Legasthenie-Förderung "Man nimmt Symptome wahr, aber guckt zu selten auf die Ursachen"

Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwäche brauchen Förderung, sonst bleiben ihnen viele Chancen im späteren Leben verwehrt. Nach Meinung von Experten hinkt Sachsen allerdings hinterher. Der Dresdner Legasthenie-Experte und Fachjournalist Lars Michael Lehmann nennt Lösungsansätze.

Das Wort Lese-Rechtschreib-Schwäche mit Schreibfehlern, mit Kreide auf Schultafel geschrieben
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Wie stark sind Lese-Rechtschreib-Schwächen (LRS) verbreitet?

Prinzipiell muss man davon ausgehen, dass rund 20 Prozent der Menschen irgendwelche Probleme mit dem Lesen oder Schreiben haben. Und davon haben 6 bis 7 Prozent eher familiär bedingte Lese-Rechtschreib-Schwächen, die man als Legasthenie oder Dyslexie bezeichnet. Und dann kommen rund 13 Prozent alle möglichen erworbenen Lese-Rechtschreib-Schwächen dazu, die verschiedene Ursachen haben können – das kann zum Beispiel am Lehrkonzept der Schulen liegen oder an der Lesesozialisierung in den Familien, wenn zu wenig gelesen wird.

Wie geht man in Sachsen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche um?

Wenn die Kinder an den Grundschulen Schwierigkeiten haben, gibt es recht grobe LRS-Tests. Da im Bildungswesen jedoch alle Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten zusammengefasst werden, gibt es keine Differenzierung. Man nimmt eher die Symptome wahr, aber guckt viel zu selten auf die Ursachen. Das ist ein Problem! Sind Kinder auffällig geworden, werden sie noch einmal tiefgründiger an LRS-Stützpunkten getestet. Dort werden verschiedene Kategorien gebildet und je nach Schweregrad wird eine LRS-Klasse ab dem 3. Schuljahr als Dehnungsjahr bis zur 4. Klasse empfohlen – oder auch nicht. Es ist aus der wissenschaftlichen Perspektive jedoch nicht förderlich, wenn man die Kinder in LRS-Klassen separiert. Die Kinder sollten in ihrem Lernumfeld bleiben und dort so gut wie möglich gefördert werden oder extern von Spezialisten.

Wie kann ein Legastheniker seine Schwäche überwinden?

Das ist unterschiedlich. Der eine braucht mehr Förderung in der Konzentration, der andere eine zielgerichtete Förderung in der Lautanalyse usw. Deswegen gibt es kein einheitliches Konzept. Das ist eben die Herausforderung für die Fachleute, die sich da besser auskennen müssten. Zweckmäßig ist, dass die Kinder nach dem sogenannten analytisch-synthetischen Modell unterrichtet werden. Das Lernen anhand des Buchstaben-Lautbezugs, also das silbierende Lesen und Schreiben, ist am sinnvollsten. Auf diese Weise kann man vielen Lese-Rechtschreib-Schwächen besser vorbeugen als beim sogenannten Schweizer Modell, wo die Kinder das Lesen und Schreiben nach Gehör lernen. Bei der Förderung gibt es verschiedenste Ansätze. Aber die wenigsten sind wissenschaftlich fundiert, wirken sich also nicht nachhaltig aus. Wenn ich mir manche junge Erwachsene ansehe, die in einer LRS-Klasse waren und noch immer unterdurchschnittliche Lese- und Schreibfertigkeiten vorweisen, wenn sie sich für eine Berufsausbildung bewerben, dann ist das kritisch zu sehen.

Was wären bessere Ansätze?

