Interview Wolfsexperte: "Füttern verboten!"

Seit gut 200 Jahren gilt der Wolf im Erzgebirge als ausgerottet. Bis zum Juli 2016. Da ging in der Nähe von Bärenstein ein Wolf in eine automatische Fotofalle. Wurde dieses Tier noch auf böhmischer Seite gesichtet, gibt es seit November 2017 auch den ersten Nachweis für einen Wolf im sächsischen Teil des Gebirges. Das immer häufigere Auftauchen des Wolfes sorgt bei vielen für Unbehagen. MDR SACHSEN hat deswegen mit Philipp Kob vom Kontaktbüro "Wölfe in Sachsen" gesprochen.

Im Natur- und Umweltpark in Güstrow ist am 10.02.2011 ein Rudel Wölfe unterwegs.
Bildrechte: dpa

Wie gefährlich ist die derzeitige Verbreitung der Wolfspopulation in Sachsen?

Das Gefährdungspotenzial, das vom Wolf gegenüber Menschen ausgeht, ist als sehr gering zu bezeichnen. Von gesunden Wölfen geht in der Regel keine Gefahr für den Menschen aus. Menschen gehören nicht zur normalen Beute von Wölfen. Wolfsangriffe auf Menschen lassen sich vor allem auf drei Ursachen zurückführen: Tollwut, Provokation wie massives Bedrängen des Wolfes und Futterkonditionierung.

Wie sind die Erkenntnisse in anderen Ländern, in denen es jahrelange Erfahrungen mit Wölfen gibt?

Die Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass Wölfe in Kulturlandschaften leben können, ohne eine Gefahr für Menschen darzustellen. Wolfsgebiete, die ähnlich dicht mit Menschen besiedelt sind wie die Wolfsgebiete in Deutschland, und in denen ebenfalls keine (legale) Jagd auf Wölfe stattfindet, gibt es in Italien, der Schweiz, in Slowenien und Polen. Seit 1950 sind in diesen Ländern keine Angriffe auf Menschen vorgekommen.

Bislang haben sich Wölfe auf Ostsachsen beschränkt. Jetzt wurden auch Tiere nördlich von Leipzig, bei Zwickau und in Mittelsachsen gesichtet. Was bedeutet das?

Es könnte sich bei den Sichtungen um Wölfe auf Wanderschaft handeln. Zwischen dem ersten und zweiten Lebensjahr verlassen die Jungwölfe die Territorien ihrer Eltern und begeben sich auf die Suche nach geeignetem Lebensraum auf Wanderschaft.

Philipp Kob
Philipp Kobe arbeitet im Kontaktbüro "Wölfe in Sachsen" in Rietschen in der Oberlausitz. Bildrechte: Kontaktbüro "Wölfe in Sachsen"

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich Wölfe in dicht besiedelten Räumen ansiedeln?

Da Wölfe kein Interesse an Begegnungen mit Menschen haben und ihnen in der Regel aus dem Weg gehen, werden Ballungsgebiete eher gemieden. Es ist aber nichts Ungewöhnliches, dass Wölfe im Schutze der Dunkelheit auch mal durch Ortschaften hindurch laufen, so wie wir es auch von anderen Wildtieren zum Beispiel Füchsen und Rehen kennen.

Beobachten Sie eine Zunahme der Vorfälle, bei denen Wölfe ihre natürliche Scheu vor dem Menschen offenbar verloren haben?

Nein, es ist kein Trend zu erkennen, dass Wölfe ihr Verhalten ändern bzw. ihre Vorsicht vor Menschen ablegen. Die Tatsache, dass Wölfe an bewohnten Häusern vorbeilaufen und in der Nacht zuweilen auch Schafe mitten im Ort reißen, ist keine neue Entwicklung, sondern seit Beginn der natürlichen Wiederbesiedlung dokumentiert und kommuniziert.

Was sollten Menschen tun, die einem Wolf begegnen? Sollten sie sie verscheuchen, ignorieren oder füttern?

Auf keinen Fall füttern! Dadurch würde das Verhalten des Wolfes, zum Beispiel eine Annäherung an den Menschen, positiv verstärkt werden. Wenn Sie einem Wolf begegnen, zieht dieser sich in der Regel zurück, sobald er Sie bemerkt, oder Ihre Stimme hört. Junge Wölfe können aber neugieriger und weniger vorsichtig reagieren als alte. Sollte der Wolf sich nicht zurückziehen und Sie sich in der Situation unwohl fühlen, können Sie den Wolf in der Regel vertreiben indem Sie laut rufen oder in die Hände klatschen.

Sollten es Landwirte irgendwann schaffen, ihre Tiergehege und -weiden wolfssicher abzuschotten - wie würde sich das auf den Speiseplan des Wolfs auswirken?

Der Anteil an Nutztieren an der von Wölfen konsumierten Biomasse ist verschwindend gering. Der größte Anteil an der Biomasse besteht mit über 90 Prozent aus Beutetieren wie Rothirsch, Reh und Wildschwein. Es ist also davon auszugehen, dass ein Entzug von Nutztieren keinerlei Auswirkungen auf den Wolfsbestand hätte.

