Erzgebirge Homosexueller Jugendwart verlässt sächsische Landeskirche

Jens Ullrich
Jens Ullrich lebte mit seinem Partner in Leipzig und pendelte ins Erzgebirge. Nun verlässt er Sachsen ganz. Bildrechte: MDR/GUD

Jens Ullrich hat hingeschmissen. Der offen homosexuell lebende evangelische Jugendwart hat die Evangelische Landeskirche Sachsen verlassen. Wie Landeskirchensprecher Matthias Oelke am Mittwoch erklärte, ist Ullrich am letzten Aprilsonntag in einem Gottesdienst in Grünhain-Beierfeld verabschiedet worden.

Es fehlte Respekt

Die Initiative, den Vertrag aufzulösen, sei von Jens Ullrich ausgegangen, heißt es bei der Landeskirche weiter. Man habe auch "keine Ahnung, wohin er geht". Ullrich habe weder mit seinem bisherigen Kirchenbezirk noch der Kirchenleitung in Dresden darüber gesprochen. Sachsens evangelischer Landesbischof Carsten Rentzing bedauerte Ullrichs Weggang. Der Jugendwart habe einen großartigen Dienst geleistet, sagte er. Zugleich räumte er Fehler ein, die "auf der Ebene der Kommunikation und des gegenseitigen Respekts liegen".

Gespräche im Kirchenbezirk, an denen zum Teil auch Rentzing teilnahm, hatten dem Bischof zufolge nicht den gewünschten Erfolg. Trotz ernsthafter Bemühungen seien die Fronten verhärtet gewesen. In dieser Situation habe es für Ullrich wohl keine Möglichkeit mehr gegeben, seinen Dienst zu tun, so Rentzing.

Jugendarbeit und predigen verboten

Ullrich war vor mehr als zwei Jahren von Gemeinden im Erzgebirge zum Teil mit einem Predigtverbot belegt worden, nachdem er seine Partnerschaft mit einem Mann bekanntgemacht hatte. Im Kirchenbezirk Aue sah sich Ullrich massiven Anfeindungen und Diskriminierungen ausgesetzt. Zur Region gehören etwa 30 Kirchgemeinden mit rund 38.000 evangelisch-lutherischen Christen. Einige Gemeinden untersagten ihm, vor Ort die Arbeit mit den Jugendlichen weiterzuführen. Andere sprachen es nie aus, dort schwelte der Konflikt fortwährend unter der Oberfläche.

"Es macht mich immer noch traurig"

Im Gespräch mit der "Freien Presse" erklärte der 54-Jährige, ihm sei die Sache über den Kopf gewachsen. Es sei nur noch um das eine Thema gegangen. Er und sein Mann, ein Venezolaner, hätten schließlich entschieden, Sachsen zu verlassen. Jens Ullrich will nun in einer anderen Landeskirche arbeiten, die weniger Probleme mit seinem Privatleben hat.

Viele vor allem jungen Leute bedauerten den Rückzug des beliebten Diakons. So schreibt beispielsweise Marc auf Facebook: "Es macht mich immer noch traurig und wütend wie mit Knolli umgegangen wurde und das es soweit gekommen ist." Die Evangelische Jugend postete am Sonntag: "Die letzten Jahre waren davon überschattet, dass Knolli, der sich vor einigen Jahren geoutet hatte, von einigen Gemeinden 'abgestempelt' wurde und in seinem Dienst eingeschränkt war. Im Jugendgottesdienst heute kam jedoch vor allem große Dankbarkeit zum Ausdruck."

Mit Knolli verliert die Sächsische Landeskirche einen für seinen wunderbaren Humor bekannten profilierten Prediger des Evangeliums. Danke für alles und Gott befohlen! #dankeknolli

Evangelische Jugend in Sachsen auf Facebook

Sind die Sachsen zu rückschrittlich?

Ullrich steht beispielhaft für eine seit Jahren kontrovers geführte Diskussion über Homosexualität innerhalb der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Für die einen, sogenannten schrift- und bibeltreuen Christen, sind gleichgeschlechtliche Paare mit der Bibel nicht vereinbar, für die anderen fehlt es in der Kirche an Toleranz und Fortschritt.

Die evangelische Wochenzeitung "Der Sonntag" berichtet in ihrer jüngsten Ausgabe von ähnlichen Fällen, in denen Bedienstete der sächsischen Landeskirche den Rücken kehrten. So sei im Frühjahr 2016 das Pfarrerehepaar Ciprian Mátéfy und Stephan Rost aus Dresden und Börln nach Schleswig-Holstein gewechselt. Kurz darauf folgten ihnen demnach Pfarrerin Katrin Jell mit ihrer Partnerin. Sie habe nicht die Freiheit und den Rückhalt gespürt, den sie brauche, um glücklich arbeiten zu können. In Norddeutschland sei man ihr dann "mit unglaublichem Respekt" begegnet.

Quelle: MDR/gg/dk/epd

Dieses Thema im Programm von MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 02.05.2018 | ab 15:30 Uhr in den Regionalnachrichten

Zuletzt aktualisiert: 02. Mai 2018, 19:23 Uhr

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17 Kommentare

04.05.2018 15:25 Hippiehooligan 17

Aber die größte aller Heucheleien: Manche Rechten outen sich jetzt sogar als angebliche Israelfreunde. Und warum? Weil man mit dem Thema prima in der Mitte auf Stimmenfang gegen Geflüchtete aus muslimischen Ländern gehen kann. Da könnte ich mich echt immer kaputtlachen...
Übrigens darum, ob Geflüchtete tolerant sind oder nicht, geht es in dem Artikel nicht. Scheinbar gehört es auch zur Taktik, bei jeder möglichen Gelegenheit verbal auf Geflüchtete einzudreschen. In einem weiteren Artikel geht es um Mitsprache von Tagebau-Betroffenen. Ich bin gespannt, wie du die Geflüchteten dort in der Kommentarspalte unterbringst...

