Tote Hosen, Kraftklub und Marteria Zehntausende bei "Wir sind mehr"-Konzert in Chemnitz

Chemnitz steht auch eine Woche nach dem tödlichen Messerangriff und den darauffolgenden Demonstrationen noch immer im Mittelpunkt. Am Montag hatten sich Musiker zu einem Spontankonzert angesagt und Tausende Fans kamen.

Zehntausende Menschen auf dem Platz neben der Chemnitzer Johanniskirche zum Konzert "Wir sind mehr"
Zehntausende zumeist junge Leute waren zum Konzert "Wir sind mehr" nach Chemnitz gekommen. Bildrechte: MDR/Matthias Vollmer

Mit einem Konzert in Chemnitz haben am Montag Musiker ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit und für Toleranz gesetzt. Wegen des erwarteten Besucheransturmes hatte die Stadt den Veranstaltungsort vom Marx-Monument im Stadtzentrum auf eine Freifläche außerhalb des Stadtringes verlagert. Dort gaben vor rund 65.000 Menschen Bands wie "Feine Sahne Fischfilet", "K.I.Z.", "Die Toten Hosen" oder die Chemnitzer Gruppe "Kraftklub" ihr persönliches Statement gegen Rassismus. "Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass so ein Konzert nur der Anfang sein kann und dass wir alle den Arsch hochkriegen müssen", rief der Sänger der Rostocker Band Feine Sahne Fischfilet den Tausenden zu und erntete Jubel. Kraftklub-Sänger Brummer sagte: "Wir geben uns nicht der Illusion hin, dass man ein Konzert macht und dann ist die Welt gerettet." Doch manchmal sei es wichtig, zu zeigen, dass man nicht allein sei. Vor der Bühne tanzten und jubelten tausende zumeist junge Leute.

Massen und Musik

Vor dem Marx-Monument tanzen Menschen und schwenken Fahnen aus Silberfolie. Am Haus hinter dem Monument ist ein großes Transparent angebracht. 'Chemnitz ist weder grau noch braun'.
Vor dem Karl-Marx-Monument legte eine DJane auf und hunderte Menschen tanzten zu Techno-Beats. Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel

Durch den riesigen Besucheransturm waren auch die angrenzenden Straßen rund um das Konzertgelände voller Menschen. Die Besucher kamen nicht nur aus Chemnitz oder Sachsen. Aus ganz Deutschland waren Tausende mit Autos, Bussen oder der Bahn nach Sachsen gereist. Auch noch Stunden nach Konzertbeginn strömten Menschenmassen in die Chemnitzer City. Die Innenstadt wurde zur Party-Location. Vor der Stadthalle stellten Flüchtlingsinitiativen und Bündnisse gegen Rechtsradikalismus ihre Arbeit vor. Aus unzähligen Ecken drang Musik. Vor dem Karl-Marx-Monument tanzten hunderte Menschen zu Techno-Klängen, während weitere Menschenmassen zum Konzert strömten. Im Kampf um möglichst gute Beobachterpositionen wurden höhergelegene Punkte geentert. Balkons und Terrassen waren voller Menschen. Selbst auf dem Dach eines Parkhauses in der Nähe standen und jubelten hunderte Menschen.

Gedenken für den Toten

Auch am Tatort der Messerattacke drängten sich die Besucher. Viele wollten Daniel H., der hier am 26. August niedergestochen worden war, die letzte Ehre erweisen. Um hier Zusammenstöße zwischen verschiedenen Lagern zu vermeiden erhöhte die Polizei am Abend ihre Präsenz. Einheiten aus Berlin sicherten den Gedenkort ab. Auch vor Beginn des Konzertes hatten die Menschen des Toten mit einer Gedenkminute gedacht.

Junge Leute mit Transparenten. Darauf steht 'Lieber Gutmensch als Arschloch' und 'Nazis sind Scheiße!'
Manche Plakate waren einfach nur einfach. Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel

Tote Hosen mit Überraschungsgästen

Den Schlusspunkt setzten die Altpunker von den "Toten Hosen". Frontmann Campino sagte nach den ersten umjubelten Songs: "Wir waren im letzten Jahr dreimal in Chemnitz. Aber dieses Konzert heute ist mit Abstand das beste". Die Zuschauer riefen "Alerta Antifascista" und "Wir sind mehr!". Zusammen mit Überraschungsgast Rodrigo González von den "Ärzten" sangen die Toten Hosen den Ärzte-Song "Schrei nach Liebe". Darin geht es um die Gefühlswelt eines jungen, verklemmten Mannes, der zum Nazi wird. Unter viel Jubel und Beifall beendeten die Musiker überpünktlich, wie vom Veranstalter angekündigt, 21:15 Uhr das Chemnitzer Konzert-High-Light des Jahres und wünschten den Besuchern noch einen schönen und gewaltfreien Abend.

