Soziale Nachhaltigkeit Chemnitzer Forscher: "Die Logik des Kapitalismus steht der Nachhaltigkeit im Wege"

Nachhaltigkeit ist viel mehr als bloßer Umweltschutz. Nur wenn auch menschliche Ressourcen geschont und ausbalancierte Verhältnisse geschaffen werden, kann eine Gesellschaft langfristig gesund sein. Die Wegwerfgesellschaft nutzt Materialien und Arbeitskräfte jedoch nur, um Produkte mit einer kurzen Lebensdauer herzustellen. Wie wichtig soziale Nachhaltigkeit ist, erklärt Christian Huber, Forscher für Organisationen und Nachhaltigkeit an der TU Chemnitz im Interview mit MDR SACHSEN.

Weltweite Demonstration unter dem Motto Alle fuers Klima , initiiert der Klimaaktivisten von Fridays for Future am Brandenburger Tor in Berlin
Nicht mehr die Ökonomie als oberste Priorität, sondern soziale und ökologische Aspekte in den Vordergrund rücken - das wünschen sich Fridays-for-future-Anhänger und viele andere Menschen. Bildrechte: imago images/photothek

MDR Sachsen: Viele verstehen unter Nachhaltigkeit vor allem Umweltschutz. Was ist soziale Nachhaltigkeit?

Christian Huber: Ziel sozialer Nachhaltigkeit ist es, allen Menschen ein würdiges Leben zu ermöglichen. Mensch und Gesellschaft stehen im Mittelpunkt dieser Betrachtungen. Soziale, ökologische und auch ökonomische Dimensionen müssen jedoch zusammen betrachtet werden, weil sie sich gegenseitig stark beeinflussen.

Wie kann eine sozial nachhaltige Gesellschaft aussehen?

Aus globaler Perspektive ist das Ziel einer nachhaltigen Gesellschaft zum Beispiel, Armut, Hunger und Unterernährung ein Ende zu bereiten. Globale Ziele sind auch eine gute Gesundheitsversorgung, hochwertige Bildung, Geschlechtergleichheit oder eine menschenwürdige Arbeit.

Christian Huber
Christian M. Huber ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Organisation und Internationales Management der TU und schreibt seine Doktorarbeit zu Nachhaltigkeit. Bildrechte: Christian Huber

In Deutschland leiden wir nicht unbedingt an Unterernährung…

Aus deutscher Perspektive spielt die Einkommens und Vermögensverteilung eine große Rolle. Deutschland hat ein, im weltweiten Vergleich, ziemlich gutes Mindestsicherungssystem. Absolute Armut kann hier vermieden werden. Der Fokus in Deutschland betrifft die relative Armut. Hier geht es praktisch um die eingeschränkte Möglichkeit der materiellen gesellschaftlichen und kulturellen Teilhabe der Menschen.

Armut soll schon lange abgeschafft werden. Warum braucht es jetzt dafür den Nachhaltigkeitsbegriff? Was ist daran neu?

Neu ist der Begriff der Nachhaltigkeit im Endeffekt gar nicht. Neu ist, dass immer mehr Bewusstsein für Nachhaltigkeit entsteht und auch gefördert wird.

Grafik - Profit und Moral
Eine menschenwürdige Arbeit, bei der weder Personen noch Ressourcen ausgebeutet werden, ist ein Ziel sozialer Nachhaltigkeit. Bildrechte: imago images/Panthermedia

Was bedeutet das konkret?

Nehmen wir ein regionales Beispiel aus Sachsen. Hier gibt es eine große Differenz zwischen Städten und ländlichem Raum. Für eine gesunde Gesellschaft gilt es trotz dieser Unterschiede, gleichwertige Lebensverhältnisse für alle zu schaffen. Die Attraktivität von Dörfern sowie Klein-, Mittel- und Großstädten sollte gleichermaßen gefördert werden. Es muss sozusagen eine Daseinsvorsorge gesichert  und die wirtschaftliche Entwicklung im ländlichen Raum unterstützt werden, um beispielsweise den Wegzug aufzuhalten oder zu verringern. Dazu gehört auch sozialer Wohnungsbau, flächendeckender Mobilfunk, der Breitbandausbau und auch die medizinische Versorgung. Ein anderes Beispiel ist die Integration von Migrantinnen und Migranten. Gelingt es ihnen, die Sprachbarriere abzubauen und deutsch zu sprechen, können sie besser integriert werden. Nachhaltige Ziele sind also nicht nur ein abstraktes Konstrukt, sondern ganz konkrete Ziele im Miteinander.

