Kommunalwahl 2019 Großer Landkreis = Große Unstimmigkeiten? Der Landkreis Mittelsachsen

Sachsen ist mehr als nur Dresden, Leipzig und Chemnitz. Deshalb besucht MDR SACHSEN Landkreise abseits der großen Städte. Heute: Mittelsachsen. Eine Reise durch den zweitgrößten Landkreis des Freistaates.

von Ines Gruner-Rudelt

Mittelsachsen  - eine Region der Burgen und Schlösser

Der Landkreis Mittelsachsen liegt im Herzen des Freistaates Sachsen. Mit seinen zahlreichen Burgen und Schlössern fasziniert dieser Landstrich mit einem geradezu märchenhaften Charme. Geographisch betrachtet ist die Region aber eher ein Monstrum. Mit einer Fläche von rund 2.100 Quadratkilometern erstreckt sich Mittelsachsen von der Leipziger Tieflandsbucht bis hinunter zum Erzgebirgskamm.

Gibt es den typischen Mittelsachsen?

Entstanden ist der Landkreis im Zuge der Kreisreform 2008. Damals wurde aus den Altkreisen Freiberg, Mittweida und Döbeln - Mittelsachsen. Damit entstand nicht nur der zweitgrößte Landkreis in Sachsen. Er ist auch fast so groß wie das Saarland oder das Großherzogtum Luxemburg. Und genau hier liegt das Problem. Denn diese Dimension sorgt dafür, dass es den typischen Mittelsachsen bis heute nicht gibt.

Matthias Damm/CDU-Landratskandidat Mittelsachsen
Matthias Damm, Mittelsachsens Landrat Bildrechte: CDU-Landesverband Sachsen

Ein Döbelner wird nicht mit 'Glück auf' grüßen und im Erzgebirge wird man das anders sehen als in Döbeln. Es sind unterschiedliche Mentalitäten. Man darf das nicht als Gegensatz sehen, sondern man muss sehen, wie man sich gegenseitig ergänzt.

Matthias Damm (CDU) Landrat Mittelsachsen
Marika Tändler-Walenta, Kandidatin Landratswahl Mittelsachsen
Marika Tändler-Walenta, Kreisvorsitzende der Linken Bildrechte: Marika Tändler-Walenta

Man merkt vor allem, was die Kreispolitik anbetrifft, dass Themen, die in Mittweida eine Rolle spielen, im Kreisrat hier in Döbeln vielleicht überhaupt keine Rolle spielen.

Marika Tändler-Walenta (Linke) Kreisvorsitzende
Lars Naumann
Bildrechte: Lars Naumann

Wir haben Verdichtungsräume, wir haben ländlich geprägte Bereiche und wir haben touristisch geprägte Bereiche. Die Vielfalt ist so groß - also den klassischen Mittelsachsen hierher zu stellen, ich glaube nicht, dass das geht.

Lars Naumann (Freie Wähler) Bürgermeister Burgstädt, Vorstandsvorsitzender Kreistagsfraktion
Sebastian Walter Kreistagsabgeordneter Mittelsachsen
Sebastian Walter, Kreistagsabgeordneter der Grünen. Bildrechte: Eckardt Mildner

Es ist tatsächlich ein sehr stark verwaltungsorientiertes Gebilde, weniger ein Gebilde wie der Erzgebirgskreis, der durch eine gemeinsame Geschichte, eine gemeinsame Identität zusammengehalten wird.

Sebastian Walter (B90/Grüne) Kreisrat

Einheitliches Kfz-Kennzeichen - Fehlanzeige

Ein Stapel KFZ-Kennzeichen
Auch beim Nummernschild ist es schwer, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Bildrechte: dpa

Dass man kein einig Völkchen ist, sieht man schon auf der Straße. Der Versuch, ein erkennbar mittelsächsisches Autokennzeichen zu etablieren, scheiterte 2009. Seitdem ist das Kürzel MSN Geschichte. Und auch eine andere Idee von Bürgermeister Lars Naumann hatte keine Chance. Er meinte: "Lasst uns doch in Mittelsachsen MFG als Kennzeichen machen. Also nicht mit freundlichen Grüßen, sondern Mittelsachsen Freiberg oder mittelsächsischer Kreis Freiberg. Damit wären wir in Deutschland herumgefahren und hätten alle Menschen freundlich gegrüßt. Aber es war nicht gewollt."