Beim Kontaktbüro "Wölfe in Sachsen" im sorbischen Rietschen können sich Interessierte über alle Fragen, die mit dem Wolf zusammenhängen, beraten lassen. Hilfe und Auskunft erhält man unter Tel.: 035772 46762; Fax: 035772 46771 oder
E-Mail: kontaktbuero@wolf-sachsen.de

Quelle: MDR/mwa

Über dieses Thema berichtete MDR SACHSEN auch im Radio: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 09.01.2018 | 09:00 Uhr in den Nachrichten

Zuletzt aktualisiert: 10. Januar 2018, 19:32 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

7 Kommentare

12.01.2018 16:36 Sandra 7

Rentner:
"Also schafft dei Nutztiere ab!"

Ich nehme an, das Gras auf den Deichen und in der Heide halten Sie dann persönlich mit der Nagelschere kurz?

12.01.2018 15:20 Fragender Rentner 6

Man füttert halt die Wölfe nicht mit Nutztieren. :-(

Also schafft dei Nutztiere ab! :-)

11.01.2018 17:51 Rasselbock 5

Naja, es gibt ne Menge böser Schwiegermütter, aber, ich würde sie deshalb auch nicht verfüttern an Wölfe. Wie PETA bin ich für Tierwohl. :-)

11.01.2018 13:27 matze 4

@ Fussballer ich stimme Ihnen hier voll und ganz zu.
Hier sieht man, wie weit einige von der Realität entfernt leben. Alle wollen Fleisch von glücklichen Tieren und das möglichst billig. Die Naturlandschaft(was eigentlich eine Kulturlandschaft ist) soll so schön mit den Wiesen erhalten bleiben wie sie ist. Aber der Wolf(andere Tiere interessieren dabei anscheinend nicht) darf darunter nicht leiden, komische Logik. Was macht den Wolf zu so einem besonderen Tier im Vergleich zu den vielen wirklich bedrohten Arten wie z.B. Großtrappe, Eisvogel, Feldhamster u.a., damit lässt sich anscheinend kein Geld verdienen bzw. müsste man dazu auch arbeiten in Form von Biotoppflege, aber dazu sind diese Wolfskuschler ja nicht in der Lage. So wird lieber ein Tier angehimmelt, das sich ohne Hilfe durch den Menschen, allein ansiedeln kann und den Schutz nicht benötigt. Und erst recht keine bundesweiten Kompetenzzentren(die es ja auch NUR für den Wolf gibt) rechtfertigt.

11.01.2018 06:51 bentin 3

Leider hat er ja Recht. Sobald man hungrige Wölfe füttert - würden sie die Scheu verlieren. Die Folge wäre, sie landen direkt auf der anderen Abschussliste. So oder so haben sie schlechte Karten.

10.01.2018 19:33 Fußballer 2

Da hat sich ja eine kleine Wolfsindustrie entwickelt. Forscher, sg. Experten und Wolfsbeschützer werden bezahlt. Nach den Rissen müssen die Schäfer die toten Tiere begutachten lassen, davon lebt auch wieder Einer. Dann wird im warmen Büro von Anderen ausgerechnet, was der Schäfer bekommt. Auflagen werden ihm wieder von Leuten erteilt, die arbeiten gehen könnten. Der Schäfer kauft Schutzmaßnahmen. Dazu muß er aber Anträge wegen der Subventionen stellen. Diese werden wieder im warmen Büro bearbeitet. uswusf. Eigentlich müßte man die Leute zum arbeiten schicken und von einem Teil des eingesparten Geldes den Schäfer subventionieren, da er ja wirklich was leistet.

10.01.2018 17:31 kein "Wolfsexperte" 1

interessant, welche Vergleiche Herr Kobe zieht. Nur Länder, in denen keine uneingeschränkte Jagd auf Wölfe möglich ist, werden in seine Betrachtungen einbezogen -und das auch noch fehlerhaft. In der Schweiz und Frankreich werden Wölfe bei entsprechenden Nutztierrissen geschossen, ohne wenn und aber. In Schweden, Norwegen und Finnland gibt es eine eingeschränkte Jagd (zahllimitiert; in Rentierzuchtgebieten jeder Rene angreifende Wolf). Rumänien, Weißrußland, Litauen, Estland und Lettland hat er lieber auch nicht berücksichtigt. Aus einigen dieser Länder gibt es durchaus Berichte über Angriffe von Wölfen auf Menschen; zuletzt auch einen aus Italien...
In Italien und Spanien leben - genauso wie in Schweden und Norwegen, deutlich weniger Wölfe pro 250 km² als in der Lausitz. Genauso wie in Schweden, Finnland und Norwegen. Das sollte man der Glaubwürdigkeit halber nicht verschweigen. Dass in Schweden jedes Jahr eine mittlere zweistelllige Zahl von Hunden durch Wölfe gerissen wird, ebenso!