Attacke am 27. August 2018 Jüdischer Restaurant-Besitzer bestätigt Überfall in Chemnitz

Während der Ausschreitungen am Abend des 27. August in Chemnitz sollen unbekannte Neonazis auch ein jüdisches Restaurant angegriffen haben. Der Inhaber wurde verletzt und erstattete Anzeige. Innenminister Wöller hat das Opfer besucht.

Uwe Dziuballa, Eigentümer des jüdischen Restaurants ''Schalom'', steht vor einem Wandbild in seinem Restaurant in Chemnitz.
Der Restaurantbesitzer Uwe Dziuballa hat Unbekannte angezeigt, die ihn am 27. August an seinem Chemnitzer Restaurant attackiert haben. Bildrechte: dpa

Der Wirt des jüdischen Restaurants "Schalom" in Chemnitz, Uwe Dziuballa, hat bestätigt, dass am 27. August mutmaßliche Neonazis sein Lokal angegriffen haben. "Das waren extreme zehn Sekunden", sagte Dziuballa. Demnach habe er an dem Abend vor zwei Wochen 21.40 Uhr nach einer Lesung ein Geräusch auf der Terrasse gehört. Als er vor die Tür getreten sei, seien faustgroße Steine, Flaschen und andere Gegenstände geworfen worden. Ein Stein habe ihn an der rechten Schulter getroffen. Sachsens Innenminister Roland Wöller besuchte das Chemnitzer Restaurant am Sonnabendabend. Wer jüdische Mitbürger oder Einrichtungen des jüdischen Lebens attackiere, greife die gesamte Gesellschaft und das friedliche Zusammenleben an, erklärte er nach dem Treffen. Auf Twitter schrieb das Innenministerium: "Die Polizei Sachsen arbeitet mit Hochdruck daran, diese widerliche Tat aufzuklären."

Die Zeitung "Welt am Sonntag" hatte zuvor über den antisemitischen Angriff berichtet. Das Landeskriminalamt Sachsen hatte auf Anfrage der Zeitung bestätigt, dass eine entsprechende Anzeige bearbeitet werde. Laut der Zeitung hätten die Täter antisemitische Beleidigungen gerufen.

Unbekannte beim Wegrennen fotografiert

"Ich stand einfach nur da", erinnerte sich der Restaurantbesitzer. Er sei erst völlig überrascht und dann sehr aufgeregt und voller Adrenalin gewesen. "Es waren zehn bis zwölf Personen", sagte Dziuballa über die Angreifer. Und weiter: "Ich kann das beweisen. Ich habe sie beim Wegrennen fotografiert." Nach ein bis zwei Minuten sei die herbeigerufene Polizei dagewesen. Die Polizisten hätten versucht, ihn zu beruhigen, und er habe ordnungsgemäß Anzeige erstattet.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer kündigte auch ein Treffen mit dem Wirt an. Der Regierungschef habe bereits mit dem Gastwirt telefoniert, sagte Regierungssprecher Ralph Schreiber. Ein Termin stehe noch nicht fest. Zudem würden die genauen Hintergründe des Angriffs noch ermittelt.

Entsetzen bei Politikern und Zentralrat der Juden

Politiker verlangten unterdessen eine umfassende Aufklärung. Der Beauftragte gegen Antisemitismus der Bundesregierung, Felix Klein, zeigte sich besorgt. "Sollten die Berichte zutreffen, haben wir es mit dem Überfall auf das jüdische Restaurant in Chemnitz mit einer neuen Qualität antisemitischer Straftaten zu tun. Hier werden die schlimmsten Erinnerungen an die dreißiger Jahre wachgerufen", sagte Klein. Eine gründliche Untersuchung aller offenen Vorgänge in Chemnitz verlangte Unionsfraktionschef Volker Kauder. "Das wäre ein Weg, die Diskussion endlich zu versachlichen." FDP-Chef Christian Lindner hält die rechtsextrem motivierten Attacken auf das koschere Restaurant "Schalom" für "einen neuen Tiefpunkt".

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat den Angriff auf ein koscheres Restaurant in Chemnitz verurteilt und die Politik zum Handeln aufgerufen. Zentralrats-Präsident Josef Schuster meinte, Beschwichtigungsversuche und eine mangelnde Distanzierung von Rechtspopulisten spielten genau diesen Kräften in die Hände. "Wir müssen das Problem beim Namen nennen. Das erwarte ich vor allem von denen, die für die innere Sicherheit in Deutschland verantwortlich sind." In diesem Zusammenhang griff er indirekt Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen an, der nach eigenen Worten keine Belege für Hetzjagden in Chemnitz sieht und die Echtheit eines Videos dazu in Zweifel gezogen hat. "Die Bestrebungen der Verfassungsbehörden, die Vorfälle offensichtlich zu bagatellisieren, lassen mich ernsthaft an der Arbeit dieser Behörden zweifeln", sagte Schuster.

In Chemnitz war in der Nacht zum 26. August der 35-jährige Deutsch-Kubaner Daniel H. erstochen worden. Drei Asylbewerber aus Syrien und dem Irak sind dringend tatverdächtig. Bereits kurz nach der Tat kam es zu rechten Spontanveranstaltungen. Auch am 27. August kam es bei einer rechtsgerichteten Demonstration zu Ausschreitungen. Über das Ausmaß war in den vergangenen Tagen eine breite Debatte entstanden.

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Quelle: MDR/kk/epd/dpa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 08.09.2018 | 16:00 Uhr in den Nachrichten

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Zuletzt aktualisiert: 12. September 2018, 19:50 Uhr

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