Rückblick auf #wirsindmehr Das war der Konzerttag in Chemnitz

Sie wollten ein lautes Zeichen gegen Rechts setzen und strömten nach Chemnitz. Rund 65.000 Menschen aus der gesamten Bundesrepublik kamen am Montagabend zum Gratis-Konzert verschiedener Bands. Der Tag in Bildern.

Menschen vor der #wirsindmehr-Bühne in Chemnitz vor dem Konzert
Schon Stunden vor dem Konzertbeginn am späteren Nachmittag standen Zuschauer auf dem Parkplatz vor der Johanniskirche Bildrechte: St.Flad
Menschen vor der #wirsindmehr-Bühne in Chemnitz vor dem Konzert
Schon Stunden vor dem Konzertbeginn am späteren Nachmittag standen Zuschauer auf dem Parkplatz vor der Johanniskirche Bildrechte: St.Flad
Zuschauer haben sich auf dem Dach eines Haltestellenhäuschens plaziert um sich das Konzert anzuhören, Chemnitz #wirsindmehr
Bildrechte: St.Flad
Die Toten Hosen auf der Bühne während des Konzerts in Chemnitz #wirsindmehr
Die Toten Hosen Bildrechte: St. Flad
Kraftklub auf der Bühne in Chemnitz, im Vordergrund Sänger Felix Brummer #wirsindmehr
Kraftclub Bildrechte: St. Flad
Casper (re.) und Marteria auf der Bühne, Chemnitz #wirsindmehr
Casper (r.) und Marteria auf der Bühne Bildrechte: St. Flad
Konzertbesucher waren auch aus Bayern nach Chemnitz gekommen und zeigten ihre ganz besonders typische Flagge am 3.9.3018.
Extra aus München waren diese Besucher angereist, um Flagge zu zeigen. Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel
Immer noch strömen die menschen zum Konzertplatz in der Chemnittzer Innenstadt am 3.9.2018.
Zuerst waren die Veranstalter von 10.000 Besuchern ausgegangen. Aber schon zu Beginn des Konzerts um 17 Uhr korrigierten sie die Schätzungen nach oben. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski
Menschen stehen am Taort in der Chemnitzer Innenstadt am 3.9.2018, an der Stelle, an der Daniel H. vor einer Woche getötet wurde. Viele Menschen gehen danach zum Konzert auf den Parkplatz vor der Johanniskriche.
Bevor sie zum Konzert gingen, trauerten viele Besucher zuerst am Tatort in der Chemnitzer Innenstadt, wo der 35-jähirge Daniel H. niedergestochen wurde. Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel
Auf der Feuertreppe des Hochhauses gegenüber des Konzertgeländes sammelten sich viele Menschen - auch Journalisten - um das Geschehen im Überblick zu sehen.
Begehrt waren alle Plätze mit Aussicht auf die Konzertbühne rings um die Johanniskirche. Hier nutzten Besucher die Feuertreppe des Hochhauses gegenüber des Konzertgeländes. Bildrechte: MDR/Katrin Tominski
Auf einem Parkhausdach stehen hunderte Menschen und hören dem Konzert zu.
Apropos Überblick: Dafür musste auch ein Parkhaus herhalten, auf dem sich Hunderte am Abend versammelten. Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel
Junge Leute mit Transparenten. Darauf steht 'Lieber Gutmensch als Arschloch' und 'Nazis sind Scheiße!'
Demonstranten mit selbstgebastelten Transparenten in Chemnitz. Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel
Zehntausende Menschen auf dem Platz neben der Chemnitzer Johanniskirche zum Konzert "Wir sind mehr"
Im Laufe des Abends drängten sich immer mehr Menschen vor der Bühne. Die Stadtverwaltung schätzte, dass 65.000 Besucher zusammengekommen waren. Bildrechte: MDR/Matthias Vollmer
Vor dem Marx-Monument tanzen Menschen und schwenken Fahnen aus Silberfolie. Am Haus hinter dem Monument ist ein großes Transparent angebracht. 'Chemnitz ist weder grau noch braun'.
Vor dem Karl-Marx-Monument tanzten die Menschen und schwenkten Fahnen aus Silberfolie. Am Haus hinter dem Monument hing ein großes Transparent. Titel: Chemnitz ist weder grau noch braun. Bildrechte: MDR/Matthias Wetzel
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Quelle: MDR/mwa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 03.09.2018 | 19:00 Uhr
MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 03.09.2018 | 19:00 Uhr in den Nachrichten