04.05.2018 15:17 Hippiehooligan 16

@Ichich Wie so oft verstehst du den Kern nicht. Dass nicht gegen die Kirche gehetzt werden darf, hab ich nirgendwo geschrieben. Das hast du mal wieder (bewusst) fehlinterpretiert. Das Kirchenhetze ein rechtes Thema ist, hab ich ebenfalls nirgendwo geschrieben. Es ist aber quasi "Nazistandard" sich sein Hetzobjekt beliebig auszuwählen. Geht es gegen Muslime und Schwule, ist man plötzlich schon immer konservativer Christ und Abendlandretter gewesen. Spricht sich die Kirche für Geflüchtete oder an anderer Stelle für Homosexuelle aus, gehört diese aber plötzlich schnellstens nationalistisch reformiert. Geht es gegen Geflüchtete, ist man plötzlich auf der Seite von Obdachlosen, die in den 90ern noch von Neonazis totgeschlagen wurde. Es geht einfach um diese lächerliche rechtsbraune Doppelmoral vieler Schreiber...

04.05.2018 09:47 Ichich 15

@Hippie, Ihr Kommentar ist ein wenig "irritierend".: Einerseits ist Religion eine Lüge, dann darf nicht gegen Kirche "gehetzt" werden. Im übrigen weiß jeder, daß "Hetze" gegen die Kirche, insbesondere gegen die katholische Kirche, kein "rechtes" Thema ist. ;-) Schön finde ich auch, daß unsere Flüchtlinge jetzt ganz viel Toleranz für Homosexuelle mitbringen. Und für Frauen. Und Israel. q.e.d.

03.05.2018 22:02 Sabrina 14

02.05.2018 20:18 dr fiedl

Ob man sich in Männer oder Frauen verliebt, ist bei jedem Menschen körperlich festgelegt und keine "Einstellung".

Woher haben Sie eigentlich Ihre Weisheiten? Haben Sie sich noch nie verliebt?

03.05.2018 14:25 Hippiehooligan 13

Religion ist eine einzige große Lüge. Bei diesem Bericht müssen sich die rechten Menschenfeinde überlegen, ob sie gegen Kirche oder Homosexuelle hetzen. Der SGDHarzer hat sich scheinbar gegen den Homosexuellen entschieden. Nächstes mal zu dann wieder die Kirche dran...

03.05.2018 10:48 Wolpertinger 12

@02.05.2018 20:53 Robert Paulson
Zu verallgemeinern ist falsch. Nicht "die" Sachsen sind Spießer, sondern nur einige, die hier ihre kleinbürgerlichen Spießeransichten zur Schau stellen nur um mal wieder irgendetwas zu meckern zu haben.
Haben sonst wahrscheinlich nichts anderes vom Leben.
Uns sollten diese Menschen Leid tun oder wir sollten an die Torte mit den Kerzen denken.

03.05.2018 06:52 Robert Paulson 11

@7: Da in Euren alternativen Kreisen Duisburg-Marxloh immer gleichgesetzt wird mit dem Zentrum des radikalst-möglichen Islamismus und Terrorismus solltest Du ganz dringend reflektieren, wessen homophobe Einstellung dort mit offenen Armen entfangen werden würde (Konjunktiv!) Wenn Du schon Menschenhass propagieren musst, lass die Religion aus dem Spiel.

03.05.2018 01:35 Cosi 10

Ich bedauere sehr den Umgang miteinander in meiner Kirche, in meinem Bundesland und hier.
Zudem muss man auch sagen, die Bibel, Gottes Wort, kennt Homosexualität im heutigen Sinne nicht. In der Bibel geht es bei entsprechenden Stellen um sexuelles, körperliches Verhalten, um reinen Lustgewinn... So ein ausschweifendes Bettenhüpfen ist auch auf heterosexueller Seite verpönt. Wenn wir hier von Homosexualität reden, dann geht es um Liebe, Respekt, Verantwortung. In diesem Sinn ist es der Bibel nicht so bekannt bzw. die Stellen, die dafür sprechen, sind nicht eindeutig.
Wenn wir die Bibel Wort für Wort nehmen, dann beginnen wir bitte mit den Speisevorschriften, schlagen unsere Kinder mit dem Stock und reißen uns die Augen aus, bei unkeuschen Blicken.... Die Bibel ist kein Selbstbedienungsladen für alles, was mir gefällt, sondern in Ihr fordert uns Gott immer wieder heraus. Und wir sind eingeladen an seinem Wort zu wachsen. Aber das abschließende Urteil über andere obliegt IHM allein!

02.05.2018 22:14 <3 9

omg was für ein ein Irrsinn. Diese unmenschliche Intoleranz ist so weit weg von jeder gesellschaftlichen Entwicklung als wäre die Aufklärung nie in Sachsen angekommen. Die historischen Gebäude in DD sind nur inhaltsleere Hüllen für deren Aufbau gespendet zu haben mein Fehler war.

02.05.2018 21:17 Metroianer 8

Als offen lebender schwuler kann ich nur sagen....den meisten Spass hatte ich mit verheirateten Männern die Frau und Kinder daheim hatten bzw haben.die Grauzone der versteckspieler ist enorm.

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