21.06.2019 | 10:40 Uhr Freiberger Forscher: "Wir wissen nicht, wo Sachsens Müll landet"

Freiberger Forscher haben ein Verfahren entwickelt, Plastik-Müll komplett zu recyceln. Das ist dringend nötig, weil der Druck auf den deutschen Müllmarkt immer größer wird. Über die globale Plastik-Krise, Sachsens Müll und die Chance von Abfallvergasung sprach Katrin Tominski mit der Forscherin Roh Pin Lee von der TU Freiberg.

Die Forscherin Roh Pin Lee, TU Freiberg, lehnt an einem Fenster und schaut lächelnd in die Kamera.
Bildrechte: MDR/Katrin Tominski

Frau Lee, jede Stunde entstehen viele tausend Tonnen Plastikmüll. Experten sprechen sogar von einer globalen Krise. Haben wir wirklich eine globale Plastik-Müll-Krise?

Die Problematik sehen wir hier in Deutschland nicht. Wir sehen in unserer direkten Umgebung keinen Müll. Als ich hierhergekommen bin, war ich stark beeindruckt von dem deutschen System der Mülltrennung. Doch die Frage ist ja, wo geht der Müll hin, wenn er abgeholt wird.

Wohin geht denn Sachsens Müll?

Der Handel mit Müll ist ein Markt. Diesen zu durchdringen, ist sehr schwer. Wir an der TU Freiberg versuchen das seit drei Jahren – auch für Sachsen. Für die Entwicklung unseres Recycling-Verfahrens für Kunststoff und andere Abfälle wollten wir valide Zahlen, wie viel Müll verfügbar ist, wo er entsteht und wohin er kommt. Dabei sind wir auf viele widersprüchliche Informationen gestoßen. Die Zahlen aus verschiedenen Datenbanken haben einfach nicht zusammengepasst. Zu Ihrer Frage: Wir wissen nicht, wo Sachsens Müll landet, es ist sehr schwer zu durchblicken. Zwar gibt es eine Müllverbrennungsanlage in Lauta, ob dort allerdings Sachsens Müll verbrannt wird, ist nicht klar. Der Handel mit Müll macht nicht an Landesgrenzen und auch nicht an Staatsgrenzen halt. *

Deutschland gilt als drittgrößter Exporteur von Plastikmüll. Können Sie das bestätigen?

Laut aktuellem durch den BUND veröffentlichten Plastikatlas 2019 wird etwa 16 Prozent des deutschen Kunststoffmülls mechanisch zu Granulat aufbereitet, das zusammen mit frischem Granulat zu neuem Kunststoff verarbeitet wird. Etwa 60 Prozent landen in Müllverbrennungsanlagen und Kohlekraftwerken. Rund 24 Prozent des deutschen Mülls wird tatsächlich exportiert. Das Ziel Nr. 1 für Müll war China. Doch China und auch das Ausweichland Malaysia wollen den Müll jetzt nicht mehr. Gleichzeitig bringen neue Gesetze und Verordnungen wie die neue Verpackungsordnung strengere Auflagen für die Müllverbrennungsanlagen. Die Kohlekraftwerke sollen bis 2038 vom Netz gehen. Das erhöht den Druck auf den deutschen Müllmarkt enorm. Wir haben jetzt ein Problem. Deutschland weiß bald nicht mehr, wohin mit seinem Müll.

Ein Mann sammelt verwertbares Material am verschmutzten Korle Gono Strand
Deutschland ist nach der Analyse des Plastikatlas der drittgrößte Exporteur von Plastikmüll. Bildrechte: dpa

Müll landet in Kohlekraftwerken?

Ja. Müll wird als sogenannter Ersatzbrennstoff in Kohlekraftwerken eingesetzt. Das wissen nicht viele.

Wenn der Druck sich auf den deutschen Müllmarkt nun so erhöht: Was machen wir jetzt? Wohin soll der deutsche Müll?

Das ist ein Problem. Mechanische Recyclingverfahren und auch die energetische Verwertung in Verbrennungsanlagen und Kohlekraftwerken werden nicht mehr ausreichen. Wir müssen dringend unser Lösungsspektrum durch chemische Recyclingverfahren ergänzen.

Ihre Forschungsgruppe an der TU Freiberg hat jetzt ein Verfahren entwickelt, mit dem sich Kunststoff so verwerten lässt, dass nur ein Synthesegas übrigbleibt.