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Zuletzt aktualisiert: 03. September 2018, 23:26 Uhr

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209 Kommentare

06.09.2018 07:01 Wo geht es hin? 209

@Alf Eier: Natürlich freue ich mich, wenn alles friedlich bleibt. Und da habe ich mir auch keine Sorgen bei dem Konzert darüber gemacht - denn anders Denkende haben sich im Gegensatz zu den "echten Demokraten (?)" eben NICHT auf die Fahne geschrieben, dieses Konzert rechtswidrig zu stören oder gar zu verhindern. So geschehen durch "echte Demokraten (?)" in Chemnitz beim Schweigemarsch. Und natürlich sind solche Texte "Satire" (Sie verwiesen auf die "Titanic", die ich sehr wohl kenne und schätze) - was sonst? Gaaanz bestimmt! Zumindest in den Kreisen dieser "Prominenten". Unter diesem Deckmantel kann man so ziemlich alles verpacken. Nur sehe ich das bei Kindern problematisch (darauf bezog sich ja mein Post) - glauben Sie im Ernst, dass Kinder so was differenzieren können? Satire ist kein Freifahrtschein für die Verherrlichung von Gewalt. Stellen Sie sich vor, solche Texte kämen aus der blauen Ecke - wäre es für Sie dann glaubhaft AUCH "Satire"? Gern geschehen!

05.09.2018 20:53 Ralf112 208

Lieber Herr Kohfeld, Sie haben natürlich absolut Recht. Solange die Immunität nicht aufgehoben wird, kann man nicht gegen Frau Merkel ermitteln. Diese Immunität kann nur durch den Bundestag aufgehoben werden und erst dann müsste sie sich für etwaige Straftaten verantworten und erst da gelten dann die gleichen Gesetze wie für alle anderen. Da die große Koalition ja nur noch eine knappe Mehrheit hat, wäre eine Aufhebung der Immunität in naher Zukunft ja gar nicht so unwahrscheinlich.

Vielen Dank für Ihre freundlichen Hinweis!

05.09.2018 20:49 Wolfgang Nawalny 207

Der eine prophezeit für morgen nur Sonne der andere nur Regen - einer wird sich irren, aber egal. Einer sagt gestern schien in Aue den ganzen Tag die Sonne, ein anderer sagt es hat den ganzen Tag geregnet in Aue. Einer hat gelogen.

Sachsen MP Kretschmer sagt es gab in Chemnitz keine "Hetzjagden", "keinen Mob auf der Straße" und schon gar keine "Progrome". BK Merkel behauptet das Gegenteil. Einer lügt.

Ursache und Wirkung scheint nach Tagen noch immer keinen der Verantwortlichen zu interessieren ...

05.09.2018 19:46 Ekkehard Kohfeld 206

@Ralf112 202 So kurz Ihre Antwort auch ist, so sinnbildlich steht sie doch für so viele Antworten hier im Forum.##"Ich weiß MDR ist auch wieder am Thema vorbei ich versuch auch mich kurz zu fassen"#Wir und auch nicht der MDR sind dafür verantwortlich wenn die überwiegend Linken ein so schlechtes Allgemeinwissen haben,und auch nicht dafür zuständig das aufzufrischen entweder sie versuchen das über Googel oder über Kurse bei der Volkshochschule kann doch nicht so schwer sein,niemand auch wir und der MDR sind nicht für die Dummheit Anderer verantwortlich da brauchen sie sich gar nicht beschweren,das sind alle selber verantwortlich oder es ist angeboren.Der MDR ist keine Schule,hier werden Informationen verbreitet wenn sie die nicht verarbeiten können gehen sie vielleicht ins ANTIFA - Forum da sind die einfacher gestrickt auch die Texte von schon Tote Hosen passen da besser.

