Aufmarsch Chemnitzer Ultras nach einem Facebookaufruf
Nach einem Facebook-Aufruf versammelten sich Hunderte Demonstranten in der Chemnitzer Innenstadt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Chemnitz Spontane Demos nach tödlicher Auseinandersetzung

Nach einer tödlichen Auseinandersetzung sind am Sonntagnachmittag Hunderte Menschen durch die Chemnitzer Innenstadt gezogen. Medienberichten zufolge hatten rechte Fußballhooligans zu der Aktion aufgerufen.

Aufmarsch Chemnitzer Ultras nach einem Facebookaufruf
Nach einem Facebook-Aufruf versammelten sich Hunderte Demonstranten in der Chemnitzer Innenstadt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach einer tödlichen Auseinandersetzung und dem Abbruch des Stadtfestes sind in Chemnitz Hunderte Menschen durch die Innenstadt gezogen. Wie die "Freie Presse" berichtet, kam der Aufruf dazu von der rechten Ultra-Fußballvereinigung "Kaotic Chemnitz". Hintergrund ist, dass an der Tat laut Polizei Männer "verschiedener Nationalitäten" beteiligt gewesen sei sollen.

Toter und Schwerverletzte bei Streit nach Stadtfest

Der Vorfall hatte sich in der Nacht zum Sonntag in der Brückenstraße ereignet, kurz nach den Samstagsveranstaltungen für das Stadtfest. Laut Polizei wurde ein 35-jähriger Deutscher so schwer verletzt, dass er später im Krankenhaus starb. Zwei weitere Männer im Alter von 33 und 38 Jahren wurden ebenfalls schwer verletzt. Hinter einer Bühne wurde später ein Messer gefunden. Ob es sich dabei um die Tatwaffe handelt, ist noch unklar.

Warum die Männer aneinandergerieten, ist den Beamten zufolge ebenfalls noch unklar. Am Nachmittag widersprach die Polizei Gerüchten, wonach der Auseinandersetzung die sexuelle Belästigung von Frauen vorangegangen war. Auf Twitter schrieben die Beamten, hierfür gebe es nach derzeitigem Ermittlungsstand keinerlei Anhaltspunkte.

Spontane Demonstrationen in der Innenstadt

Das Stadtfest wurde von den Organisatoren am Nachmittag vorzeitig beendet. Die AfD und Pegida hielten nach Angaben der Polizei gegen 15 Uhr eine Kundgebung mit rund 100 Teilnehmern am Tatort ab. Diese sei störungsfrei verlaufen. Für 16:30 Uhr habe dann "Kaotic Chemnitz" auf Facebook zu einer Demonstration aufgerufen, um, nach eigenen Angaben, "zu zeigen, wer in der Stadt das Sagen hat". Daran nahmen den Beamten zufolge etwa 800 Menschen teil.

"Diese Personengruppe reagierte nicht auf die Ansprache durch die Polizei und zeigte keine Kooperationsbereitschaft", teilte die Polizei mit. Die Gruppierung habe sich plötzlich in Bewegung gesetzt und die Beamten phasenweise auch mit Flaschen beworfen. Die Polizei sei zunächst nur mit geringen Kräften vor Ort gewesen, hieß es weiter. Weitere Einsatzkräfte seien dann aus Dresden und Leipzig dazugestoßen.

Eine MDR-Reporterin berichtete von einzelnen Rangeleien. Laut "Bild"-Zeitung waren unter den Demonstranten mehrere gewaltbereite Rechte, die gegen Ausländerkriminalität protestierten und "Wir sind das Volk" skandierten. Antifaschistische Aktivisten berichteten in sozialen Medien von Übergriffen auf Migranten. Die Polizei bestätigte diese Berichte allerdings bislang nicht. Sie berichtete lediglich von vier Anzeigen, darunter zwei wegen Körperverletzung, eine wegen Bedrohung sowie eine wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte.

Rückblick Hunderte ziehen nach Messerattacke durch Chemnitz

Nach einem tödlichen Messerangriff in Chemnitz mobilisieren rechte Gruppen in sozialen Netzwerken für eine Spontan-Demo. Die Polizei musste Einsatzkräfte zur Unterstützung aus Leipzig und Dresden anfordern.

