20.09.2019 | 17:00 Uhr Nahverkehr im Praxistest: Kurze Strecke, lange Fahrt

Union und SPD haben ein Klimaschutzpaket beschlossen. Unter anderem soll der Personennahverkehr modernisiert und ausgebaut werden. Dass das nötig ist, zeigt ein Selbstversuch.

von Anett Linke

Ortsschild Kolkau.
Bildrechte: MDR/Anett Linke

14 Kilometer und eine Autofahrt von 20 Minuten - das trennt die beiden mittelsächsischen Orte Mittweida und Kolkau. Der Ort Kolkau gehört zur Gemeinde Seelitz und hat 140 Einwohner. Einkaufsmöglichkeiten oder einen Arzt sucht man hier vergeblich. Es gibt einen Kindergarten und eine Grundschule. Für alles andere müssen die Einwohner nach Rochlitz, Geringswalde oder eben Mittweida fahren. Wie kommt man ohne Auto in der Region voran? Das will ich testen.

Etappe 1: Von Mittweida nach Altmittweida

Mein Versuch startet um 9 Uhr morgens am Bahnhof Mittweida. Von hier geht es mit der Citybahn eine Haltestelle weit bis Altmittweida. Bereits dort stehe ich vor der ersten Herausforderung. Nach dem Aussteigen aus der Bahn muss ich die Bushaltestelle für den Anschlussbus ohne Hinweisschilder ausfindig machen.

Bushaltestelle Altmittweida.
Bushaltestelle Altmittweida Bildrechte: MDR/Anett Linke

Etappe 2: Von Altmittweida nach Burgstädt

Nach einigen Minuten Suchen habe ich die Bushaltestelle gefunden. Erst in 30 Minuten fährt mein Bus. Der Busfahrer ist freundlich, er gibt mir den Tipp, statt in Claußnitz in Burgstädt umzusteigen. Da in Claußnitz ein Aufenthalt von einer Stunde gedroht hätte, fällt mir die Entscheidung nicht schwer. Nach Burgstädt also.

In Burgstädt sind es dann trotzdem 30 Minuten Aufenthalt. Zumindest gibt es hier mehrere Haltestellen und sogar einen Imbiss kann ich entdecken. Die Sonne scheint, mein Buch habe ich dabei. Die Wartezeit vergeht mit Lesen. Im nächsten Bus geht es erst einmal einen Teil der Strecke wieder zurück. In Claußnitz biegt der Bus dann auf einen neuen Abschnitt ab. Die Wartezeit, die ich eingespart habe, geht bei der Busfahrt wieder drauf.

Bushaltestelle Burgstädt.
Bushaltestelle Burgstädt Bildrechte: MDR/Anett Linke

Etappe 3: Von Burgstädt nach Nöbeln

Mein nächstes Etappenziel ist Nöbeln. Auch hier sind etwa 30 Minuten Wartezeit geplant. Es gibt ein festes Wartehäuschen, in dem die Bänke bereits etwas angestaubt sind. Gegenüber befindet sich ein Gasthof. Allerdings hat der nur von 11:30 bis 14:30 Uhr geöffnet. 11:26 Uhr fährt aber mein Bus. Das Buch leistet mir auch hier wertvolle Dienste.

Bushaltestelle Nöbeln
Bushaltestelle Nöbeln Bildrechte: MDR/Anett Linke

Etappe 4: Von Nöbeln nach Kolkau, Versuch 1

Nun steht die letzte Etappe an. Der Bus passiert die erste Haltestelle. Doch dann zeigt er plötzlich die Haltestellen nicht mehr an und für Ortsunkundige wie mich gibt es keine Chance zu erkennen, welche Haltestelle als nächstes kommt. Also drücke ich auf gut Glück den Halteknopf. Beim Aussteigen stelle ich fest: zu spät. Statt der Kreuzung zu Kolkau ist es die Haltestelle Biesern, Mühle. Mit dem Handy in der Hand sollte es ja nicht schwer sein herauszufinden, wo genau ich mich befinde. Doch mobiles Internet ist in Biesern Mangelware, zumindest für mich.

Also eben altmodisch nach dem Weg fragen. Doch auch das ist schwierig. Kein Mensch ist in dem Ort zu sehen. Dann gehe ich wohl doch wieder zur Haltestelle und fahre mit dem Bus ein Stück zurück. Die Straße ist eine stark befahrene Bundesstraße und eignet sich nicht für einen langen Fußweg. Daniel Kummer geht gerade zu seinem Traktor, der neben der Bushaltestelle steht. Er fährt hier nie mit dem Bus, immer nur mit dem Auto, erzählt er mir. "Selbst wenn man einkaufen geht, man kriegt ja nichts groß getragen oder wartet stundenlang auf die Busse", so Kummer. "Auf die Nachbardörfer kommt man so gut wie gar nicht."

Bushaltestelle Biesern.
Bushaltestelle Biesern Bildrechte: MDR/Anett Linke

Etappe 5: Von Biesern nach Kolkau

Der Bus kommt. Mein nächster Versuch nach Kolkau zu kommen. Dieses Mal frage ich direkt den Busfahrer. Doch der scheint sich auf der Strecke nicht so gut auszukennen. Er hält eine Kreuzung zu früh und will mich aussteigen lassen. Zum Glück ruft eine ältere Dame: "Hier nicht. Es ist eine weiter." Sie kennt sich aus, da sie selbst an dieser Haltestelle aussteigen muss. Siglinde König wohnt in Seebitzschen, das ebenso wie Kolkau zu Seelitz gehört. Sie nimmt oft den Bus nach Rochlitz. Er fahre alle zwei Stunden und so könne sie in Ruhe ihre Einkäufe erledigen.