05.09.2018 19:20 Ekkehard Kohfeld 205

@ Ralf112 202 So kurz Ihre Antwort auch ist, so sinnbildlich steht sie doch für so viele Antworten hier im Forum. Ich bringe ein Argument und Sie oder einer Ihrer Mitstreiter sagt entweder "stimmt nicht" oder "das macht jemand anderes auch und noch viel Schlimmer". Jetzt frage ich mich, wie Politiker mit Menschen sprechen sollen, die nur noch grölend durch die Gegend laufen und gar nicht mehr zuhören.##Sagen sie mal haben sie die letzten Jahre im Winterschlaf verbrach???Seit es Pegida giebt hat die Politik nicht versuch mit denn wirklich ins Gespräch zu kommen wenn sie denen ihr Forderungen mal lesen würden wüßten sie das es da nicht um Nazis geht sondern alltägliche Bedürfnisse nur genau wie sie will das niemand hören,was dabei raus kommt kann man sehen eine neu Partei entsteht genau dadurch die die andern vor sich her treibt und das wird bei solchen Einstellung wie der ihren noch schlimmer,wetten.In so kurzer Zeit hat noch nie Weltweit eine Partei so viel Zulauf bekommen wie die AFD.

05.09.2018 19:18 Klaus 204

@ { 05.09.2018 18:11 Ralf112 }
Das habe ich auch schon festgestellt, aber so sind mal unsere Besorgten. Der LKA-Mitarbeiter war ja ein gutes Beispiel, da kommt man mit Argumenten nicht weiter. Die werden immer einen Schuldigen finden, der für deren Versagen verantwortlich ist.
Dass das Konzert mit 65.000 Besuchern ein voller Erfolg war, können die Besorgten nicht abstreiten, weshalb man dann in den Krümmeln sucht und versucht jede Mücke zum Elefanten aufzubauschen.
Überzeugen tut das nicht, aber die Besorgten fühlen sich dann besser. Und das ist ja dann auch gut.

05.09.2018 19:17 D.o.M. 203

@Ralf112, 202: Ich lese sehr wohl die Argumente. Gegen Frau Merkel liegen mustergültige Anklagen wegen ihres Verhaltens 2015. U.a. hat die AfD eine solche Anklage eingereicht. Ich würde nicht scheuen, eine Wette mit Ihnen einzugehen, dass ein Verfahren nicht vor dem biologischen Abschied von Frau M eröffnet werden wird.

05.09.2018 18:11 Ralf112 202

@199 DoM: "Wer das glaubt, wird selig."

So kurz Ihre Antwort auch ist, so sinnbildlich steht sie doch für so viele Antworten hier im Forum. Ich bringe ein Argument und Sie oder einer Ihrer Mitstreiter sagt entweder "stimmt nicht" oder "das macht jemand anderes auch und noch viel Schlimmer". Jetzt frage ich mich, wie Politiker mit Menschen sprechen sollen, die nur noch grölend durch die Gegend laufen und gar nicht mehr zuhören. Hier werden die Posts ja wenigstens noch gelesen und trotzdem geht niemand tatsächlich auf ein Argument ein. Und dabei geht es ja gar nicht darum, dass man sich überzeugen lassen muss, aber wenn jemand tatsächlich eine Lösung finden möchte, dann muss man doch auch irgendwie versuchen, die Position des anderen zu verstehen. Schade eigentlich, dass das hier nicht funktioniert.

05.09.2018 17:48 Ekkehard Kohfeld 201

@ D.o.M. 199 @Ralf 198:
" und eine Anzeige gegen die Bundeskanzlerin wird genauso behandelt, wie eine Anzeige gegen Sie oder gegen mich. "
Wer das glaubt, wird selig.#Richtig die geniest erst mal Immunität und solange die nicht aufgehoben,ist passiert gar nichts von wegen genau so behandelt wie jeder Andere einige haben wirklich ein merkwürdiges Rechtsverständnis oder Halbwissen wie viele Folgen Lindenstr.muß man dafür geschaut haben?Sorry MDR auch das ist abschweifen aber ich wollt die im Raum stehende Frage nur beantworten.

05.09.2018 16:35 Jannes 200

05.09.2018 15:27 Ralf112...Lebt es sich eigentlich schön in Ihrer Traumwelt? Wenn Sie wüssten.... Aber ich lass Sie in Ihrer Illusion, denn Teile der Wahrheit würden Sie nur beunruhigen.

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