Ja. Wir haben eine Technologie für Abfallvergasung entwickelt. Kunststoffe sind lange und komplexe Molekül-Ketten. Sie müssen sich den Kunststoff als Lego-Haus vorstellen. Dieses Lego-Haus wird durch einen Vergaser unter hoher Temperatur in viele einzelne Lego-Bausteine zerlegt. Diese einfachen Moleküle können zu komplett neuen Kunststoffen, Kosmetika, medizinischen und anderen Produkten verarbeitet werden. Der Weg ist frei. Mit den neuen Bausteinen können sie ein komplett "neues Haus" bauen.

In der Wertstoffaufbereitungs- und Sortieranlage wird der Müll vorsortiert.
Es ist fast wie "Stroh zu Gold spinnen": Die Freiberger Forscher wollen Plastikmüll zu Synthesegas verarbeiten und planen schon eine Demonstationsanlage in Leuna. Bildrechte: dpa

Doch nicht alle Plastik sind reine Kunststoffe. Entsteht dabei wirklich nur ein Synthesegas?

Wenn Mischkunststoffe und Verbundmaterialien per Abfallvergasung verwertet werden, erhalten wir dazu eine verglaste umweltneutrale Schlacke. Trennen wir aus ihr das Metall, kann der Rest der Schlacke zum Beispiel für den Straßenbau verwendet werden.

Das klingt genial. Die Branche müsste sich um Ihr Verfahren reißen?

Wir sind sehr froh, dass wir jetzt in Freiberg eine Außenstelle des  Fraunhofer Instituts für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen (IMWS) gründen konnten, um chemische Recyclingverfahren weiter zu entwickeln und zur Markreife zu bringen.  In dem von uns initiierten Nationalen Netzwerk für Kohlenstoffkreislaufwirtschaft (NK2) wollen wir die Schlüsselakteure aus Chemie, Energie, Abfall- und Recyclingwirtschaft sowie Anlagenbau zusammenbringen. Ziel ist, eine sektorübergreifende Plattform zu schaffen, um mit dem Gesetzgeber über notwendige politische Rahmenbedingungen für chemisches Recycling zu sprechen. Denn nur mit chemischen Recycling haben wir eine Zukunft bei der Kunststoff-Müllverwertung in Deutschland.

Wann wird Ihr Verfahren auf den Markt gehen?

Jetzt sind wir kurz vor Markteintritt und planen eine Demonstrationsanlage in Leuna. Das Land Sachsen-Anhalt hat uns seine Unterstützung bereits zugesichert, ebenso die Fraunhofer-Gesellschaft. Das Geld reicht jedoch nicht. Wir haben auf Bundesebene eine Förderung beantragt und hoffen auf eine positive Rückmeldung. Die Konkurrenz schläft nicht. Die Stadt Rotterdam hat bereits ein Konsortium gebildet und steht vor dem Bau einer Abfallvergasungsanlage mit Technologie aus Kanada.

Das Interview führte Katrin Tominski

* Wir haben beim sächsischen Umweltministerium nachgefragt: Wo landet Sachsens Plastik-Müll?

"Kunststoffverpackungen werden in Sachsen über die gelbe Tonne oder den gelben Sack mit anderen Leichtverpackungen, zum Beispiel Tetrapacks, von privaten Unternehmen im Auftrag von zehn dualen Systemen gesammelt und in 15 Sortieranlagen aufbereitet. Ziel sind möglichst sortenreine Kunststoffe , die weiterverarbeitet werden können. In solchen Sortieranlagen werden aber auch Wertstoffe aus anderen Bundesländern gesammelt und sortiert. Diese Verwertung ist Teil eines wirtschaftlichen Prozesses – die ordnungsgemäße und möglichst sortenreine Trennung liegt ganz im Interesse der Verwerter, da die getrennten Kunststoffe stofflich verwertet werden können und praktisch ein Rohstoff werden. Der Rest, der nicht sortenrein „verkauft“ bzw. stofflich verwertet werden kann, wird anderweitig verwertet, zum Beispiel um durch Verbrennung Energie zu gewinnen."

"Nach der beschriebenen Verarbeitung, gemeinsam mit Abfällen aus anderen Ländern, kann der rein sächsische Anteil in den entstehenden Stoffströmen nicht mehr identifiziert werden. Das zeigt ja offenbar auch das Ergebnis der Wissenschaftler, mit denen sie gesprochen haben. In Sachsen gibt es übrigens nur eine Verbrennungsanlage, und zwar in Lauta. Dort werden keine Wertstoffe des Dualen Systems verbrannt."

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 18.06.2019 | 20:00 Uhr Dienstags direkt

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