Zwei Justizbeamte führen einen Mann in Handschellen in den Gerichtssaal.
Nach 18 Verhandlungstagen soll am Donnerstag das Urteil fallen. Bildrechte: xcitePRESS

22.08.2019 | 10:22 Uhr Letzter Prozesstag um Tod von Daniel H. gestartet

Vor knapp einem Jahr wird in Chemnitz ein Mann erstochen. Die Tat wühlt die Stadt auf, weil rechte Kräfte den Tod des Deutschen für sich nutzen. Im Verfahren gegen einen tatverdächtigen Syrer steht nun das Urteil bevor. Der unerwartet zeitige Richterspruch - immerhin waren Termine bis Ende Oktober festgelegt gewesen - wird mit Spannung erwartet, von einigen sicher auch mit Sorge. Wie reagiert Chemnitz? Wird die Stadt erneut aufgewühlt - oder beruhigt sich alles weiter?

Zwei Justizbeamte führen einen Mann in Handschellen in den Gerichtssaal.
Nach 18 Verhandlungstagen soll am Donnerstag das Urteil fallen. Bildrechte: xcitePRESS

Im Prozess um den tödlichen Messerangriff auf Daniel H. vor einem Jahr in Chemnitz ist der voraussichtlich letzte Prozesstag gestartet. Am Nachmittag soll das Urteil fallen. Davor halten die drei Nebenklagevertreter sowie die Verteidigung ihre Schlussvorträge. Zudem darf der Angeklagte, der während des gesamten Prozesses zu den Tatvorwürfen geschwiegen hat, sein letztes Wort sprechen.

Anklage fordert zehn Jahre Haft

Am Montag hatte die Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer eine Freiheitsstrafe für den Angeklagten Alaa S. aus Syrien gefordert. Er soll gemeinsam mit einem noch flüchtigen Iraker am 26. August 2018 den 35 Jahre alten Daniel H. in Chemnitz erstochen haben. Zudem wird ihm vorgeworfen, einen weiteren Mann mit einem Messerstich verletzt zu haben.

Für den Totschlag an Daniel H. forderte die Staatsanwaltschaft neun Jahre Haft, für die gefährliche Körperverletzung zwei Jahre. Dies habe der Staatsanwalt zu einer Gesamtforderung von zehn Jahren Haft verbunden, erklärte eine Sprecherin des Chemnitzer Landgerichts. Die Höchststrafe bei Totschlag beträgt 15 Jahre. Ursprünglich waren Termine bis zum 29. Oktober vorgesehen.

Widersprüchliche Aussagen des Hauptbelastungszeugen

In seinem Plädoyer erläuterte Staatsanwalt Stephan Butzkies, weshalb er die in der Anklageschrift verfassten Tatvorwürfe durch die Beweisaufnahme in weiten Teilen für bewiesen hält. Der Hauptbelastungszeuge - ein früherer Angestellter eines Döner-Ladens - hatte demnach zunächst davon berichtet, dass er den Angeklagten aus einem Fenster des Imbisses am Tatort gesehen hat, wie er mit schlagenden oder stechenden Bewegungen auf das Opfer eingewirkt hat. Bei späteren Vernehmungen und auch vor Gericht wurden seine Aussagen zunehmend unpräziser.

Prozessauftakt um Tod von Daniel H.
Am 18. März wurde der Prozess eröffnet. Der Angeklagte Alaa S. beteuerte in einem Fernsehinterview seine Unschuld. Bildrechte: xcitePRESS

Der Staatsanwalt räumte Widersprüche und Einsilbigkeit des Libanesen ein. Den "Kernsachverhalt" aber habe er von Anfang bis Ende gleich beschrieben. Der Zeuge sei über Monate durch äußere Einflüsse wie Bedrohungen oder auch die Ermittlungen mürbe gemacht worden. Daher, so Butzkies, wundere ihn dessen Aussageverhalten nicht. Man müsse aber seine Aussagen in der Gesamtheit bewerten. Überdies seien wichtige Details von anderen Zeugen bestätigt worden. "An der Glaubwürdigkeit der Person und der Glaubhaftigkeit seiner Aussagen habe ich keine Zweifel", betonte der Staatsanwalt. Daher sei für ihn belegt, dass der Angeklagte die Übergriffe auf die beiden Geschädigten zu verantworten habe.

Alaa S.: "Ich habe Angst."

Alaa S. sitzt seit einem Jahr in der JVA Waldheim in Untersuchungshaft. Seit dem 18. März muss er sich vor dem Landgericht Chemnitz verantworten. Der Angeklagte hat bisher vor Gericht geschwiegen. In einem Interview mit dem ZDF-Magazin "Frontal 21" erklärt er erstmals öffentlich, an der Tötung von Daniel H. nicht beteiligt gewesen zu sein. Nach einem Jahr Untersuchungshaft glaube er kaum noch an ein faires Urteil, sagte Alaa S. dem ZDF. "Ich habe Angst vor jedem hier, ich habe Angst vor den Mitgefangenen, ich habe Angst vor den Beamten. Ich habe sogar Angst vor dem Gericht."

Ich schwöre bei meiner Mutter, ich habe ihn nicht angefasst. Ich habe überhaupt nicht das Messer angefasst.

Alaa S. Interview des ZDF-Magazins "Frontal 21"

Die Konfrontation mit der Mutter und der Schwester des Getöteten im Gerichtssaal habe ihn belastet, so Alaa S. weiter. "Danach konnte ich nicht mehr schlafen. Der den Sohn getötet hat, dem wünsche ich lebenslang. Seit einem Jahr warte ich nur auf die Wahrheit."

In Chemnitz war es nach der Tat am 26. August 2018 zu fremdenfeindlichen Übergriffen und Demonstrationen gekommen. Aus Sicherheitsgründen findet der Prozess in einem Gebäude des Oberlandesgerichtes in Dresden statt.

Quelle: MDR/cnj/dk/dpa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio| 22.08.2019 | 05:00 Uhr in den Nachrichten

Zuletzt aktualisiert: 22. August 2019, 10:22 Uhr

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