Kulturmagazin "Aufgefallen" Chemnitzer Theaterchef Christoph Dittrich zwischen Hoffen und Bangen

Der Chemnitzer Theaterchef Christoph Dittrich kann sich über die erfolgreiche Kulturhauptstadtbewerbung freuen. Vorerst bleibt das Theater aber geschlossen. Für das Kulturmagagzin "Aufgefallen" hat Andreas Berger mit ihm über spannende und angespannte Zeiten für das Theater gesprochen.

Der Generalintendant der Theater Chemnitz, Christoph Dittrich lächelt am 12.09.2013 vor der Oper Chemnitz in die Kamera.
Der Generalintendant der Theater Chemnitz, Christoph Dittrich Bildrechte: dpa

Andreas Berger: Erinnern wir uns noch einmal: 13.27 Uhr am vergangenen Mittwoch verkündete die Juryvorsitzende Sylvia Amann: Chemnitz ist 2025 die Europäische Kulturhauptstadt Deutschlands. Es gab riesigen Jubel in der Stadt. Und dann am späten Nachmittag kam die Nachricht, dass ab 2. November die Theater wieder alle schließen müssen. Wie haben Sie das aufgenommen?

Christoph Dittrich: Beides schwebte ja gewissermaßen in der Luft. Eine riesige Spannung natürlich, ob Chemnitz den Titel erhalten wird. Aber Sie haben völlig recht, dass sind Glücksgefühle gewesen, überwältigend, wie man sie kaum beschreiben kann. Denn wenn eine über vierjährige konzentrierte, mutige und kreative Arbeit, eine aufwändige Arbeit, in einer Sekunde in einen solchen Erfolg mündet, das erlebt man wirklich nicht häufig. Dieses Glücksgefühl war so stark, dass die Beschäftigung mit dem nun anstehenden, erneuten Schließungsvorgang im Theater durchaus ein bisschen überspielt wurde. Wir müssen ja sagen, dass wir nun leider schon eine gewisse Erfahrung haben im Runterfahren des Theaterbetriebes durch die Zeit von März bis Mai. Aus der Kenntnis heraus haben wir bestimmte Dinge schon vorbereitet, sei es die Information, die Kartenrückgabe oder die wirtschaftliche Planung. Aber das macht mich natürlich nicht froh.

Dass Sie wirklich immer daran geglaubt haben, dass Chemnitz Europäische Kulturhauptstadt werden kann, das glaube ich. Aber auch, dass es noch mal einen Lockdown für Theater gibt?

Ich habe daran geglaubt, dass Chemnitz eine ganz reale und große Chance hat. In keinem Fall hätte es einen Verlierer gegeben. Dass es dann so gekommen ist, das ist dieser breiten Wirkung, die wir angestrebt haben, in der ganzen Breite der Kultur auf die Stadt zuzugehen, geschuldet, glaube ich. Dass dieser Glaube Früchte getragen hat, das ist schön. Gewusst habe ich das natürlich nicht. Dass wir noch einmal die Theater schließen müssen, das habe ich mir nicht so richtig vorstellen können. Das kann man auch als Theatermann nicht wirklich unterstützen. Aber ich muss auch sagen, ich akzeptiere es. Ich verstehe die Situation, dass 75 % der Infektionsquellen nicht erkannt sind und einfach gesellschaftliche Bewegungen für einen begrenzten Zeitraum heruntergeschraubt werden sollen, um uns möglichst eine gute Advents- und Weihnachtszeit zu sichern.

Also ich habe in den letzten Tagen - seit dem Mittwoch - ich sag es mal salopp: viel Grummeln gehört, dass die Theater, die Museen, Kinos und die Kabaretts - ja nahezu alle Kultureinrichtung - wieder schließen müssen. Es gab schon Verständnis aufgrund der Situation, aber es war auch heraus zu hören, diesmal ist das Verständnis geringer als das noch im Frühjahr der Fall gewesen ist.