Demonstration auf dem Fahrrad von Fridays for Future Dresden und Verkehrswende Dresden.
Saubere Luft und Platz für alle: In Dresden demonstrierten im Juli Radfahrer für eine Verkehrswende in der Landeshauptstadt. Nicht mehr der Autofahrer, sondern alle Verkehrsteilnehmer sollen bei einer neuen sauberen Mobilität bedacht werden. Bildrechte: imago images/Thomas Eisenhuth

Was passiert, wenn diese einfach vernachlässigt werden? Kann die Gesellschaft dann lang anhaltend nicht erfolgreich sein?

Nehmen wir in Deutschland die Schere zwischen Arm und Reich. Gewisse Menschen profitieren von nicht-nachhaltigen Entwicklungen, ein Großteil der Bevölkerung leidet aber darunter. Natürlich gibt es immer Gewinner einer Krise, doch die Gesellschaft als Ganzes verliert bei nicht nachhaltigen Entwicklungen. Soziale Nachhaltigkeit ist deswegen untrennbar mit sozialer Gerechtigkeit verbunden.

Nachhaltigkeit gilt als Votum für Verzicht. Ist sie ein Gegenentwurf zur Wegwerf- und Konsumgesellschaft?

Nachhaltigkeit muss als Ganzes in all ihren Dimensionen betrachtet werden. Wenn der Gesellschaft eine nachhaltige Entwicklung gelingen soll, brauchen wir ein Bewusstsein für die Ziele und eine Kultur der Nachhaltigkeit. Wir brauchen mehr Mut zu offenen Diskussionen ohne Tabus. Vor allem vor dem Hintergrund der Wegwerf- und Konsumgesellschaft sollten die positiven Aspekte eines freiwilligen Verzichts herausgestellt werden.

Ist Nachhaltigkeit also ein Gegenentwurf?

Nachhaltiges Leben ist auf alle Fälle eine Alternative. Es gibt auch das Vorurteil, dass ein nachhaltiger Lebensstil Konsum ausschließt oder - plakativ gesagt - wir uns zurück in die Steinzeit, in die Höhlen katapultieren. Dem ist aber nicht so. Viel mehr wird der eigene Konsum hinterfragt und bewusst konsumiert.

Kann das wirklich gelingen?

Nachhaltiges Leben kann funktionieren, es gibt nur gewisse Barrieren, die dem entgegenstehen. Der Kapitalismus beispielsweise. Unser kapitalistisches Wirtschaftssystem ist ja darauf ausgelegt, dass das Wachstum des Profits an erster Stelle steht. Diese Logik des Kapitalismus steht natürlich der Realisierung einer ökologischen oder sozialen Nachhaltigkeit im Weg. Es sollte also kein Zweifel daran bestehen, dass die Forderung von Nachhaltigkeit mit Kapitalismuskritik einhergehen muss. Ganz einfach ausgedrückt: Ein unendliches Wachstum ist auf einem endlichen Planeten einfach nicht möglich.

Was muss passieren?

Aus diesem Anspruch folgt für Nachhaltigkeit eine Notwendigkeit, unsere gegenwärtigen Formen des Wirtschaftens zu überwinden und eine sozialökologische Transformation anzustreben. Soziale und ökologische Aspekte sollten künftig beim Wirtschaften und im Leben allgemein im Vordergrund stehen - nicht mehr nur allein die ökonomische Perspektive.

Illustration - zwei Hände halten die Weltkugel
Bildrechte: Colourbox.de

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 17.11.2020 | 20:00 - 23:00 Uhr

Mehr aus Chemnitz und Stollberg

Mehr aus Sachsen