02.11.2019 | 18:10 Uhr Stadtrundgang beleuchtet den NSU im Fritz-Heckert-Gebiet in Chemnitz

In Chemnitz und Zwickau hatten die NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe einst Unterschlupf gefunden. Ihnen werden zehn Morde und weitere Straftaten zur Last gelegt. Das Tribunal "NSU-Komplex auflösen" will bis Sonntag in beiden Städten die Lage von Migranten in Sachsen beleuchten und den NSU-Komplex weiter aufarbeiten. Ein Stadtrundgang durch das Fritz-Heckert-Gebiet zeigte Wohn- und Wirkunsstätten des NSU in Chemnitz und stellte eine Verbindung zu den Stadtentwicklungsprozessen im Plattenbaugebiet her.

Banner gegen Rassismus vor dem ehemaligen rechten Jugendclub "Piccolo"
Vor dem ehemaligen Jugendclub "Piccolo" zeigen die rund 100 Teilnehmer des Stadtrundgangs Banner gegen Rassismus. Der Club galt als Treffpunkt der rechtsextremen Szene. Bildrechte: MDR/Anett Linke

Knapp 100 Menschen führt Stadtforscher Dominik Intelmann am Sonnabend durch einen Teil des Fritz-Heckert-Gebiets in Chemnitz. Im Rahmen des Tribunals "NSU-Komplex auflösen" führt er Teilnehmer an Orte, an denen die rechte Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) gelebt und gewirkt hat. Intelmann ist selbst in Chemnitz geboren und im Heckert-Gebiet aufgewachsen. Viele der Teilnehmer sind zum ersten Mal in Chemnitz.

Dominik Intelmann beginnt seine Führung mit einer Einordnung des Wohngebietes. "In der DDR waren solche Plattenbau-Viertel sehr beliebt", sagt er. Kurz vor der Wende wohnten hier verschiedenste Gruppen quer durch die Gesellschaft. Mitte der 1990er-Jahre zogen dann viele weg, um ihren Lebensstandard zu verbessern. "Im Plattenbau zu leben, war plötzlich 'out'", so Intelmann. "Leute, die anders tickten, zogen weg. Zurück blieb eine rechte Hegemonie."

Das Haus der Friedrich-Viertel-Straße 85 steht heute nicht mehr. Hier bezogen die NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe im Januar 1998 ihre erste Wohnung in Chemnitz. Insgesamt wohnten in diesem Haus fünf Neonazi-Wohngemeinschaften. "Der NSU ist hier nicht bei Privatleuten untergekommen, sondern bei Strukturen", sagt Intelmann.

Stadtforscher Dominik Intelmann
Stadtforscher Dominik Intelmann ist selbst im Friedrich-Heckert-Gebiet aufgewachsen. Bildrechte: MDR/Anett Linke

Der zweite Halt beim Rundgang ist eine Straßenecke, in Sichtweite von zwei wichtigen Orten der Chemnitzer NSU-Geschichte. Die Johannes-Dick-Straße 4 ist ein unauffälliger Flachbau gleich neben einem kleinen Waldstück, der früher eine Postfiliale beherbergte. Hier beging der NSU seinen vierten Raubüberfall in Chemnitz und erbeutete 39.000 D-Mark.

An der gleichen Straßenecke befindet sich der ehemalige Jugendclub "Piccolo". Er galt als Treff der Neonaziszene und des Helfernetzwerkes des NSU. "Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt selbst waren allerdings nie in diesem Club", erklärt Intelmann. Hier trafen sich aber zum Beispiel die rechten Gruppierungen "HooNaRa" (Hooligans, Nazis, Rassisten) und die "88er".

"Die damalige Jugendarbeit hat unterstützt, dass sich rechte Strukturen entwickeln konnte", erklärt Intelmann den Zuhörern. Die Jugendarbeit sei damals darauf angelegt gewesen, rechte Jugendliche zu integrieren ohne ihnen Erkennungszeichen oder Ähnliches zu verbieten. Vor dem ehemaligen "Piccolo" entrollen die Teilnehmer des Rundgangs zwei große Banner, die für eine Gesellschaft der Vielen und gegen Rassismus werben. Sie wollen hier ein Zeichen für Toleranz setzen.

Vortrag an der Wolgograder Allee 76
In der Wolgograder Allee 76 hatte das NSU-Trio seine vierte Wohnung in Chemnitz. Bildrechte: MDR/Anett Linke

Der dritte Halt auf dem Rundgang ist die Wolgograder Allee 76. Hier lebte das NSU-Trio von April 1999 bis Juni 2000 in seiner vierten Chemnitzer Wohnung. In dieser Zeit beobachtete der Verfassungsschutz die ehemalige Wohnung in der Friedrich-Viertel-Straße 85, obwohl sie längst weitergezogen waren. Im 6. Stock des Hauses gab es eine Nazi-Wohngemeinschaft, die mit rechter Musik und "Sieg Heil"-Rufen den Hausbewohnern auffiel, während der NSU unauffällig im Erdgeschoss lebte.

"Nach der Wende haben sich die Menschen sehr ins Private zurückgezogen", erzählt Intelmann. "Die DDR-Hausgemeinschaft, die auch heute noch als Mythos kursiert, gab es einfach nicht mehr." Die Menschen lebten für sich, mit ihren eigenen Ängsten. Ständig entschieden Wohnungsgesellschaften, welche Häuser im Rahmen des Stadtumbaus Ost abgerissen wurden. "Die Plattenbaugebiete waren auf einmal abgehängt und nicht mehr gewollt", fasst Intelmann abschließend die Situation zusammen, in der der NSU jahrelang unerkannt in der Stadt leben konnte.

NSU-Rundgang über den Kaßberg Auch über den Kaßberg gab es am Sonnabend eine Führung zu Orten des NSU. Die Geschichtswerkstatt Chemnitz entwickelte einen interaktiven Rundgang, den jeder mit seinem Handy absolvieren kann.

Dazu muss nur die kostenlose App "Actionbound" heruntergeladen werden. Unter dem Stichwort "NSU Geschichtswerkstatt" kann der rund zweistündige Rundgang aufgerufen werden.

Quelle: MDR/al

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 01.11.2019 | 10:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Chemnitz

Zuletzt aktualisiert: 02. November 2019, 18:10 Uhr

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