjagden gegeben. „Nach allem uns vorliegenden Material hat es in Chemnitz keine Hetzjagd gegeben“, sagte er dem Online-Magazin „Publico“."
(Quelle: Junge Freiheit vom 03.09.2018 'Trotz gegenteiliger Erkenntnisse
Chemnitz: Bundesregierung verteidigt Hetzjagd-Vorwurf')

Also Janes, RICHTIG lesen, DANN schreiben.

05.09.2018 19:24 Was sagen die Grünen dazu? 341

Da möchte ich Mäuschen spielen, ich würde vor lachen nicht mehr Heim kommen.

05.09.2018 19:11 Axel an MDR (293) 340

[Das stimmt so nicht: Hätte es keine fremdenfeindlichen Ausschreitungen und Parolen nach dem schlimmen Todesfall gegeben, gäbe es dieses Konzert nicht, wäre nach Ihrer Argumentationskette richtig. Die MDR.de-Red.]

DANKE für die Klarstellung der Kausalitäten!
Es ist schon traurig, wenn viele Kommentatoren noch nicht mal diese einfachen Zusammenhänge begriffen haben ...
Wenn ich mir, nach dem schlimmen Todesfall etwas hätte "wünschen" können, dann wäre es ein MUTIGES, BEHERZTES und ENERGISCHES Statement der OB Barbara Ludwig zum Todesfall gewesen. Damit wäre allen nachfolgenden Instrumentalisierungen des Todefalles 'der Zahn gezogen' worden.

05.09.2018 16:48 Janes 339

@Qwerleser 336: Und wollen wir jetzt über diesen einen Umstand diskutieren? Ich hab den Umstand mit der Pyro erstens nur nachträglich gesehen. Und dann könnte ich nicht sagen, was es genau war. Ich weiß nur, dass einige "Farbfackeln" benutzt wurde, die auf Konzerten nicht unüblich sind. Womöglich haben die zahlreichen Ordner auch auf den Vorfall reagiert.

Tatsache ist, dass die Polizei parktisch nicht viel zutun hatte (außer wie gesagt am Tatort...) Ich hab es also nicht nur subjektiv als friedlich empfunden, sondern es scheint auch objektiv so gewesen zu sein. Es gibt nicht mal eine Polizeimeldung dazu.

Dazu kommt ja immerhin noch die Tatsache, dass nicht nur am Konzertplatz die Menschen versammelt waren, sondern auch auf der Brückenstraße und Straße der Nationen Tausende Menschen versammelt waren. Insgesamt ein wirklich friedliches, offenes Versammlungsgeschehen.

05.09.2018 15:34 Ekkehard Kohfeld 338

@ Horst 1 335 an@333: Hier ist nur einer ein Fake und dass sind Sie! Was war an dieser "Versammlung" so toll? Tausende grölen die sinnlosen Texte von den toten Hosen und Feine Fisch Filet! Darauf hat kein normaler Mensch einen Neid! Wissen Sie ,was tolle Konzerte waren und sind: z.B. die Rolling Stones!##Richtig aber da kennt die ANTIFA nichts von das ist zu hoch sogar Heino den nun wirklich nicht alle mögen hat 5 mal mehr Platten verkauft wie die schon Toten Hosen:-)Und das will schon was heißen.Und am Samstag ohne Konzert waren es nur 3000 laut MDR also hat doch das kostenlose Schmuddelkonzert die ANTIFA angelockt wie das Licht die Motten.

05.09.2018 15:23 Qwerleser 337

@ 334: Ich hatte gestern in Post 305 bei der Redaktion angefragt ob es Kenntnisstände gibt. Leider keine Antwort / Reaktion.

@332 Janes: Es ist natürlich ein gravierender Unterschied ob "friedliche" oder "böse", je nach Weltanschauung einzuordnen, Pyrotechnik in Menschenansammlungen abbrennen.
Um es mal mit Dynamo Fans zu sagen. Pyrotechnik ist kein Verbrechen!
Wenn die das tun dann aber schon, mal dir die Welt wie du sie magst.

05.09.2018 14:14 Horst 1 336

an@333: Hier ist nur einer ein Fake und dass sind Sie! Was war an dieser "Versammlung" so toll? Tausende grölen die sinnlosen Texte von den toten Hosen und Feine Fisch Filet! Darauf hat kein normaler Mensch einen Neid! Wissen Sie ,was tolle Konzerte waren und sind: z.B. die Rolling Stones!

05.09.2018 14:06 Ekkehard Kohfeld 335

Einen gesuchten Schnipsel haben ich gefunden von wegen keine Gewalt von den Linken.
https://www.mdr.de/sachsen/chemnitz/chemnitz-stollberg/ticker-sachsen-sonnabend-chemnitz-demos-100.html
Eiscafé verwüstet
Wie eine Polizeisprecherin auf Anfrage von MDR SACHSEN bestätigt, wurde ein Eiscafé auf der Straße der Nationen verwüstet. Nähere Angaben machte sie nicht. Es soll sich aber nach Augenzeugenberichten um Antifa-Anhänger gehandelt haben. Unterdessen haben sich am Karl-Marx-Denkmal mehrere Hundert Gewaltbereite versammelt. Die Polizei verstärkt sich.

05.09.2018 13:43 Janes 334

@Horst 1 330: LÜGE! Das Bild ist ein Fake! Nachweislich. Deshalb wurde es nicht geahndet. Macht ja Sinn, oder

Ich kann dein Neid auf so eine tolle Versammlung aber gut verstehen. Wir waren nicht nur mehr, sondern wir sind das Volk

05.09.2018 13:41 Janes 333

@der_Silvio 302: Also meinen sie, dass es ohne Ausländer keine Straftaten mehr geben würde?

2017 wurden 5 Polizisten getötet. Einer unter anderem von einem Reichssbürger. Wo war da der Trauermarsch und ein Aufschrei von der afd ??? Gabs nicht-passt nicht zum Parteiprogramm!

@Qwerleser 328: Wie immer haben sie die Sache klug und sachlich durchschaut! Es wurde tatsächlich inmitten des Konzert einmal Pyrotechnik abgebrannt. Außerdem hab ich selbst gesehen, dass eine Pfandbierfalsche zu Bruch gegangen ist. Das wurde bis heute nicht angezeigt! Es war wirklich fast wie Bürgerkrieg.

Im Ernst-was sie wieder zusammen drehen ist schon fragwürdigst! Das war eine große, äußerst friedliche Versammlung. Mit Ausnahme der rechten Pöbler am Tatort, die Trauernde belästigt haben, dass die Polizei die gesamte Zeit dort Stellung beziehen musste. Und Journalisten wurden auch wieder bepöbelt....natürlich nur von den wenigen Rechten Pöblern. Peinlich hoch Drei! #wirsindmehr

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