16.02.2020 | 15:37 Uhr | Update Schlossbergmuseum Chemnitz zeigt Wiederaufbau von 1945 bis 1954

Das Schlossbergmuseum in Chemnitz widmet sich dem 75. Jahrestag der Zerstörung der Stadt mit einer speziellen Sonderausstellung. Seit Sonntag sind unter dem Titel "... und neues Leben blüht aus den Ruinen!" Dokumente, Fotografien, Filme, Modelle und Objekte vom Wiederaufbau der Stadt von 1945 bis 1954 zu sehen.

Trümmergrundstück der Frankeschen Villa, Reichs-/Ecke Hohe Straße, 1949
Trümmergrundstück der Frankeschen Villa, Reichs-/Ecke Hohe Straße, 1949, fotografiert von Helmut Brückner. Bildrechte: Kunstsammlungen Chemnitz/ Schloßbergmuseum

"Wir wollten nicht das machen, was wir in den zurückliegenden 25 Jahren schon mehrfach gemacht haben", erzählt Uwe Fiedler, der Leiter des Schlossbergmuseums in Chemnitz. Zehn Ausstellungen gab es bereits, die die Zerstörung von Chemnitz durch die Luftangriffe der Alliierten im Jahr 1945 thematisierten. Nun werden der Wiederaufbau und der Chemnitzer Tüftlergeist in den Mittelpunkt gerückt.

Bei der Vorbereitung der Ausstellung stellte das Museum fest, dass umfangreiches Fotomaterial vorhanden war. "Wir haben einen fantastischen Fotobestand hier im Haus, der diese Umbrüche im Chemnitzer Stadtbild vom Winter 1944/1945 bis ungefähr in das Jahr 1954 auf das Fantastischste dokumentiert", so Fiedler. Über 1.000 Fotos von Helmut Brückner besitzt das Museum. Diese wurden schwerpunktmäßig in den Mittelpunkt der neuen Sonderausstellung gestellt. Brückner war Jurist, Maler, Sammler und Fotograf und unterstützte die Kunstsammlungen, zu denen das Schlossbergmuseum gehört, mit großen Schenkungen.

Blick in die Sonderausstellung "... und neues Leben blüht aus den Ruinen!"

Blick in die Sonderausstellung im Schlossbergmuseum Chemnitz
Das Schlossbergmuseum in Chemnitz widmet sich dem 75. Jahrestag der Zerstörung der Stadt mit der Sonderausstellung "... und neues Leben blüht aus den Ruinen!". Neben Fotografien und Dokumenten sind auch Modelle zu sehen. Rechts im Bild findet sich ein Modell des sogenannten Chemnitzer Gewölbebaus. Bildrechte: MDR/Anett Linke
Blick in die Sonderausstellung im Schlossbergmuseum Chemnitz
Das Schlossbergmuseum in Chemnitz widmet sich dem 75. Jahrestag der Zerstörung der Stadt mit der Sonderausstellung "... und neues Leben blüht aus den Ruinen!". Neben Fotografien und Dokumenten sind auch Modelle zu sehen. Rechts im Bild findet sich ein Modell des sogenannten Chemnitzer Gewölbebaus. Bildrechte: MDR/Anett Linke
Blick aus dem Museum am Theaterplatz auf die Königstraße/Einmündung Lindenstraße, 1944
Blick aus dem Museum am Theaterplatz auf die Königstraße/Einmündung Lindenstraße, 1944, fotografiert von Helmut Brückner Bildrechte: Kunstsammlungen Chemnitz/ Schloßbergmuseum
Blick aus dem Museum am Theaterplatz auf die Königstraße/Einmündung Lindenstraße, 1952
Blick aus dem Museum am Theaterplatz auf die Königstraße/Einmündung Lindenstraße, 1952, fotografiert von Helmut Brückner Bildrechte: Kunstsammlungen Chemnitz/ Schloßbergmuseum
Leadcrew des amerikanischen Luftangriffs auf Chemnitz vom 2. März 1945
Auch Fotografien aus den Archiven der Alliierten sind in der Sonderausstellung zu sehen. Dieses Foto zeigt die Leadcrew des amerikanischen Luftangriffs auf Chemnitz vom 2. März 1945. Bildrechte: Kunstsammlungen Chemnitz/ Schloßbergmuseum
Russische Soldaten treffen in Chemnitz auf amerikanische Soldaten 1945
Dieses Foto zeigt wie russische Soldaten 1945 im Chemnitzer Stadtteil Siegmar auf amerikanische Soldaten treffen. Bildrechte: MDR/Anett Linke
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Ergänzt werden Brückners Fotografien durch Werke anderer Künstler, Dokumente, Filme und Modelle. Zum Beispiel werden auch Lotterielose gezeigt, mit denen die Chemnitzer den Wiederaufbau der Oper finanziert haben. "Mein persönliches Lieblingsobjekt ist ein Model des Chemnitzer Gewölbebaus", verrät der Museumsleiter.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit gab es durch die Reparationsleistungen weder Baumaschinen noch Baumaterialien wie Zement, Baustahl oder Bauholz. "Man musste sich also etwas einfallen lassen, um dafür Ersatz zu finden. Und diesen Ersatz fand man in zwei Dingen", sagt Fiedler. "Zum einen im sogenannten Chemnitzer Gewölbebau. Dort griff man auf teilweise jahrhundertealte Konstruktionsprinzipien zurück, wölbte die Decken ein und wies dem Gewölbe damit die tragende Funktion im Gebäude zu." Das Modell zeigt eine Innenansicht eines solchen Gebäudes, dazu kommen Fotografien, die den Chemnitzer Gewölbebau im Stadtbild zeigen.

