Von Südengland über die Slowakei nach Sachsen "Wir sind hier zu Hause - jetzt bleiben wir in Freiberg"

Der Brite Mark Jacob hat schon viel von Europa gesehen. Das liegt nicht nur an seinen Großeltern aus der Bretagne und einem Freiwilligenjahr in Ungarn. Zufälle, ein EU-Programm und die Liebe spielten auch eine große Rolle.

von Kathrin König

Italienisches Flair mit cappuccino und Pasta in der Freiberger Altstadt genießt der Dozent Marc Jacobs.
Statt Scones und Afternoon-Tea genießt Mark Jacob Pasta und Cappuccino. Seine Mittagspause in der sonnigen Freiberger Altstadt fühlt sich mediterran an und gar nicht britisch unterkühlt. Bildrechte: MDR/Kathrin König

"Ich habe die deutsche Staatsbürgerschaft, bin seit Februar eingebürgert", sagt Mark Jacob. Dass er wegen des Brexits aus Sorge um seine Familie jemals diesen Schritt gehen würde, sei für ihn vor 2016 unvorstellbar gewesen. Jacobs Großeltern stammten aus Frankreich, seine Familie lebt in Südengland, die Schwiegereltern in der Slowakei. Ende 2017 bekam der Brite eine Festanstellung als Lehrkraft für besondere Aufgaben an der TU Freiberg. Da wohnte er schon mehr als zehn Jahre lang in der Deutschland und hangelte sich mit Zeitverträgen in Freiberg durch die Jahre. "Mit der Festanstellung habe ich mir gesagt: Wir sind hier zu Hause - jetzt bleiben wir in Freiberg und verabschieden uns von der Vorstellung, wieder umzuziehen."

Wer viel reist, hat das Gefühl, Europäer zu sein.

Mark Jacob Chemiker und Sprach-Dozent
Ein mann steht am Schlossplatz in Freiberg und lacht in die kamera. es ist der britische Staatsbürger Mark Jacobs, der seit jahren in Freiberg an der TU englisch unterrichtet.
Auf dem Weg zum Uni-Arbeitsplatz genießt Mark Jacob das Altstadt-Flair in Freiberg. Bildrechte: MDR/Kathrin König

Umgezogen ist Jacob schon oft. Nach der Schule ging er 1993 für ein Jahr nach Ungarn und unterrichtete als freiwilliger Helfer Englisch im Schulunterricht. Während seiner Promotion später zum Chemiker riet ihm ein Professor davon ab, in die USA oder nach Frankreich zu gehen. Er empfahl dem jungen Akademiker ein Forschungsprogramm in Braunschweig. "Ohne Erasmus wäre ich nie nach Deutschland gegangen", sagt der 44-Jährige rückblickend.

Mein Leben war immer zwischen Sprachen und Wissenschaft.

Mark Jacob Spricht insgesamt sechs Sprachen

Das Kennenlernen seiner Frau sei dann auch so eine europäische Geschichte gewesen, meint er. In Braunschweig lernte der junge Brite bei einer Studenten-Party von spanischen Erasmus-Studenten Magdalena kennen. "Ich kam zu spät, die Sangria-Bowle war alle und in der Küche standen die Leute dicht gedrängt, dass es nicht möglich war, das Zimmer zu betreten. Magdalena saß oben auf dem Kühlschrank. Ich durfte erst hinein, wenn ich ihr ein Lied vorsinge. Da habe ich 'My Bonnie ist over the Ocean' für sie gesungen und offenbar Eindruck gemacht", erinnert sich Mark Jacob an den Sommerabend 1997.

Karte Slowakei
Ungarn und die Slowakei sind von Großbritannien aus gesehen weit weg in Europa. Für Mark Jacob nicht. Er hat in beiden Ländern gelebt und die Sprachen gelernt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Magdalena stammt aus der westlichen Slowakei und studierte Germanistik in Nitra, etwa 90 Kilometer von Bratislava entfernt. "Nachdem ich meine Frau kennengelernt hatte, habe ich Slowakisch gelernt, um mich mit meiner Schwiegermutter zu unterhalten", erzählt Jacob. Später lebte das Paar drei Jahre lang in der Slowakei, arbeitete in Dortmund, Mainz und Dresden. Sie unterrichtet Deutsch als Fremdsprache, er bringt Naturwissenschaftlern Englisch als Fachsprache bei. Ihre drei Söhne im Alter von sieben bis 17 Jahren sind in Freiberg dreisprachig aufgewachsen - mit ihren Verwandten sprechen sie Slowakisch oder Englisch.