Wie lässt sich eine gemeinsame Identität finden?

Vielleicht ist es ja bei der Suche nach einer gemeinsamen Identität hilfreich, dass schon heute fast ein Viertel aller Kreisräte hauptamtliche Bürgermeister sind. Allerdings wird dies nicht von allen begrüßt. Die Bündnisgrünen - gemeinsam mit der SPD drittstärkste Fraktion im Kreistag nach CDU und Die Linke - kritisieren das Doppelmandat. Sie sehen einen Interessenenkonflikt.

Sie haben tatsächlich in Sachsen die Möglichkeit, als Bürgermeister in den Kreistag gewählt zu werden, wo Sie das Landratsamt, also die Kontrollbehörde über die Rathäuser wiederum als Bürgermeister kontrollieren. Also Sie kontrollieren die Kontrollbehörde über Ihr Rathaus.

Sebastian Walter (B90/Grüne) Kreisrat

Wenn der Bürger den Bürgermeister wählt, dann entspricht das seinem Wählerwille und dann hat man das, finde ich, zu akzeptieren. Das ist auch Demokratie und das muss man aushalten.

Marika Tändler-Walenta (Linke) Kreisvorsitzende

Natürlich gibt es immer mal einen Schwerpunkt, wo die eine oder andere Kommune betroffen sein könnte. Aber ich muss sagen, man findet dann in Summe auch schnell einen Kompromiss, wo man sagt: Das ist vermittelbar, das ist das, was letzten Endes allen zugute kommt.

Matthias Damm (CDU) Landrat Mittelsachsen

Und dennoch wird es wohl noch einige Zeit dauern, bis im zweitgrößten sächsischen Landkreis auch tatsächlich zusammenwächst, was zusammengehören soll.

Zur Wahl am 26. Mai treten im Landkreis Mittelsachsen neun Parteien an. 540 Kandidaten sind zugelassen. Sie bewerben sich um insgesamt 98 Mandate.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 23.05.2019 | 19:00 Uhr

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4 Kommentare

22.05.2019 13:40 mare nostrum 4

@ 3

Man muss der Wahrheit ins Auge sehen (können)! :)

22.05.2019 12:52 Atze 3

@mare
nostrum

Da haben Sie aber lange nur Negatives über Mittelsachsen zusammengetragen. Ich würde mich schämen. MfG

22.05.2019 12:23 Zeitgeist 2

Zeit zur Umkehr. Ein zusammen gezwungener Haufen.
Eingesparte Stellen restlos Fehlanzeige. Bürger feindlicher Service.

22.05.2019 10:14 mare nostrum 1

Mittelsachsen erstreckt sich von der Leipziger Tieflandsbucht bis hinunter zum Erzgebirgskamm.

Was das Territorium eint, sind

der muffige Geruch nach Vergangenheit,

das ständige Wehklagen,

halblautes Reden in Andeutungen (Du weißt schon, man muss aufpassen, was sagt, sonst ...),

die Tendenz, sich selbst zur Kultfigur erheben zu wollen,

ländliche Mode von 1974 noch heute in Gebrauch

Vereinsmeierei,

Ackerbürger, die glauben, der Wert des Menschen hängt von der Hausgröße ab,

die Überzeugung "alles meine, abgeben tu' isch nüscht",

die ständige Orientierung an dem, was der Nachbar (nicht) macht, kauft, unternimmt,

die Wohnung als Museum (Willst du mal meine neuen Bettvorleger sehen?),

geistige Abschottung ( = BEI UUUNNS in Altmottennwald ...),

das Sparen am Essen (= Einkaufe bei Discountern von Leuten, die gar keine finanziellen Probleme haben),

das schwerlich Gönnen können,

der Hang zum Sich-Durchschlauchen, ...

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