Aufmarsch Chemnitzer Ultras nach einem Facebookaufruf
Etwa 800 Menschen versammelten sich am Sonntagnachmittag rings um das Karl-Marx-Denkmal in Chemnitz. Die Versammlung war nicht angemeldet und wurde von rechten Hooligans über soziale Netzwerke organisiert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Aufmarsch Chemnitzer Ultras nach einem Facebookaufruf
Etwa 800 Menschen versammelten sich am Sonntagnachmittag rings um das Karl-Marx-Denkmal in Chemnitz. Die Versammlung war nicht angemeldet und wurde von rechten Hooligans über soziale Netzwerke organisiert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Aufmarsch Chemnitzer Ultras nach einem Facebookaufruf
Polizisten im Gespräch mit Demo-Teilnehmern. Stadt und Ordnungsbehörden wollten mit den zuständigen Verantwortlichen sprechen, aber die Ansammlung lief unkontrolliert los. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Aufmarsch Chemnitzer Ultras nach einem Facebookaufruf
Bis kurz vor 18 Uhr löste sich der Großteil der Versammlung auf. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Demonstranten
An der Stelle der Messerstecherei, an der ein 35-jähriger Deutscher schwer verletzt wurde, versammelten sich viele Menschen. Der Mann war am frühen Morgen im Krankenhaus an den Folgen gestorben. Bildrechte: Harry Härtel
Polizisten vor Demonstranten
Mehr als 800 Teilnehmer einer Spontan-Demo standen Einsatzkräften gegenüber, die teilweise eilig angefordert waren. Beamte aus Leipzig und Dresden waren von Fußballspielen Chemnitz abgezogen worden. Bildrechte: Harry Härtel
Polizisten laufen neben Demonstranten
Polizisten laufen neben Demonstranten her, die sich unangemeldet und unkontrolliert in der Innenstadt bewegten. Bildrechte: Harry Härtel
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Augenzeuge berichtet von Angriff durch Rechte

Ein Augenzeuge berichtete dem MDR, dass viele Besucher vom Abbruch des Festes nichts mitbekommen hatten und sich noch in der Innenstadt aufhielten, als der Demonstrationszug startete.

Aus dem Zug hätten sich einzelne Gruppen gelöst und seien mit dem Ruf "Kanakenklatschen!" durch den Stadthallenpark gerannt. Eine Gruppe Migranten habe daraufhin die Flucht ergriffen. Dem Zeugen zufolge kam dabei mindestens ein Migrant zu Fall und wurde, am Boden liegend, von den Angreifern geschlagen und getreten. Die Polizei habe weitere Ausschreitungen verhindert.

Laut Polizei wurden sämtliche Versammlungen am Abend nach und nach aufgelöst. Die Einsatzkräfte würden aber die ganze Nacht über in der Innenstadt unterwegs sein.

Stadtfest wurde wegen Demo-Aufruf abgesagt

Stadtfest-Veranstalter Sören Uhle von der Chemnitzer Wirtschaftsförderung bestätigte, dass das Stadtfest wegen des Demonstrationsaufrufs der Hooligans abgesagt wurde. Er sagte MDR SACHSEN: "In Absprache mit der Polizei haben wir das so eingeschätzt, dass eine Beendigung des Stadtfestes sinnvoll und notwendig ist, um Besucher zu schützen. Um keine emotionale Reaktion hervorzurufen, haben wir den naheliegenden Grund gewählt, aus Pietätsgründen und aus Anteilnahme das Stadtfest abzusagen, auch wenn der eigentliche Grund für uns natürlich eine andere Sicherheitslage war. Wir wollten erreichen, dass das Festgelände in Ruhe verlassen werden kann."

OB Ludwig entsetzt

Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig sagte MDR SACHSEN: "Es sollte ein friedliches Stadtfest werden. Wir hatten ja einen besonderen Anlass, den Stadtgeburtstag. Und wenn ich sehe, was sich in den Stunden am Sonntag hier entwickelt hat, dann bin ich entsetzt. Dass es möglich ist, dass sich Leute verabreden, ansammeln und damit ein Stadtfest zum Abbruch bringen, durch die Stadt rennen und Menschen bedrohen - das ist schlimm. Denen, die sich hier angesammelt haben, bewusst auch keine Versammlung angemeldet haben, geht es darum, genau das Stadtfest zu stören, die Situation zu chaotisieren, damit die Menschen noch mehr Angst kriegen und genau das dürfen wir uns nicht gefallen lassen."

Quelle: MDR/ag/mk/dpa/AFP

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 26.08.2018 | ab 10:00 Uhr in den Nachrichten
MDR SACHSENSPIEGEL | 26.08.2018 | 19:00 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 26. August 2018, 22:12 Uhr

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