Zuckerfest Tierschutzdemo Chemnitz 8.6.2019
Zucker für die Kinder: Beim Zuckerfest des Arabischen Vereins für Kultur und Integration wurde gehüpft, gesungen und musiziert. Bildrechte: Harry Härtel

08.06.2019 | 20:43 Uhr Chemnitz zwischen Zuckerfest, Tierschutzdemo und Protest-Grillen

Der Karl-Marx-Kopf in Chemnitz ist ein symbolischer Ort. Hier versammeln sich Menschen zu Protesten, um ihre Meinung kundzutun. Die ist so vielfältig wie es Menschen in der Stadt gibt. Die Szenerie der sich widerstrebenden Positionen könnte skurril genannt werden und ist doch irgendwie auch normal. Ein Rundgang durch die Stadt am Sonnabend verstärkt diesen Eindruck.

Zuckerfest Tierschutzdemo Chemnitz 8.6.2019
Zucker für die Kinder: Beim Zuckerfest des Arabischen Vereins für Kultur und Integration wurde gehüpft, gesungen und musiziert. Bildrechte: Harry Härtel

Sonnabendmorgen auf den Markt von Chemnitz: Gemüse aus Lommatzsch, Oliven aus Griechenland, Räucherfisch aus der Umgebung gehen über die Theke. Und hinter vielen Ständen verkaufen Menschen mit offensichtlichem Migrationshintergrund ihre Ware an die Chemnitzer. Nun könnte der Besucher angesichts des friedlichen Markttreibens denken: "Was haben immer nur alle mit Chemnitz. Ist doch ganz schön hier." Wäre da nicht…

Ja wäre da nicht die Messerstecherei im August 2018 gewesen. Und wären da nicht die rechtsgerichteten Ausschreitungen, die Demonstrationen der rechten Bürgerbewegung Pro Chemnitz oder der rechtsradikale "Tag der deutschen Zukunft" am vergangenen Sonnabend. Und natürlich die zahlreichen Gegenproteste. Chemnitz gleicht derzeit einem Hotspot, einem Sammelbecken für zahlreiche, sich widersprechende Meinungen, Sorgen, Nöte und Ängste, die auf die Straße getragen werden.   

Tierschützer, Muslime und Pro Chemnitz-Anhänger

So auch an diesem Sonnabend. Am Karl-Marx-Monument versammeln sich Tierrechtler, um unter dem Motto "Für die Schließung aller Schlachthäuser" auf Missstände in der Tierhaltung hinzuweisen und sich gegen den Verzehr von Fleisch auszusprechen. Zeitgleich veranstaltet der Arabische Verein für Kultur und Integration das Zuckerfest für Kinder an gleicher Stelle. Am Roten Turm finden sich zur gleichen Zeit zirka 100 Anhänger des rechten Bürgerbündnisses Pro Chemnitz. Mit dem Grillen von Schweinefleisch wollen sie gegen das Zuckerfest protestieren.

Zuckerfest Tierschutzdemo Chemnitz 8.6.2019
Trommeln unterm "Nischel": Arabische und deutsche Kinder musizieren beim Zuckerfest gemeinsam. Nach Angaben des Kulturbüros Sachsen sind etwa 1.000 Menschen gekommen - die Hälfte davon waren Kinder. Bildrechte: Harry Härtel

"Ich schäme mich ein bisschen für meine Stadt"

Zuckerfest Tierschutzdemo Chemnitz 8.6.2019
Rund 150 Tierschützer haben am Sonnabend in Chemnitz unter dem Motto "Für die Schließung aller Schlachthäuser" demonstriert. Bildrechte: Harry Härtel

Am Nischel hingegen wird musiziert, Kinder springen auf Hüpfburgen, die zirka 150 Tierrechtler begeben sich laut skandierend auf ihren Protestzug durch die Innenstadt. Die Chemnitzerin Nancy, Sprecherin vom Demo-Veranstalter "Animal Rights Watch", ist angesichts des Stadtklimas sprachlos. "Ich schäme mich ein bisschen für meine Stadt", erklärte sie MDR SACHSEN. Auch deshalb wolle man ein Zeichen setzen und mit dem Zuckerfest zusammen an einer Stelle demonstrieren - auch wenn die Botschaften unterschiedliche seien.

"Wir sterben nicht, wenn sie Schweine grillen"

Angesprochen auf das Protestgrillen sagt Abd Ulrahman Al-Dasuqi, stellvertretender Vorstand vom Arabischen Verein für Kultur und Integration: "In einem demokratischen Land hat jeder das Recht, zu demonstrieren und zu sagen was er will. Wir sterben nicht, wenn sie Schweine grillen." Mitglied Yaman Kanakri ergänzt: "Wir repräsentieren die Demokratie. Was repräsentieren sie?"

Die Antwort auf die Frage gibt Pro Chemnitz-Sprecher Martin Kohlmann. Das Zuckerfest an sich sei kein Problem für das Bündnis. "Wir haben nichts gegen Zucker und wir haben nichts gegen Feste. Wir haben aber was dagegen, dass ein islamisches Fest von der Stadt bezahlt wird", sagt er mit Blick auf die Städtischen Kunstsammlungen, die das Zuckerfest mitausrichten.

Zuckerfest Tierschutzdemo Chemnitz 8.6.2019
Yaman Kanakri (rechts) und Abd Ulrahman Al-Dasuqi vom Arabischen Verein für Kultur und Integration. Bildrechte: Moritz Arand

"Wir haben keine Angst"

Vom Protestgrillen lässt sich Kanakri nicht die Laune verderben. "Hier geht es nicht um Religion. Das Fest ist für die Kinder." Hinsichtlich des Stadtklimas fühlt er sich in Chemnitz sicher. "Es ist angenehm hier. Wir können sicher auf der Straße laufen, wir haben keine Angst." Es gebe immer mal Vorfälle, "aber die gibt es überall", gibt der seit 2016 in Chemnitz lebende Lehrer zu bedenken.

Während die Rufe der Tierrechtsdemo allmählich leiser werden, klingt der Sound afrikanischer Trommel-Musik vom Marxkopf hinüber zu den Protestgrillern. Währenddessen geht der Rest der Stadt weiter einkaufen oder sitzt einfach in der Sonne unter dem blauen Himmel von Chemnitz.

Quelle: MDR/mar

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 08.06.2019 | 19:00 Uhr

AKTUELLES AUS SACHSEN

Mehr aus Chemnitz und Stollberg

Mehr aus Sachsen