Nach Ereignissen in Chemnitz Chemnitzer begegnen Kanzlerin Merkel mit Dank, Wut und harschen Fragen

Freitag um eins macht jeder seins und Feierabend? Nicht an diesem Freitag zum Besuch der Kanzlerin Angela Merkel in Chemnitz. Ab 13 Uhr traf sie sich mit Sportlern, danach mit Bürgern, Lokalpolitikern und Zeitungslesern. Dabei bekam die Regierungschefin viele enttäuschte, teil wütende Fragen und Statements zu hören.

Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht mit den Lesern und Gästen der Freien Presse Chemnitz
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Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte lange darüber nachgedacht, nach Chemnitz zu kommen. Sie wollte nicht in einer völlig aufgeheizten Stimmung nach dem gewaltsamen Tod eines Chemnitzers kommen und noch weiter polarisieren, sagte sie während ihres Besuchs am Freitag in Chemnitz. Knapp zehn Wochen nach der Messerattacke und einer Reihe rassistischer Übergriffe und Demonstrationen suchte Merkel Gespräche und wollte sich die Unzufriedenheiten der Chemnitzer anhören.

Immer wieder Unmut über Merkels Flüchtlingspolitik

Demos am Rande des Merkel-Besuchs in Chemnitz
Zu Protesten gegen die Kanzlerin hatten Rechte in Chemnitz aufgerufen. Bildrechte: xcitepress

Kritik und viele Fragen musste sich die Kanzlerin am späteren Nachmittag bei einem Leserforum anhören, zu dem die Zeitung "Freie Presse" 120 Leser eingeladen hatte. Dort nannte sie den Messerangriff Ende August einen "schrecklichen Mord", der viele Menschen in Chemnitz aufgewühlt habe. Dies rechtfertige aber keine rechten Demonstrationen, bei denen nationalsozialistische Symbole gezeigt würden, stellte Merkel klar.

Im selben Atemzug würdigte sie all jene, die sich den Rechten "zu Tausenden entgegengestellt" haben. Dies sei "ein gutes Zeichen". Nicht nur die Situation in der gespaltenen Stadt nach den Ereignissen vom August ist Thema des Orts-Besuchs.

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Eingeladener Leser zu Angela Merkel

Sie musste sich zum Teil auch kritischen Fragen zur Flüchtlingspolitik, zum Ärztemangel oder zur Pflege stellen. "Sind Sie noch der Meinung, für dieses Land die richtige Kanzlerin zu sein?" und "Wann treten Sie endlich zurück?" fragten zwei Besucher. Ihnen antwortete Angela Merkel: "Ich bin gewählt für diese Legislaturperiode, ich bin bereit, bis zum Ende der Legislaturperiode meine Aufgabe auszufüllen. Das Wahlergebnis von 2017 muss von uns allen akzeptiert werden."

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Schüler Stadtschülerrat Chemnitz

Die Kanzlerin fordert die Ostdeutschen auf, selbstbewusster zu sein. Dass sich viele als Bürger zweiter Klasse fühlen, habe auch mit dem Eindruck zu tun, dass ihre Lebensleistung nach der Wende "nicht gewürdigt wird". "Aber wir haben viel geschafft, wir können stolz sein", sagte Merkel.

Junge Sportler berichten über Alltag in Chemnitz

Während des ersten Programmpunkts bei den Basketballspielern der "Niners Chemnitz" hatte Angela Merkel noch leichteres Spiel am Spielfeldrand. In der Richard-Hartmann-Halle unterhielt sie sich mit gut zwei Dutzend jungen Basketballern und stellte nach deren Auskunft viele Fragen. Die Kanzlerin sei "sehr locker" gewesen, sagte der 17-jährige Robert Marmai nach dem etwa einstündigen Treffen. Es sei vor allem um den Alltag in Chemnitz gegangen. Merkel habe wissen wollen, wie es den Spielern mit den Ereignissen von Ende August geht. Antwort der Spieler: "Es ist keine einfache Situation. Chemnitz war da nicht so, wie sie es kannten." Seitdem würden sie teilweise aus Sicherheitsgründen zu Spielen gefahren. Aber sie mögen Chemnitz und wollen, dass differenzierter berichtet werde.

Bürgerdialog und Straßenproteste

Differenzierte Medienberichterstattung über Chemnitz wünschte sich auch die Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD). Sie hatte sich mehrfach enttäuscht über den aus ihrer Sicht verspäteten Kanzlerbesuch geäußert. In einem Statement verlangte sie von Merkel mehr Dialog mit den Bürgern. "Wenn wir die Polarisierung unserer Gesellschaft aufhalten wollen, müssen wir ihr den Treibstoff entziehen, Probleme lösen und Unsicherheiten begegnen", mahnte Ludwig. Die Bundeskanzlerin gab während der Bürgerdiskussion selbstkritisch zu: "Es ist vielleicht das Bürgergespräch zu kurz gekommen." Politische Entscheidungen zu vermitteln sei Aufgabe jedes Bundestags- und Landtagsmitglieds, meinte die Regierungschefin.

In Chemnitz demonstrierten am Freitag rechte Gruppierungen mit Pegida und der AfD und auf der anderen Seite das linke Bündnis Nazifrei. Nach Angaben der Polizei waren bis zu 2.500 Menschen auf den Straßen. Die Proteste blieben jedoch friedlich und lösten sich nach dem Ende des Leserforums auf. Die Polizei registrierte insgesamt 16 Straftaten. Dabei habe es sich meist um Beleidigungen und um kleinere Delikte wie Verstöße gegen das Versammlungsgesetz oder Drogendelikte gehandelt, sagte eine Sprecherin.

Quelle: MDR/kk/AFP/dpa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 16.11.2018 | 19:00 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 18. November 2018, 10:05 Uhr

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