Mehrere Polizeifahrzeuge stehen vor dem Karl-Marx-Kopf
Bildrechte: Harry Härtel

13.06.2019 | 08:02 Uhr Daniel H.-Prozess in Chemnitz: Blick aus dem Dönerladen zum Tatort

Um eine Zeugenaussage zur tödlichen Messerattacke auf Daniel H. besser beurteilen zu können, gab es in der Nacht zu Donnerstag eine Vor-Ort-Begehung in Chemnnitz. Wie viel vom Tatort war durch das Fenster eines Dönerladens erkennbar gewesen, so die Frage der Richter. MDR SACHSEN-Reporterin Anett Linke war vor Ort.

Mehrere Polizeifahrzeuge stehen vor dem Karl-Marx-Kopf
Bildrechte: Harry Härtel

22:00 Uhr - Vorzeitiger Ladenschluss

Schon jetzt ist zu sehen, dass es kein normaler Abend in Chemnitz wird. Vor dem Dönerladen "Alanya" haben sich Polizisten und viele Pressevertreter versammelt. Normalerweise ist hier auch spät abends viel Betrieb: Es ist eine der wenigen Anlaufstellen in der Chemnitzer Innenstadt, die nachts noch geöffnet sind. Doch in dieser Mittwochnacht wird der Laden ungewohnt früh schließen. Die letzten Gäste essen vor dem Laden ihre Döner. In knapp zweieinhalb Stunden wird es hier eine "Inaugenscheinnahme" geben. Denn genau aus diesem Dönerladen hat ein Zeuge im August letzten Jahres den Tod von Daniel H. beobachtet. Nun will das Gericht überprüfen, was wirklich bei Nacht aus dem Fenster des "Alanya" zu sehen ist. Zu meiner Überraschung sind bereits interessierte Beobachter vor Ort.

22:43 Uhr -Polizei stellt Absperrgitter auf

Die ersten Absperrgitter stehen, um neugierige Zuschauer abzuhalten. Ein Polizist verlässt den Dönerladen mit einem Hund. Anscheinend ist die Durchsuchung beendet. Noch können die Schaulustigen relativ dicht an den Laden heran. Doch zu sehen gibt es nichts außer Polizisten und Justizbeamten, die den Bereich sichern.

Polizisten stellen ein Absperrgitter auf.
Bildrechte: Harry Härtel

23:45 Uhr - Schaulustige werden durchsucht

Nun wird der Laden großzügiger abgesperrt. Die Polizei bittet alle Anwesenden auf die andere Straßenseite. In der Mitte der Straße befindet sich eine Straßenbahnhaltestelle. Hier wird der Zuschauerbereich eingerichtet. Doch wer den betreten möchte, muss sich durchsuchen lassen und sogar sein Handy abgeben. Die Szenerie ist mehr als surreal. Rund 50 Personen stehen an, um in den Publikumsbereich zu gelangen. Und das, um andere Menschen dabei zu beobachten, wie sie aus dem Fenster sehen.

23:49 Uhr - Wagenburg gegen neugierige Blicke

Die Polizei baut kurzzeitig eine Art Wagenburg auf der Kreuzung, um die Sicht abzuschirmen. Es wirkt eindrucksvoll, bleibt aber wirkungslos, da die Zuschauer von der anderen Seite weiterhin in den Dönerladen gucken können. Die Pressesprecherin des Landgerichts, Marika Lang, erläutert noch einmal den Ablauf: "Eine Personengruppe wird nach den Zeugenangaben aufgestellt und dann schauen alle der Reihe nach aus dem Fenster."

00:15 Uhr - Tross der Prozess-Beteiligten erscheint

Eine Polizeikolonne kommt an und bringt alle am Prozess Beteiligten: Richter, Staatsanwaltschaft, Verteidiger, Nebenkläger und auch den Angeklagten.

00:23 Uhr - Der Himmel schickt Regen

Regen setzt ein und ich frage mich, ob das die Sichtverhältnisse beeinflusst. Die Nacht im August letzten Jahres war trocken. Die rund 50 Zuschauer stehen entlang der Straßenbahnhaltestelle und unterhalten sich. Auch auf der anderen Straßenseite sitzen noch einige Schaulustige.

00:38 Uhr - Kurzes Intermezzo

Eine Gruppe verlässt den Publikumsbereich. Was zuerst wirkt, als würden sie vor dem Regen flüchten, ist tatsächlich schon das Ende. Alle Beteiligten haben aus dem Fenster gesehen und sind bereits wieder davongefahren. Zu sehen war für die Zuschauer wahrscheinlich auch nicht viel mehr als für mich: nämlich nichts. Viele hatten vielleicht nicht einmal mitbekommen, dass der Termin begonnen hatte, als er auch schon wieder vorbei war.

Polizisten stehen vor dem Dönerladen
Bildrechte: Harry Härtel

00:52 Uhr - Absperrband und Gitter verschwinden

Die Polizei gibt die gesperrten Bereiche nach und nach wieder frei. Absperrband und Absperrgitter werden abgebaut. Auch der Regen hat jetzt nachgelassen. "Das Gericht wollte sich selbst überzeugen, was man sieht, wenn man aus dem Fenster schaut", fasst Marika Lang den Zweck des heutigen Termins noch einmal zusammen. "Eigentlich hat das Ganze in der Vorbereitung länger gedauert als die Inaugenscheinnahme selbst." Diese habe fünf Minuten in Anspruch genommen, allein die Personenkontrolle für den Zuschauerbereich schon 30 Minuten. Das Ergebnis der Inaugenscheinnahme könne sie jetzt nicht nennen, so Lang.

01:07 Uhr - Der Karl-Marx-Kopf bleibt

Die Schaulustigen und die Polizei sind verschwunden. Chemnitz zeigt sich wieder in seinem normalen nächtlichen Gewand: Kaum jemand auf der Straße, grelles Licht im Dönerladen. Und über allem thront lächelnd der Karl-Marx-Kopf und fragt sich wahrscheinlich, welche Szene sich ihm als nächstes bieten wird.

Quelle: MDR/al

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 12.06.2019 | 13:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Chemnitz

AKTUELLES AUS SACHSEN

Mehr aus Chemnitz und Stollberg

Mehr aus Sachsen