10.10.2019 | 13:55 Uhr Maulkorb für Freiberger Theater?

Theater kann mehr als nur eine Spielwiese für Träumer sein. Das zeigten die Tage des Wendeherbstes '89 in der DDR. 30 Jahre später stehen Theaterleute erneut im Fokus - offenbar sind sie schon wieder politisch unbequem.

Theaterhaus in Freiberg in der abendlichen Dämmerung, über dem Eingang an der Fasade ist der Schriftzug 'Die Kunst gehört dem Volke' zu lesen.
Das Theater in Freiberg versteht sich auch als politischer Ort. Bildrechte: René Jungnickel

Die AfD im Stadtrat von Freiberg hat ihre Kritik am Mittelsächsischen Theater erneuert. Auf der vergangenen Stadtratssitzung forderte der AfD-Abgeordnete Mathias Stahl, dass sich das Theater in Zukunft nicht mehr "parteipolitisch" betätigen soll. Andernfalls müsse über eine Kürzung der Finanzmittel nachgedacht werden. Hintergrund von Stahls Forderung ist die Veranstaltungsreihe "Dialog" des Theaters. Im Rahmen dieser Reihe hatte die Journalistin Liane Bednarz Ende März ihr Sachbuch "Angstprediger" im Theater präsentieren wollen. Das Buch beschäftigt sich laut Verlag damit, "wie Teile der evangelischen, evangelikalen und katholischen Christen seit Jahren rechtes Gedankengut annehmen und verbreiten". 

OB pocht auf "strikte Neutralität"

Sven Krüger
Freiberges OB Sven Krüger fordert politische Neutralität. Bildrechte: imago/Uwe Meinhold

Gegen den Willen des Intendanten, aber mit Zustimmung des Geschäftsführers, wurde damals die Veranstaltung kurzfristig vom Theater in den Festsaal des Rathauses verlegt. Als Grund wurde angegeben, man rechne mit Störern. In einer späteren Stadtratssitzung hatte Freibergs Oberbürgermeister Sven Krüger die Entscheidung damit begründet, dass das Theater auf "strikte Neutralität" zu achten habe. Derartige Veranstaltungen dürften deswegen künftig nicht mehr in den Räumlichkeiten des Theaters organisiert und durchgeführt werden.

AfD sieht Meinungsvielfalt in Gefahr

Durch die Haltung des Oberbürgermeisters sieht sich die AfD-Fraktion bestätigt. Fraktionschef Marko Winter fordert das Theater auf, sich an das "Neutralitätsgebot" zu halten. Das sieht er in der Buchvorstellung vom März verletzt. "Gerade im Hinblick auf die zu dieser Zeit bevorstehende Kommunalwahl finden wir die Einladung der bekannten AfD-Kritikerin Liane Bednarz ins Theater bedenklich. Eine offene, politische Diskussionsveranstaltung hat damals nicht stattgefunden. Offensichtlich schon, weil kein Vertreter einer abweichenden Meinung auf dem Podium zugelassen war", sagte Winter MDR SACHSEN. Der AfD-Politiker vermisst im Theater eine "pluralistische Meinungsvielfalt". "Ein Podium für abweichende Meinungen lässt Intendant Ralf-Peter Schulze nicht zu. Im Gegenteil, es werden sogar Leute mit abweichenden Meinungen unter Druck gesetzt. Das haben mir Mitarbeiter bestätigt", so Winter.

Dass das Theater 30 Jahre nach der Friedlichen Revolution schon wieder unter politischem Druck stehen würde, hätte ich mir damals nicht vorstellen können.

Ralf-Peter Schulze Intendant Mittelsächsisches Theater

"Es gibt Sätze, die sind nicht tolerierbar"

Ralf-Peter Schulze
Der Intendant des Mittelsächsischen Theaters Ralf-Peter Schulze. Bildrechte: Jörg Metzner

Diesen Vorwurf findet Schulze absurd: "Wir sind doch nicht alle einer Meinung in unserem Haus. Aber hier gibt es keinen 'Meinungsterror'". Er habe kein Problem mit Meinungsvielfalt. Dennoch gebe es Grenzen: "Wenn sich Rechte artikulieren, gibt es oftmals einen rhetorischen Niveauverlust. Da fallen Sätze, die sind nicht tolerierbar". Und extrem rechte Parolen und Positionen dürften nicht salonfähig gemacht werden.

"Wir wollen die demokratische Gesellschaft stabilisieren. Die AfD destabilisiert die Demokratie", sagte Schulze MDR SACHSEN. "Theater hat immer eine Haltung. Und der Einzelne hat die auch. Mit gemeinsam erlebter künstlerischer Arbeit können wir ganz sicher auf die Gesellschaft und in diesem Falle auf unser Publikum ausstrahlen - im besten Falle verbindend, überzeugend und auch Menschen gewinnend."

Die AfD-Stadträte Marko Winter und Dieter Reimann haben unterdessen angekündigt, in den Theaterförderverein eintreten zu wollen. "Wir wollen auch mit diesem Schritt mit dem Theater ins Gespräch kommen", so Winter. Es habe schon erste Gespräche gegeben, eine Entscheidung stehe aber noch aus.

Quelle: MDR/mwa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 10.10.2019 | 13:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Chemnitz

Zuletzt aktualisiert: 10. Oktober 2019, 13:52 Uhr

5 Kommentare

Ekkehard Kohfeld vor 24 Wochen

Nein da will man unterhalten werden,für politische Sachen gibt es andere Plätze (Bundestag) oder die Medien.Dafür braucht man kein Theater das ist der falsche Ort.

Bernd L. vor 24 Wochen

Ich finde das gut, dass das Theater pluralistisch sein will:
Da gibt es viele Möglichkeiten, man kann sich mal über den Gretakult und deren Jünger auslassen (Nuhr hat es getan, ist toll angekommen, Klasse- vielleicht mal ein Stück darüber) oder auch die Einseitigkeit unseres Fernsehens im Sinne der Koboldpartei auf die Schippen nehmen.
Also packt es an, liebe Theaterleute, nicht nur immer auf die AfD (das war nicht mutig, weil da alle rummeckern), jetzt auch mal in die andere Richtung, traut Euch!

zenkimaus vor 24 Wochen

Theater sind zur Unterhaltung da. Ja richtig. Theater müssen auch politisch sein. In Theatern werden solche und solche Stücke aufgeführt. Also was soll das. Wenn sich jemand davon angegriffen fühlt, dann ist der Nagel auf den Kopf getroffen. Politiker haben sich inr Kultur Sachen nicht einzumischen. Auch wenn es der AFD nicht gefällt das nennt man Demokratie und mit der Geldkeule drohen ist für mich pervers. Sorry für das harte Wort.

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