Siglinde König kann froh sein: Seebitzschen liegt direkt an der Bushaltestelle. Nach Kolkau würde sie ihre Einkäufe nicht tragen wollen. Es wäre von der Haltestelle aus noch ein Fußweg von 20 Minuten. Das Auto auch auf dem Land stehen zu lassen, ist für sie dank der Busverbindung zwischen Seebitzschen und Rochlitz kein Problem. Schwierig findet sie nur die Schließung des Krankenhauses in Rochlitz. "Falls doch mal etwas ist, muss man bis Mittweida und das ist kompliziert", sagt sie. "Da muss mich dann meine Tochter fahren."

Siglinde König
Siglinde König an der Bushaltestelle Kreuzung Seebitzschen und Kolkau Bildrechte: MDR/Anett Linke

Etappe 6: Von der Bushaltestelle zu Fuß in den Ort

Nun also noch ein Weg von 20 Minuten bis Kolkau. Es gibt keinen Fußweg, ich muss auf einer kleinen Straße laufen. Um Kurven, einige Hügel rauf und runter. Insgesamt dreieinhalb Stunden nach Fahrtbeginn ist endlich das Ortsschild von Kolkau zu sehen. Ich fühle mich wie ein Weltreisender, der endlich sein Ziel erreicht hat.

Kolkau selbst ist wie ausgestorben. Nicht einen Menschen kann ich entdecken. Nur ab und zu fährt ein Auto an mir vorbei. Ich stelle mir vor, wie die Menschen von hier meine Tour in umgekehrter Reihenfolge hinter sich bringen müssen, um nach Mittweida zu kommen. Die Rückfahrt ist danach fast ein Kinderspiel. Um diese Uhrzeit führt die Verbindung über Rochlitz und dauert mit Fußweg zur Haltestelle nur eineinhalb Stunden. Mein Fazit: Sich wie in der Stadt einfach an die Haltestelle zu stellen, funktioniert auf dem Land nicht. Jede Fahrt und jeder Termin muss gut geplant werden, um eine möglichst kurze Strecke zu erwischen. Aber egal welche Variante, die 20 Minuten Autofahrt kann die Busverbindung zwischen Mittweida und Kolkau nicht schlagen.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 20.09.2019 | ab 05:00 Uhr in den Nachrichten

Zuletzt aktualisiert: 20. September 2019, 17:00 Uhr

7 Kommentare

real_silver vor 11 Wochen

Mir geht es da ähnlich, daher kann ich bei dem Geplärre der Klima-Fanatiker nur mit dem Kopf schütteln - die Öffentlichen sind so wie sie jetzt sind definitiv keine Alternative zum Auto. Das ist in großen Städten anders - mich wundert's daher nicht, dass zum Beispiel die Leipziger da wahltechnisch in Sachsen Ausreißer waren, denn dort funktionieren solche Dinge, welche die Grünen fordern zum Teil - außerhalb der großen Städte ist das aber komplett anders. Wenn ich mich persönlich für Bus und Bahn statt Auto entscheiden würde, müsste ich einiges mehr bezahlen, wäre in meiner Mobilität eingeschränkt, bräuchte für den Arbeitsweg mehr als das Doppelte an Zeit und müsste mich zudem drauf verlassen, dass die Busse pünktlich sind und nicht gestreikt wird. Alles in allem nutze ich dieses Angebot daher nur, wenn das Auto mal in die Werkstatt muss - ansonsten: Nein, danke.

Dor Ub vor 11 Wochen

Sind wir doch mal ehrlich, es wird über alles viel diskutiert und geredet, doch geändert wird dadurch kaum etwas. Man sieht ja ein, je weniger Leute mitfahren desto mehr werden die betroffenen Buslinien ausgedünnt. Auf der anderen Seite gibt es Buslinien, die an Wochenenden nicht von den Betreibern, sondern z. B. vom Tourismus Verband finanziert werden. Dort fahren im 2 Stunden Takt Busse (fast) ohne Fahrgäste. Andere Linien, bei denen ein weitaus höheres Fahrgast Aufkommen zu verzeichnen war wurden an Wochenenden eingestellt. Daran sieht man doch, das diese Diskussionen nicht's bewirken. Die Leute, welche Entscheidungen treffen, machen dennoch was SIE für richtig halten.

Ekkehard Kohfeld vor 11 Wochen

"Es wirkt etwas konstruiert, um den Öffentlichen Nahverkehr schlechter darzustellen, als er zugegebenermaßen, vor allem auf dem Land ist."

Ach tatsächlich,hier fährt der Bus nur 3 mal am Tag
und zu Zeiten die für Berufstätige in der Kreisstadt
überhaupt nicht zu gebrauchen und in den Ferien fährt gar keine,sind aber keine Schulbusse.Versuchen sie nicht etwas schön zu reden was nicht schön ist.Man kann diese Relativieren einfach nicht mehr hören,könnt ihr alle die Wahrheit nicht mehr vertragen,darf man in unserm Land Roß und Reiter nicht mehr nennen und auf Missstände oder nicht so gute Maßnahmen hinweisen,bricht euch da ein Zacken aus der Krone oder wird der Heiligenschein schmutzig?

Mehr aus Sachsen