Im deutschsprachigen Raum sind wir einfach noch 20 bis 30 Jahre zurück im Vergleich zu den Skandinaviern oder Amerikanern. Die gehen wesentlich differenzierter und pragmatischer mit der Sache um. Da fokussiert man nicht nur auf das Defizit, sondern auch auf die Begabung. Das ist schon wesentlich entspannter für die Betroffenen, wenn man denen signalisiert: Du hast zwar Probleme im Lesen und Schreiben, aber du hast in verschiedenen anderen Bereichen deine Stärken. Grundsätzlich ist es eben eine Schwierigkeit im Bildungswesen. Das sächsische Bildungswesen ist sehr vielfältig. Und da nehmen sich die freien wie die öffentlichen Schulen wenig, was den Schriftspracherwerb betrifft.

Könnte das Konzept der geplanten "gruuna Schule" in Chemnitz zur Förderung von Legasthenikern aufgehen?

Das ist schwer zu sagen. Allgemein wird das Konzept der Waldorfschulen von vielen Seiten auch kritisch gesehen. Den Ansatz, die Kinder individuell in ihrer persönlichen Entwicklung zu fördern, kann man gutheißen. Schwierig ist, ob es wirklich eine zielgerichtete Förderung gibt. Da eben auch ein eher esoterisches Konzept zugrundeliegt, ist es kritisch zu sehen, wie man die Kinder fördern will. Was die Legasthenie angeht: Natürlich kann man die Sinne beim Lernen anregen. Aber davon profitieren eigentlich grundsätzlich alle Kinder. Da gibt es auch andere Modelle, die funktionieren.

Inwieweit spielt die Ernährung eine Rolle - Stichwort: Rohkost?

Also, nachgewiesen ist das auf unserem Gebiet nicht. Natürlich profitieren Kinder immer von einer gesunden und ausgewogenen Ernährung. Aber das Thema Rohkost halte ich persönlich für strittig.

Was muss sich ändern im sächsischen Bildungswesen?

Grundsätzlich wäre es notwendig, dass man erworbene Lese-Rechtschreib-Schwächen von der Legasthenie zu unterscheiden vermag. Da müsste es viel mehr Anstrengung in der Forschung geben. Wenn man Legastheniker hat und weiß, dass das gehäuft in der Familie vorkam, dann brauchen diejenigen wesentlich länger in der Förderung als solche, die eine vorübergehende Lese-Rechtschreib-Schwäche haben, wo vielleicht methodisch was schiefging.

Zur Person Lars Michael Lehmann leitet das Institut "Legasthenie Coaching" in Dresden, eine gemeinnützige Einrichtung zur Erkennung, Beratung und Förderung Betroffener. Er ist selbst Legastheniker und beschäftigt sich eigenen Angaben zufolge bereits seit über 20 Jahren mit der Problematik, schrieb unter anderem Ratgeber und Fachartikel.

Über dieses Thema berichtete MDR SACHSEN auch im Radio: MDR 1 RADIO SACHSEN | 31.01.2017 | 10:57 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. März 2017, 17:18 Uhr

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2 Kommentare

27.03.2017 18:01 Morchelchen 2

Warum war das bei den Nachkriegsgenerationen gar kein Thema? Kann es sein, dass man damals mehr Druck ausübte auf die Schüler und die halt mehr Leistung zeigen mussten? Ich erinnere mich sehr gut an die vielen Hausaufgaben, das häufige Vokabel-Lernen und das Auswendiglernen von Zahlenreihen daheim für Mathe. Der Zwang dazu war enorm, aber Übung macht bekanntlich erst den Meister. Wenn man die Kinder jetzt sieht, sind die mit ihren Smartphones beschäftigt. Und wenn die damit schreiben, dann total verknappte Sätze. Könnte mir vorstellen, dass dies nicht gerade den schriftlichen Ausdruck fördert. Wer sehr zeitig mit dem Lesen beginnt und daran Freude findet und sehr viel liest, der hat bekanntlich später weniger Probleme mit der Rechtschreibung.

27.03.2017 14:44 Anmerkung 1

Zu DDR Zeiten gab es speziele Schulen wo die Kinder gefördert wurden,oft konnten sie später wieder in ihre alten Klassenzurück und beendeten dort ihre Schulausbildung mit guten Noten. Warum wird heute wieder alles neu erfunden ?