Das historische Eisenbahnviadukt im Zentrum von Chemnitz
Ist das historische Eisenbahnviadukt noch zu retten? Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig ist optimistisch, dass es gelingen kann. Bildrechte: dpa

Jahresrück- und Ausblick Chemnitz' Hürden, Pläne und Visionen

Wie viele Amtskollegen blickt auch Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig auf die Ereignisse des Jahres 2016 zurück. Zum Beispiel wurde in Chemnitz fleißig gebaut. Mit der neuen Körperbehindertenschule, dem sogenannten Terra Nova Campus zum Beispiel, sei das wahrscheinlich größte Schulbauprojekt der Stadt realisiert worden. Das CFC-Stadion ist nach 27 Millionen Euro teurer Modernisierung eingeweiht worden. Und auch beim Chemnitzer Modell sei man vorangekommen. Uneins sei man mit den Plänen der Deutschen Bahn gewesen, das Eisenbahnviadukt abzureißen. Doch da zeichne sich eine Wende ab, so Ludwig.

Das historische Eisenbahnviadukt im Zentrum von Chemnitz
Ist das historische Eisenbahnviadukt noch zu retten? Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig ist optimistisch, dass es gelingen kann. Bildrechte: dpa

Seit vielen Jahren macht die Fernbahn einen riesigen Bogen um Chemnitz. Zwar hat die Deutsche Bahn auch in Chemnitz groß ihren Slogan "Schnell von City zu City" plakatiert. Doch die letzten Bahnkunden, die in der 240.000-Einwohner-Stadt einen ICE gesichtet hatten, haben inzwischen graue Haare. Wollen sie dennoch im ICE durch Deutschland reisen, müssen sie am Hauptbahnhof Chemnitz erst einmal die steilen Treppchen eines alten Reichsbahnwaggons erklimmen, mit dem sie zunächst eher gemütlich und schlecht klimatisiert nach Leipzig zuckeln. Doch dazu später mehr. Denn seit August dieses Jahres gibt es wieder Hoffnung auf eine Fernbahnanbindung für Chemnitz. So könnte es sein, dass vielleicht die Urenkel der heutigen Bahnkunden doch irgendwann wieder - auch von Chemnitz aus - die Welt auf einer elektrifizierten Schnellzugstrecke erreichen können.

Fernbahnanbindung von Chemnitz hat es in Bundesverkehrswegeplan geschafft

Nachdem zahlreiche Politiker, auch Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig, gebetsmühlenartig versucht haben, sowohl die Konzernleitung der Deutschen Bahn als auch Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt davon zu überzeugen, wie wichtig die Fernbahnanbindung für die gesamte Region Chemnitz ist, wurde die Elektrifizierung der Strecke Chemnitz-Leipzig nun in den Bundesverkehrswegeplan 2030 aufgenommen. Zwar nur als "potentieller Bedarf", aber immerhin. Nun muss das millionenschwere Bauprojekt nur noch auf die Stufe des "vordringlichen Bedarfs" aufsteigen. Dann hat es Chancen, bis 2030 realisiert zu werden.

Abrisspläne gegen den Willen der Bürger

Beharrlichkeit und viele Proteste scheinen auch beim geplanten Abriss des Eisenbahnviaduktes an der Annaberger Straße in Chemnitz Früchte zu tragen. Die Bahn plant, den sogenannten "Bahnbogen" zu modernisieren. Dem Streckenumbau sollen fünf Brücken zum Opfer fallen, die durch Neubauten ersetzt werden. Auch bei der über 100-jährigen Stahlbogenbrücke kam für die Bahn eine Sanierung bislang nicht in Frage. Das sei viel zu teuer im Vergleich zum Brückenneubau, so das Argument der Bahn. Da hatte sie allerdings die Rechnung ohne eine Bürgerinitiative gemacht, die sich nicht nur darauf beschränkte, Protestpostkarten und Unterschriftensammlungen zu organisieren. Die Aktivisten um den Verein "Viadukt e.V." und dem "Stadtforum Chemnitz" haben Expertisen eingeholt. Die Gegengutachten von Brückenbauspezialisten kamen zu dem Schluss, dass der Neubau sogar teurer werden könnte als die Sanierung. Barbara Ludwig sieht inzwischen große Chancen dafür, dass die Bahn nun den Erhalt des Denkmals wichtiger erachtet als den Neubau. Sie würdigte ausdrücklich das Engagement der Bürgerinitiative, die mit den eingeholten fachlichen Expertisen womöglich erreicht hat, dass Politiker und Behörden zum Umdenken gebracht werden.

Reichsbahncharme auf der Strecke Chemnitz - Leipzig

Der Zug abgefahren scheint hingegen bei der Vergabe des Streckenbetriebs des Regionalexpress von Chemnitz nach Leipzig zu sein. Mit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2015 übernahm die Mitteldeutsche Regiobahn diese Strecke und brachte ihre eigenen Züge mit. Die Ausschreibung des federführenden Verkehrsverbundes Mittelsachsen war so gestaltet, dass ein neuer Betreiber nicht einmal Züge mit Klimaanlage einsetzen muss.

