15 Jahre nach der Jahrhundertflut "Wir haben aus der Flut gelernt"

2002 überschwemmten Flüsse und Bäche weite Teile von Sachsen - es war ein Jahrhunderthochwasser. 15 Jahre später ziehen Sachsens Hochwasserschützer Bilanz. Auch wenn Milliarden investiert wurden, einen Grund für Entwarnung gibt es nicht.

Minister Thomas Schmidt
Mitarbeiter der Flussmeisterei Chemnitz zeigen Minister Thomas Schmidt wie ein Sandsack fachmännisch gefüllt wird. Zur Not tut es auch ein abgeschnittener Verkehrskegel. Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel

Sachsens Landwirtschaftsminister Thomas Schmidt ist zufrieden. 15 Jahre nach dem Jahrhunderthochwasser ist Sachsen gut aufgestellt. "Wir haben aus der Flut 2002 gelernt. Der Hochwasserschutz hat sich in den letzten Jahren erheblich verbessert. Seitdem hat Sachsen 2,6 Milliarden Euro in den Hochwasserschutz und die Schadensbeseitigung an den Fließgewässern gesteckt", erklärt der Minister den versammelten Journalisten, die das sächsische Umwelt- und Landwirtschaftsministerium zu einer Pressereise eingeladen hat.

"Staatsreserve" elf Millionen Sandsäcke

Los geht es in der Flussmeisterei Chemnitz. Sie ist zuständig für insgesamt 180 Kilometer Wasserläufe, 20 Kilometer Hochwasserschutzdeiche und -wände, 59 Wehranlagen, ein Hochwasserrückhaltebecken und ein Pumpwerk. In Chemnitz ist auch eines der vier Lager der "Landesreserve Hochwasserschutz". Hunderte Ballen mit verpackten Sandsäcken, insgesamt 3,6 Millionen Stück, lagern in einer großen Halle. Hinzu kommen noch 50.000 Quadratmeter Folie und Vlies zur Abdeckung. Das ist etwa die Fläche von sieben Fußballfeldern.

Sandsacklager
Elf Millionen solcher (leeren) Sandsäcke hält Sachsen für den Notfall bereit. Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel

Diese Materialien werden laut Betriebsleiter Christian Zschammer zur Abdichtung von Deichen und zum Aufbau von mobilen Hochwassersperren bereitgehalten. Allein über 200 Meter dieser mobilen Hochwassersperren lagern in Chemnitz. Weitere Lager der "Landesreserve Hochwasserschutz" gibt es im Lohsa, Trebsen und Radeburg. Insgesamt hat Sachsen eine "Sandsackreserve" von elf Millionen Stück. Bei 140 Säcken pro Meter für einen ein Meter hohen Damm reichen sie für knapp 80 Kilometer. Die Hochwasserbekämpfungsmittel sind für die Gemeinden, die der Fluten nicht selbst Herr werden und werden von den Kommunen im Bedarfsfall angefordert.

Schutzmaßnahmen überzeugen Kritiker

"Die Landesreserve ist aber nur ein Teil der Maßnahmen, die wir umgesetzt haben", sagt Minister Schmidt. Viel Geld sei in den vergangenen Jahren vor allem in den technischen Hochwasserschutz, wie Deiche, Hochwasserschutzwände, Ausgleichsflächen oder Hochwasserwarn- und meldesysteme geflossen.

Hochwasserschutzwand
In wenigen Minuten ist die Durchfahrt dicht. Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel

Eine Hochwasserschutzwand steht in Wilkau-Haßlau an der Zwickauer Mulde. Trotz ihres eher unscheinbaren Aussehens hat es ein langes Hin und Her gegeben, bis gebaut werden konnte. "Es gab Klagen von Anwohnern", sagt Gerd Zobel, der von der Landestalsperrenverwaltung für diesen Bereich zuständig ist. "Wir konnten erst nur einen Abschnitt bauen. Als das Hochwasser 2013 kam, hat dieser Teilbereich sehr gut geschützt, und man konnte sehen, dass der Rest komplett überflutet wurde." Das scheint auch die letzten Zweifler überzeugt zu haben, denn mittlerweile ist auch der letzte Bereich geschlossen. Die Hochwasserschutzmauer ist etwa 2,3 Kilometer lang und steht zwischen dem Fluss und den Wohnhäusern. Es gibt sechs Durchgänge und 13 Durchfahrten, die im Katastrophenfall geschlossen werden können. Kameraden der Feuerwehr Wilkau-Haßlau demonstrieren, wie mit wenigen Handgriffen eine Durchfahrt mit Alu-Balken abgesperrt wird.

