30.11.2019 | 15:50 Uhr Alleinerziehende: Drückt uns keinen Stempel auf

Was brauchen Alleinerziehende, um ihren schwierigen Alltag besser zu meistern? Welche politischen Forderungen leiten sie daraus ab? Wie finden sich Menschen in ähnlichen Lebenssituationen besser zusammen, um stärker auftreten zu können? Diesen und ähnlichen Fragen widmete sich am Sonnabend die Veranstaltung "Jetzt sind Sie mal dran! - Ein Vormittag für Alleinerziehende und ihre Kinder" der Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen in Chemnitz.

Vor dem Abendhimmel über einem Feld hebt eine Mutter ihr Baby in die Luft.
Bildrechte: dpa

Katrin (Name v.d.Redak. geändert) aus Döbeln ist alleinerziehende Mutter. Seit fünf Jahren kümmert sie sich allein um ihre drei Kinder. Die größte Schwierigkeit für sie sind die unflexiblen Kita-Betreuungszeiten.

In ihrem Beruf müsse sie mal früher anfangen oder auch abends länger arbeiten. Das sei mit den Kita-Zeiten mehr als schwierig. Die Extrabeteuungszeiten würden einfach ohne Vorwarnung von ihrem Konto abgebucht. "Das letzte Mal waren es über 200 Euro am 15. November", erzählt Katrin. "Aber in der Mitte des Monats habe ich so viel Geld nicht mehr auf dem Konto."

Mit Vereinen und Politik an einem Tisch

Im Interdisziplinären Frühförderzentrum in Chemnitz findet sie viel Verständnis für ihre Geschichte. Am Tisch sitzen andere alleinerziehende Mütter, aber auch Brunhild Fischer vom "Landesverband der Selbsthilfegruppen Alleinerziehender e.V." (Shia), Jacqueline Hofmann vom "Familienverein für Groß und Klein in Chemnitz e.V.", Kathrin Bastet von der Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen, die Grüne Stadträtin Christin Furtenbacher sowie die Grüne Landtagsabgeordnete Kathleen Kuhfuß.

Alleinerziehende in Sachsen In Sachsen gab es 2015 93.400 Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern. Ihr Anteil an allen Familien mit minderjährigen Kindern belief sich auf 24 Prozent. Damit lag der Anteil in Sachsen über dem bundesdeutschen Durchschnittswert von 21 Prozent.

Die meisten Alleinerziehenden sind weiblich. Der Anteil alleinerziehender Väter belief sich 2015 auf zwölf Prozent. Sozialbericht Sachsen

Katrin spricht von ihrem Wunsch nach Hilfe. Aber nicht Hilfe bei der Kinderbetreuung, sondern im Haushalt. "Das hat nichts mit Bequemlichkeit zu tun", sagt sie. "Ich möchte einfach Zeit haben, mich auf die Kinder zu konzentrieren." Kathleen Kuhfuß sagt ihr, dass sie auch eine Haushaltshilfe beim Jugendamt beantragen könne. Sie müsse allerdings dem Jugendamt gleichzeitig zeigen, dass sie alles im Griff habe. "Sonst gilt man gleich als Problemfall und wird auch entsprechend behandelt", so Kuhfuß.

Fehlende Information über Angebote und Hilfsleistungen

Die anderen im Raum stimmen zu. "Wenn du aber im Jobcenter behandelt wirst wie ein alter Scheuerlappen, kommst du nicht auf die Idee etwas zu beantragen", ergänzt Brunhild Fischer. Immer wieder erzählen ihr Frauen, dass sie sich diskriminiert fühlen. Insgesamt würden die Ämter zu wenig über zustehende Hilfsleistungen und Angebote informieren.

Die schlechte Informationslage scheint ein allgemeines Problem zu sein. Mehrere Mütter im Raum wünschen sich, mehr über Angebote in ihrer Stadt zu wissen. Jacqueline Hofmann vom "Familienverein für Groß und Klein in Chemnitz" weiß um die Schwierigkeiten. Sie habe kaum Zeit die Öffentlichkeitsarbeit für ihren Verein zu machen.

"Ich habe für jede Veranstaltung eine Vor- und Nachbereitungszeit von jeweils einer halben Stunde", so Hofmann. "Wie soll ich in dieser Zeit noch netzwerken und auch die Öffentlichkeitsarbeit schaffen?" Der Verein werde von der Stadt Chemnitz unterstützt, trotzdem laufen laut Hofmann die Fäden noch nicht so zusammen, wie sie es gerne hätte. Auch ihr fehlten oft Informationen, welche Angebote die Stadt bereithält.

Derzeit wird Datenbank entwickelt

Derzeit werde eine sachsenweite Datenbank entwickelt, in der über Angebote von Kommunen und freien Trägern im Familienbildungs- und Beratungsbereich informiert werde, sagt Jacqueline Hofmann.

Eine Mutter wünscht sich ein "Leih-Oma"-Programm. Hofmann erzählt, dass es sowohl Familienpatenschaften von der Caritas als auch "Leih-Omas" beim Mehrgenerationenhaus geben würde. Auch hier zeigt sich der fehlende Informationsfluss. Keine der anwesenden Alleinerziehenden hatte bereits davon gehört.

Politik braucht Informationen aus erster Hand

Christin Furtenbacher ist sehr froh über dieses Treffen. "Ich mache Jugendhilfepolitik im Stadtrat. Daher brauche ich aus erster Hand die Informationen, was die Allereinerziehenden brauchen", sagt sie. Genau wie Kuhfuß macht sie sich Notizen über Wünsche der Mütter, bei denen die Politik unterstützen kann. Einig sind sich alle, dass mobile Strukturen geschaffen werden müssen, um auch Alleinerziehende in kleinen Städten zu unterstützen.

Zum Abschluss äußert Katrin noch den Wunsch nach Akzeptanz. "Ich möchte keinen Stempel aufgedrückt bekommen, weil ich allein mit drei Kindern bin", sagt sie. "Meine Kollegen haben zum Beispiel keine Vorstellung davon, was man noch alles macht, wenn man 15 Uhr geht."

Quelle: MDR/al

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR AKTUELL RADIO | 22.07.2019 | 08:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. November 2019, 15:50 Uhr

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