Chemnitzer erfinden Zementersatz in der Nachkriegszeit

Der zweite Ersatz bezog sich auf den fehlenden Zement. "Die Chemnitzer ließen sich CH5, den sogenannten Chemnitzer hydraulischen Binder, einfallen", so Fiedler. "Das ist ein Zementersatzstoff, der aus Braunkohlenfilterasche gewonnen wurde, die zusammengeworfen wurde mit gemahlener Hochofenschlacke. Das wurde mit Wasser versetzt und bildete tatsächlich einen entsprechenden Zementersatz." Gebaut wurden in der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht nur funktionale Gebäude, auch das Schönheitsempfinden wurde nicht vernachlässigt.

50.000 Menschen helfen beim Wiederaufbau von Chemnitz

Das alles geschah unter tatkräftiger Mithilfe der Chemnitzer Bevölkerung, die dazu aufgerufen war, am Wiederaufbau aktiv mitzuwirken. "Im Zuge dieser Aufrufe sind jedes Wochenende 50.000 Menschen in der Chemnitzer Innenstadt im Einsatz gewesen, um Trümmer zu beräumen, um Ziegel zu klopfen und damit Arbeitsmaterial für den Wiederaufbau zur Verfügung zu stellen", erzählt Fiedler. In der Ausstellung finden sich auch Bilder der Trümmerfrauen und -männer.

Vom 12-jährigen Schulmädchen bis zur 70-jährigen Seniorin sind dort alle im Einsatz gewesen. Bis 1947 wurden zehn Millionen Ziegel für den Chemnitzer Wiederaufbau und 13 Millionen Ziegel für den Aufbau von Neubauernhöfen in der Peripherie der Stadt gewonnen.

Uwe Fiedler Leiter des Schlossbergmuseums in Chemnitz

Ausstellung bis 1. Juni im Schlossbergmuseum

Die Ausstellung "... und neues Leben blüht aus den Ruinen!" ist bis zum 1. Juni im Schlossbergmuseum zu sehen. Begleitend zur Ausstellung ist das Buch "Chemnitz 1945. Das Stadtbild vor und nach der Zerstörung" mit über 100 Fotografien von Helmut Brückner erschienen.

Luftangriffe auf Chemnitz Chemnitz ist am Ende des Zweiten Weltkrieges zwischen dem 6. Februar und dem 11. April 1945 zehn Mal aus der Luft angegriffen worden. Den schwersten Angriff flogen die Alliierten am Abend des 5. März. Insgesamt kamen bei den Luftangriffen rund 4.000 Menschen ums Leben. Rund 80 Prozent der Chemnitzer Innenstadt wurden zerstört.

Quelle: MDR/al

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 13.02.2020 | 16:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Chemnitz
MDR SACHSENSPIEGEL | 16.02.2020 | 19:00 Uhr

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