Das ist absolut richtig. Es geht um das gesamtgesellschaftliche Verständnis. Das betrifft ja nicht nur die Theater, das betrifft ganz viele Einrichtungen. Das betrifft in erster Linie Menschen, die dahinter stehen, die sich Geschäfte, eine Lebensgrundlage aufgebaut haben und die durch eine solche Schließung einfach bedroht sind. Da ist enorm viel Emotion aufgrund der wirtschaftliche Situation dabei. Und mit dieser Akzeptanz dieses Vorgangs bei mir, die ich Ihnen gerade beschrieben habe, verbindet sich die ganz klare Forderung, dass es dort einen Ausgleich geben muss. Das ist von der Bundesregierung so beschrieben worden und das muss eintreten, weil es nicht sein kann, dass dieses Opfer, was dort gebracht wird, diesen Menschen allein angelastet wird. Sie müssen für ihre Existenz eine Perspektive erkennen können. Dafür muss Hilfe her.

Schauspielhaus Chemnitz
Auch im Chemnitzer Schauspielhaus gehen die Lichter bis Ende November aus. Bildrechte: dpa

Die Frage, die sich stellt, ist: Wie groß ist die Gefahr der Entwöhnung? Fürchten Sie nicht, dass, selbst wenn Sie am 1. Dezember oder womöglich erst Anfang Januar, wieder eröffnen sollten, dass dann die Nachfrage beim Publikum gar nicht mehr da ist?

Wir erleben beides. Auf der einen Seite haben wir bereits jetzt für den Dezember viele ausverkaufte Vorstellungen - noch unter dem Hygiene-Konzept, das wir entwickelt hatten und das noch vor 14 Tagen Gültigkeit hatte. Es gibt also eine unglaubliche Nachfrage nach Kulturveranstaltungen in allen Sparten. Auf der anderen Seite gebe ich Ihnen recht, dass ich Schäden befürchte, sozusagen Kollateralschäden, dass Menschen darauf konditioniert werden, es geht ja quasi auch ohne. Das ist eine Befürchtung! Dort liegt es auch an uns selbst, entsprechend dagegen zu wirken und dafür zu werben. Ich habe auch bei unserem Publikum, als wir jetzt die Kontakte hatten und die Leute sich auf wunderbare Vorstellungen im November gefreut haben, Verständnis gehört und natürlich Trauer. Und ich habe die Ansage gehört, dass die Leute definitiv wiederkommen. "Bieten Sie uns Ersatztermine an!" Aber ich gebe Ihnen recht. Es ist eine sehr schwierige Situation. Denken Sie auch an die kulturelle Bildung, was jetzt dort brachliegt oder brachliegen muss, die Kontakte zu den Schulen, zu den Lehrern. Das ist wirklich dramatisch. Auch dort sind wir besorgt, dass das nur schwer wieder aufzubauen sein wird, aber unsere ganze Energie muss darauf gerichtet sein, das für die Zukunft zu sichern.

Haben Sie schon Ideen, was jetzt im November - außer Proben - passiert? Wird es wieder eine Internetoffensive geben? Wie wollen Sie auf Ihr Publikum zugehen?

Ja, wir werden die Erfahrungen aus dieser Übung, die wir im März, April und Mai gewonnen haben, auf jeden Fall einbringen. Aber ich weiß, dass es im Wesentlichen darum geht, Kontakt zu halten, die Sympathie von unseren Fans, von unserem Publikum für unsere Künstler aufrecht zu erhalten. Es gibt keinen wirklichen Ersatz von Kultur und Kunst. Leider. In der digitalen Welt sehe ich ihn nicht und zwar weil neben dem eigentlichen Genuss von dem, was auf der Bühne zu erleben ist, gerade die Begegnung mit anderen Menschen bei der Kultur im Mittelpunkt steht und die lässt sich nun einmal digital nicht ersetzen. Also ist es eine Art Brücke, die wir durch digitale Angebote wieder versuchen zu bauen, um uns dann in der Folgezeit wieder begegnen zu können - mit Neugier und in Aufrechterhaltung der Sympathie.

Vielen Dank, ich drücke Ihnen die Daumen.

Quelle: MDR/ab/tfr

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 02.11.2020 | 20:00 Uhr bis 23:00 im Kulturmagazin "Aufgefallen"

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