Ein Zug der neuen RegionalExpress-Linie RE 6 Leipzig-Chemnitz steht am 16.10.2015 während einer Präsentation im Hauptbahnhof Chemnitz.
Der Triebwagen sieht noch halbwegs modern aus und hat sogar zweiflügelige Türen. Die Waggons dahinter sind auf dem Niveau der Deutschen Reichsbahn in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Bildrechte: dpa

Das Ergebnis ist nun über ein Jahr lang auf der Strecke zu erleben gewesen. Die alten Reichsbahnwaggons, Baujahr etwa 1985-1988, haben für Hohn und Spott, aber auch für viel Ärger und Proteste gesorgt. "Totaler Rückschritt für uns Chemnitzer!" und "So ein Schrott, aber für die Stadt der Moderne ist das wohl gut genug!" - so reagieren viele Fahrgäste. Prominentestes Beispiel: die Generaldirektorin der Kunstsammlungen Chemnitz, Ingrid Mössinger. Nach einer sehr langen Aufzählung ihrer Kritikpunkte kam sie zu dem Schluss: "Dieser Zug schadet Chemnitz!" Auch die Organisatoren des jährlich stattfindenden Internationalen Kinderfilmfestivals "Schlingel" können davon ein Lied singen. Dank des Sponsorings eines großen Autohausunternehmens können sie per Shuttle-Service ihre internationalen Gäste von den Flughäfen Leipzig und Dresden abholen. Die Zugfahrt von Leipzig können und wollen sie niemandem zumuten.

Auch Barbara Ludwig hat inzwischen von vielen unrühmlichen Fahrgasterlebnissen auf dieser Strecke gehört. So weiß sie zum Beispiel von Leuten, die in Burgstädt die Zugtüren nicht öffnen können, deshalb bis Chemnitz durchfahren und dann mit einem Taxi zurück nach Burgstädt fahren. Die Oberbürgermeisterin blickt inzwischen selbstkritisch auf die Vergabe der Streckenleistung an die Mitteldeutsche Regiobahn zurück. In ihrer Funktion als stellvertretende Verbandsvorsitzende des Zweckverbandes Verkehrsverbund Mittelsachsen (ZVMS) hätte sie "genauer hinsehen müssen". Ludwig sagte, wenn sie gewusst hätte, dass statt modernisierter Züge nur die alten Reichsbahnzüge mit neuem Anstrich auf die Strecke kommen, dann hätte sie viel mehr Fragen bei der Vergabe gestellt. "Das war ein Fehler, den ich mitgemacht habe. Ich hoffe, dass ich doch noch etwas dafür tun kann, dass es in den nächsten Jahren besser wird."

Chemnitz im Focus als Terroristenunterschlupf

Als schlimme Situation bezeichnet Barbara Ludwig die Zeit, als der potentielle Terrorist Dschaber al-Bakr sich in Chemnitz aufgehalten hat und hier an einer Bombe gebaut hatte. "Das Schlimmste war dabei, dass wir ja geworben hatten für die dezentrale Unterbringung von Asylbewohnern in Wohngebieten. Das heißt mitten unter uns. Und dann mitten in so einem Haus jemand, der eine Bombe baut." Ludwig sagt, sie sei sehr froh gewesen, als das vorbei war. "Riesen Respekt vor den Bewohnern des betroffenen Hauses, mit wieviel Besonnenheit sie diese Situation, diese Tage gemeistert haben. Und mit wieviel Sachlichkeit sie dann hinterher das Gespräch, auch mit mir zum Beispiel, gesucht und gefunden haben."

Blick nach vorn

Im Jahr 2017 müssen viele Bauprojekte auf den Weg gebracht werden. Ludwig sagte, die Planungen müssen so voran gehen, dass Fördermittel beantragt werden und Leistungen ausgeschrieben werden können. Das gilt zum Beispiel für den geplanten Anbau am Chemnitzer Opernhaus, für die neue Schwimmhalle in Bernsdorf und für eine neue Schule am Hartmannplatz.

Radsportelite zu Gast in Chemnitz

Zu den Höhepunkten des kommenden Jahres gehört für Barbara Ludwig die Deutsche Straßenradsportmeisterschaft Ende Juni 2017. Dieses Ereignis habe es in Chemnitz noch nie gegeben und werde es sobald auch nicht wieder geben, sagt die Oberbürgermeisterin. "Es werden keine Kosten und Mühen gespart, um die Veranstaltung für die deutsche Radsportelite zu einer ganz besonderen werden zu lassen." Der Stadtkurs werde ganz attraktiv gestaltet. Stadtsprecher Robert Gruner ergänzt: "Zumeist werden die Rundkurse eher durch das Hinterland der jeweiligen Städte geführt. Nicht so in Chemnitz: Hier bietet sich ein schwerer, sehr bergiger, hügeliger Stadtkurs an, der dann auch für die Zuschauer sehr attraktiv sein wird, weil sie an vielen Stellen die Profis hautnah erleben dürfen."

Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt

Das für Chemnitz in Frage kommende Jahr 2025 ist zwar noch weit weg, aber die Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt muss in den nächsten Monaten in die konkrete Konzeptionsphase gehen. Doch zuvor soll der Stadtrat Ende Januar 2017 grundsätzlich darüber abstimmen, ob die Stadt diese Bewerbung überhaupt in Angriff nehmen soll. Immerhin sind damit Kosten in Millionenhöhe verbunden. Die Konkurrenz ist auch nicht zu verachten, zum Beispiel Nürnberg und Dresden. Aber für viele, die von der Idee begeistert sind, ist eigentlich der Weg schon das Ziel. Das, was im Zusammenhang mit dieser Bewerbung in der Stadt strategisch entwickelt werde, wirke nachhaltig, so Barbara Ludwig. Und die Stadt gewinne an Aufmerksamkeit und Bekanntheit.

Zuletzt aktualisiert: 28. Dezember 2016, 16:29 Uhr

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