Die Briten, aber auch andere europäische Länder machen einen großen Fehler. Sie unterschätzen Europa und sehen immer nur Probleme.

Mark Jacob Hat seit wenigen Wochen die deutsche Staatsbürgerschaft
Mann zerstört das Bindeglied zwischen der EU und Großbritannien
Bei einem Referendum sprach sich die Mehrheit der Wähler für den Abbruch der Zusammenarbeit mit der EU aus. Wie aber sollen die Beziehungen zu Europa nach einem Brexit aussehen? Bildrechte: imago/Ikon Images

Den Streit über den Ausstieg der Briten aus der Europäischen Union hört sich der promovierte Chemiker und Sprachausbilder in den Abendnachrichten der BBC an. "Ich habe versucht, der Debatte zu folgen. Aber jeden Tag ist etwas anders und die Lage bleibt weiter unklar." Im Oktober 2018 entschied sich Mark Jacob dann für die Einbürgerung in Deutschland. Der 44 Jahre alte Dozent wünscht sich zwei wesentliche Dinge für den Brexit: Erstens möge er bitte nicht so schlimm kommen und seine Söhne sollen in Großbritannien keine Schwierigkeiten kriegen.
Vom neuen Europäischen Parlament, das Ende Mai gewählt wird, erwartet er, "dass es Themen anpackt, die wir gemeinsam lösen wollen: Migration, Umwelt und Wirtschaft".

Es war einmal ein Referendum - und nun? Am 23. Juni 2016 stimmen im Vereinigten Königreich 51,9 Prozent der Wähler dafür, die EU zu verlassen, 48,1 Prozent sind für einen Verbleib.
Ende Juni 2016 betonen die Staats- und Regierungschefs der EU-Länder, dass die Briten ihre Ausstiegsabsichten so bald wie möglich konkretisieren sollen.

Am 29. März 2017 reicht die britische Regierung die Austrittserklärung nach Artikel 50 der EU-Verfassung ein. Eine Zwei-Jahres-Frist läuft. Als Ausstiegsdatum gilt der 29. März 2019.
Am 19. Juni 2017 gibt es die erste Brexitverhandlung in Brüssel. Die EU will den Austritt "möglichst schmerzfrei" für die anderen 27 EU-Staaten organisieren.

Weil sich das britische Parlament in Debatten und Streitrunden nicht einigen kann, wie ein EU-Austritt aussehen soll, beantragt die Regierung bei der EU die Verschiebung des Austritts für den 30. Juni 2019. Knackpunkt bleibt die Frage der Grenze zwischen der britischen Provinz Nordirland und der Republik Irland.
Das Europäische Parlament will Brexit-Chaos verhindern und gewährt den Briten Aufschub bis zum 31. Oktober 2019.

Quelle: https://www.consilium.europa.eu/de/policies/eu-uk-after-referendum/

ERASMUS - was ist das? Die Europäische Union hat das Förderprogramm 1987 gestartet.
Es soll die Mobilität und Sprachkenntnisse von Studenten fördern und das Studieren in 33 Ländern ermöglichen.

Der Name erinnert an Erasmus von Rotterdam, einen Humanisten der Renaissance.

Seit 2014 gibt es das Programm ERASMUS + das für allgemeine und berufliche Aus- und Weiterbildung, Jugend und Sport. Dabei fördert die EU Praktika, berufliche Weiterbildungsmaßnahmen. Damit bekommen auch Berufstätige die Möglichkeit, mit einem Mobilitätsprojekt einen Kostenzuschuss für einen Sprachkurs im Ausland. Das Programm läuft noch bis 2020.

Quelle: Deutscher Akademischer Austauschdienst (DAAD)

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 26.05.2019 | 19:00 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 09. Mai 2019, 18:29 Uhr

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