Weiter flussabwärts liegt Zwickau. Auch hier war die Lage zum Jahrhunderthochwasser 2002 kritisch. Weil das Stadtzentrum tiefer als die Mulde liegt, drohte Zwickau damals abzusaufen, wie schon 1954. "Das konnte aber gerade so verhindert werden", erinnert sich Oberbürgermeisterin Pia Findeiß, die damals im Katastrophenstab arbeitete. In den Jahren danach wurden Millionen in den Hochwasserschutz gesteckt. Deiche wurden instandgesetzt, verstärkt oder neu gebaut. Die B93 in unmittelbarer Flussnähe verschwand in einem Tunnel, der zugleich ein Deich ist. Und selbst die Bäche in der Stadt wurden mit Hochwasserschutzwänden verstärkt.

Sachsens Flüsse bekommen mehr Platz

Flussabwärts von Zwickau entstehen bei Crossen neue Überflutungsflächen durch den Rückbau eines Deiches. Da wo früher eine Abraumhalde und ein Betriebsgelände der Wismut war, erstrecken sich jetzt grüne Wiesen, auf denen Schafe weiden. Im Falle eines Hochwassers kann sich die Mulde bald auf mehr als 60 Hektar dieser sogenannten Retentionsfläche ausbreiten. "Das schützt nicht nur die Orte flussabwärts", betont Zobel. Auch flussaufwärts würden dadurch die Pegel langsamer steigen.

Deichrückverlegung
Schafe weiden auf einer sogenannten Retentionsfläche an der Mulde bei Crossen. Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel

"Sachsen hat sich mit zehn Projekten im Umfang von 300 Millionen Euro für die Schaffung zusätzlicher überregionaler Hochwasserrückhalteräume engagiert", erläutert Martin Socher, Referatsleiter "Oberflächengewässer, Hochwasserschutz" im sächsischen Umweltministerium. Die größte Deichverlegung mit etwa 450 Hektar werde gerade in Bennewitz-Püchau nordöstlich von Leipzig realisiert, so der oberste Hochwasserschützer von Sachsen. In Löbnitz an der Vereinigten Mulde sei außerdem der mit 1.500 Hektar größte Polder Sachsens im Bau. Dieser könne bei Hochwasser gezielt geflutet werden.

Schöpfwerk Jerisau
Das Schöpfwerk Jerisau wurde 2007 fertiggestellt und schützt den Ort vor dem Hochwasser der Mulde. Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel

Doch auch eher kleinere Projekte haben eine große Wirkung, wie das Schöpfwerk Jerisau beweist. Das 2007 für 2,2 Millionen Euro fertiggestellte Bauwerk verhindert bei einem Mulde-Hochwasser, dass der Ort Jerisau durch Rückstau des sogenannten "Herrschaftlichen Vorflutgrabens" überschwemmt wird. Gleichzeitig kann es Wasser aus dem Flutgraben in die Mulde pumpen. Bei maximaler Leistung können die vier Pumpen je 8,3 Kubikmeter Wasser fördern. Für den Notfall versorgt sich das Pumpenhaus mit einem 1.000-Kilowatt-Diesel-Aggregat selbst mit Strom. Seine erste Bewährungsprobe hatte das Schöpfwerk beim Hochwasser 2013. Anders als 2002 sei kein einziges Haus in dem Glauchauer Ortsteil in Mitleidenschaft gezogen worden, sagt Glauchaus stellvertretender Oberbürgermeister Steffen Naumann.

Klein aber gefährlich

Auch bei Niederlungwitz wurden in den vergangenen Jahren Millionen in Deiche investiert. Entstanden ist unter anderem eine sogenannte "Sedimentfalle" für den Lungwitzbach. Hier werden gezielt Sedimente angeschwemmt, um sie besser ausbaggern zu können. So wird der Fluss vertieft und es wird verhindert, dass Sedimente in den Ort geschwemmt werden.

