Frau vor Fenster
Bildrechte: Ute Bonstedt

Ehemalige Frauenhaftanstalt der DDR bei Stollberg Ute Bonstedt: "Pläne für Hoheneck sind eine Schande für unsere Erinnerungskultur"

Etwa 23.000 Frauen sollen die Haftzeit von Hoheneck bis 1989 durchlebt haben, heute ist hier eine Gedenkstätte. Aber es gibt Umbaupläne für das Areal. In die Gebäude soll ein Jugendtheater einziehen und eine Ausstellung zu Schilfbooten. Außerdem soll es künftig in einem Gebäudeteil eine Ausstellung zum ehemaligen Frauengefängnis geben. Die ehemalige Insassin Ute Bonstedt plädiert aber dafür, den Ort so authentisch wie möglich zu erhalten, nur so könne die Erinnerung wach gehalten werden.

Frau vor Fenster
Bildrechte: Ute Bonstedt

Über Ute Bonstedt hatte die Stasi mehr als 2.700 Seiten Aktenmaterial angelegt. Ihr Vergehen aus Sicht des DDR-Regimes: Mit zwei anderen Jugendlichen hatte sie "pazifistische Losungen" in Rostock verbreitet. Sie landete im berüchtigten Frauengefängnis Hoheneck bei Stollberg. Hoheneck sei für sie gleichbedeutend mit Horror und Leid. MDR SACHSEN sprach mit der ehemaligen Insassin, die heute in den USA und Deutschland lebt.

Frau Bonstedt, die Stadt Stollberg hat das Areal gekauft. Für das ehemalige Frauengefängnis gibt es jetzt ein Konzept für Umbauten. Was halten Sie davon?

Wenn ich nach Hoheneck fahre, also beispielsweise als Schüler, der interessiert ist an einer Geschichte, also ich meine authentische Geschichte, dann möchte ich sehen, wie es war. Dieser Ort steht für so viel Leid. Das hat für eine bestimmte Gruppe, die dort war, einen identifizierenden Charakter, der so ureigen ist und so eigenartig. Eine Gedenkstätte hat ja auch eine identitätsstiftende Funktion. Die ist sehr individuell. Hoheneck war das größte Frauengefängnis der DDR. Diese identitätsstiftende Funktion, die findet sich wieder, egal, in welcher Gedenkstätte, wenn sie authentisch ist: im Namen, in den Gebäuden und in der Darstellung. Wenn das vertuscht, verschleiert und weggenommen wird, dann habe ich keine Gedenkstätte. Dann habe ich ein Konzept mit einem anderen Inhalt. Aber wo ist dann das Gedenken? Wo ist das Verstehen?

Gehen Ihnen die Umbaupläne also zu weit?

Blick durch ein vergittertes Fenster auf den Innenhof des ehemaligen DDR-Frauenzuchthauses Hoheneck im sächsischen Stollberg.
Blick durch ein vergittertes Fenster auf den Innenhof des ehemaligen DDR-Frauenzuchthauses Hoheneck im sächsischen Stollberg. Bildrechte: dpa

Wenn ich das sehe, dann bin ich erschüttert. Das ist eine Ignoranz und so eine unsensible Art und Weise. Als Business Analyst und Finanzdirektor verstehe ich die Motivation einer Stadt oder eines Oberbürgermeisters. Als Opfer und Betroffene und auch für meine Angehörigen geht das einfach nicht. Ich finde, es ist eine Schande für unsere Erinnerungskultur, dass wir es nicht schaffen, nachdem wir das aus der Nazi-Zeit hätten lernen müssen. Das wiederholt sich einfach. Das ist eine Schande für uns alle. Und wenn man das nicht erhält, sondern so nebenbei sagt 'und dann haben wir hier auch noch die Gedenkstätte', ist das für mich ein Schuss ins Herz. Ich bin verwundet. Und ich spüre die gleiche Ohnmacht wie damals.

Haben Sie das Gefühl, die Stadt Stollberg geht sensibel genug mit der Vergangenheit um?

Tatsache ist, es ist eine Geschichtsverfälschung, weil man nicht hingucken mag. Da müsste man seine Schatten angucken. Die meisten waren früher entweder direkt oder beteiligt. Aber in Stollberg - gerade im Stadtteil Hoheneck. Da waren unsere Wärter. Da waren die, die uns das Leben bewusst schwer gemacht haben, die uns als Mörder oder Schwerverbrecher bezeichnet haben und uns ausradieren wollten. Da kommt bei mir auch das persönliche Leid damals in Hoheneck hoch. Heute verschwindet das alles. Es stellt sich die Hoffnungslosigkeit ein.

Die Stadt will natürlich nicht hinschauen, wie die Bürger, weil man müsste sich eingestehen, ich war entweder Teil davon oder meine Stadt kommt vielleicht nicht so gut an. Da sind wirtschaftliche Interessen dahinter, die kann ich auch nachvollziehen. Aber nicht auf unsere Kosten.

Wie wichtig ist es für folgende Generationen, mit der Geschichte der DDR umzugehen?

In 20 Jahren wird jeder sagen, so wie heute: 'So schlimm war es doch gar nicht in der DDR, wir hatten doch Kindergärten'. Genau so wird das mit Hoheneck passieren. Da wird gesagt: 'Mensch, da haben wir ein schönes Schloss'. Nach 30 Jahren hat das größte Frauengefängnis der DDR keine würdige Gedenkstätte und somit auch die Opfer nicht. Wir haben halt keine Lobby. Wir haben kein Geld. Wir sind die traumatisierten Kranken. Das ist so ein bisschen wie spucken ins Meer. Sie hoffen, dass sich dem irgendeiner annimmt und sagt: Mensch, hier müssen wir hinschauen, damit die Farbe wieder dahin kommt, wo sie hin muss.

Waren Sie selbst nochmal im ehemaligen Frauenzuchthaus?

Hoheneck war für mich ein Albtraum. Ich war zweimal in Hoheneck. Einmal 2009 mit meinem Sohn nur ganz kurz. Da bin ich gleich wieder weg. Das ging gar nicht. Ich bin schwer traumatisiert. Ich kann erst seit diesem Jahr überhaupt darüber reden und habe einen ganz langen Weg der Heilung hinter mir. Heilen kann man nicht, das ist klar. Ich bin 2011 eingebrochen in Hoheneck und hab dort meine Bilder gemacht, war da einen ganzen Tag und eine halbe Nacht. Es kann man schwer beschreiben, das muss man einfach erlebt haben.

In welcher Form wollen sie selbst künftig daran erinnern?

Ich habe die Vorstellung, ein Online-Museum herzustellen mit einer zentralen Datenbank, was Hoheneck betrifft. Und ich hoffe, ich kann einen Forschungsauftrag stellen, um das Ganze auch authentisch sachlich darzustellen. Außerdem hoffe ich auch Bilder zu finden, die genau das wiedergeben.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 14.03.2019 | 19:00 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 16. März 2019, 17:27 Uhr

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