Sedimentfalle
Ein Bagger entfernt Sedimente aus dem Flussbett des Lungwitzbaches. So bekommt das Gewässer wieder mehr Platz. Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel

In Niederlungwitz wurden in den vergangenen Jahren für 1,6 Millionen Euro EU- und Landesmittel eine Hochwasserschutzwand und eine Geländeregulierung errichtet. Besonders die kleinen Gewässer wie der Lungwitzbach seien gefährlich, da sie sehr schnell steigen können und dann große Verwüstungen nach sich ziehen, sagt Gerd Zobel von der Landestalsperrenverwaltung. Auch hier konnten noch nicht alle Hochwasserschutzmaßnahmen realisiert werden, weil Klagen von zwei Anwohnern anhängig sind.

2002er Hochwasser wäre heute besser beherrschbar

Klagen gegen Hochwasserschutz sind laut Martin Socher vom Ministerium in Dresden ein großes Problem. Sie verzögerten oft jahrelang wirksame Hochwasserschutzmaßnahmen.

Professor Martin Socher
Martin Socher ist als Referatsleiter im Umweltministerium, Sachsens oberster Hochwasserschützer. Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel

Wenn gar nichts mehr gehe, seien auch Enteignungen der betreffenden Grundeigentümer möglich. "Das ist aber wirklich das letzte Mittel. Wichtiger ist es, die Menschen von der Wichtigkeit der Hochwasserschutzmaßnahmen zu überzeugen." Dass diese Maßnahmen sinnvoll sind,unterstreicht Minister Schmidt. "Wenn heute noch einmal so ein Hochwasser wie 2002 käme, wären wir besser gewappnet und es würde wesentlich geringere Schäden geben als damals", ist sich Schmidt sicher. Trotzdem werde weiter investiert. Allein in den nächsten fünf Jahren über 600 Millionen Euro. Und das sei noch nicht das Ende der Fahnenstange. Doch eines gelte nach wie vor: "Einen hundertprozentigen Schutz wird es nie geben."

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch im Radio: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Nachrichten aus dem Regionalstudio Chemnitz | 02.08.2017 | 13:30 Uhr

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4 Kommentare

04.08.2017 22:19 Bernd Escher 4

@3 aridus: Sie werden es gar nicht
glauben,mein Kollege"Leihfuzzi"wie
ich, "N..."geboren in Syrien,lebt seit
knapp zwei Jahren in L.E. wir kommen
prächtig miteinander aus,habe meinem
Kollegen geholfen zu erklären was ist
ein Tarifvertrag(BAP)denn den AV kann
"N..."lesen,aber über den TV wusste er
wenig,wir haben uns auch über Begriffe
der deutschen Sprache unterhalten,
z.B.was bedeutet dieses Wort oder
jenes,also so Fremd ist"N..."mir nicht.
Kritisch zu sein bedeutet nicht Hass
zu säen,aber wie gesagt Irren ist
menschlich,dass geht Ihnen doch
genau so. mfg Bernd Escher
PS. der Vorname m.K. beginnt
tatsächlich mit N,also keine Erfindung

04.08.2017 13:10 aridus 3

An # 1: Du irrst Dich mit Sicherheit, denn "Solidarität" oder gar Empathie willst Du aus Ereignissen von 2015 garantiert nicht lernen. Dir reicht aus, Hass auf alles zu säen, was Dir fremd erscheint.

04.08.2017 13:00 Dr. Norman Pohl 2

Das Sächsische Wassergesetz vom 12. März 1909 enthielt im Dritten Abschnitt - "Besondere Vorschriften für den Hochwasserschutz" - in § 87 Abs. 1 Satz 1 folgende Regelung: "Die Verwaltungsbehörde kann, soweit es der Hochwasserschutz erfordert [...] anordnen, dass im Hochwassergebiet eines fließenden Gewässers ohne ihre Erlaubnis keinerlei Anlagen (Bauwerke aller Art (...)) ausgeführt oder wesentlich verändert werden dürfen, die auf den Lauf des Wassers oder auf die Höhe des Wasserstandes Einfluß haben können." Offenbar trotz besseren Wissens sind seither in mehr als hundert Jahren Wohnhäuser und Gewerbeanlagen in Hochwassergebieten fließender Gewässer - also Elbe, Zwickauer Mulde, Freiberger Mulde usw. - fortlaufend genehmigt worden. Was also wurde gelernt?

03.08.2017 21:45 Bernd Escher 1

In der Tat, wir haben daraus gelernt
die Solidarität unter uns"Ungläubigen
Eingeborenen"war sehr hoch,hoffentlich
lernen wir auch aus der Flut...wann war das? 2015 oder so,kann mich auch irren.
mfg Bernd Escher

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