Europäische Tage des Kunsthandwerks 236 Kunsthandwerker in Sachsen öffnen ihre Türen

Mal ehrlich – das Leben wäre wohl nur halb so schön, wenn‘s die Kunsthandwerker nicht gäbe. Schmuck, Keramik oder Weihnachtsdeko lassen sich zwar maschinell in Großserie fertigen, aber Handgefertigtes hat seinen besonderen Reiz. Manches Kunsthandwerk ist mittlerweile rar geworden.

Der Chemnitzer Korbmacher Günter Jahn repariert die Sitzfläche eines Stuhls.
Korbmacher Günter Jahn ist einer der ältesten Kunsthandwerker von Chemnitz. Bildrechte: MDR/Matthias Vollmer

Geigen aus Metall, Schmuck aus Keramik, Lampen, die wieder strahlen oder Stempel, die mit Patina an nichtoptimierte Zeiten erinnern – das Kunsthandwerk in Sachsen ist vielfältig und zahlreich. Ganz nebenbei erinnert und zeigt es Dinge, die benötigen, was heute nur noch selten vorhanden ist: Z-E-IT. Welches Handwerk entstehen kann, wenn Zeit, Material und Fingerfertigkeit verschmelzen, können Sachsen am Wochenende erfahren.

Im Rahmen der Europäischen Tage des Kunsthandwerks (ETAK) vom 23. bis 25. März öffnen europaweit Betriebe aus dem gestaltenden, traditionellen und restaurierenden Handwerk ihre Türen. Erstmals unterstützen alle drei sächsischen Handwerkskammern und das Sächsische Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr (SMWA) gemeinsam die sächsischen Handwerksbetriebe bei der Öffentlichkeitsarbeit für diese dezentralen Aktionstage.

Premiere: Chemnitzer Handwerker öffnen Ateliers

Bei den Aktionstagen ist in diesem Jahr erstmals auch die Region Chemnitz mit rund 70 Handwerkern vertreten. Nachdem die Schautage im Raum Dresden und Leipzig bereits gut angenommen wurden, hatte auch die Handwerkskammer Chemnitz einen Aufruf an ihre Kunsthandwerker gestartet. Mit Erfolg. Wie Kammerpräsident Frank Wagner sagte, meldeten sich für die Premiere rund 70 Künstler und Betriebe an. "Darüber waren wir selbst überrascht. Es zeigt die Vielfältigkeit des Handwerks in unserer Region." Die Bandbreite ist immens. So stellen sich beispielsweise Goldschmiede, Drechsler, Spielzeugmacher, Keramikhersteller und Restauratoren vor. Auch eine Kalligraphiekünstlerin und eine Tortenmanufaktur sind dabei.

Handwerker-Urgesteine und Jungspunde

Einblick in sein nicht mehr allzu präsentes Gewerk bietet Günter Jahn. Der Chemnitzer ist Korbmacher und mit seinen 77 Jahren einer der ältesten Kunsthandwerker der Stadt. "Ich hab den Beruf mit 15 Jahren gelernt und bin bis heute dabei geblieben. Der Beruf ist dermaßen vielseitig. Das sind nicht nur Körbe. Ich habe viele spektakuläre Sachen gemacht. Das Verrückteste war ein Backenzahn als Messestand. Viele wissen gar nicht, dass sowas überhaupt noch gemacht wird. Ich will mein Handwerk einfach mal wieder präsentieren."

Ebenfalls aus Chemnitz, aber erst taufrisch im Geschäft, ist das Ehepaar Anna und Bernhard Kroning. Beide eröffneten erst Ende Januar eine Blasinstrumentenmanufaktur in Chemnitz. Auch sie laden zu einem Blick in ihre Werkstatt im Gewerbegebiet Neue Kauffahrtei: "Das ist schön, wenn die Leute mal gucken können, wie wir arbeiten und was wir alles machen, weil wir eben ein sehr junges Unternehmen sind", erklärt Anna Kroning. Und ihr Mann Bernhard ergänzt: "Selbständig machen wollten wir uns schon sehr lange. Und wir kennen viele Bläser hier aus der Region, die gesagt haben, wir brauchen jemanden hier."

Die Blasinstrumentenbauer Anna und Bernhard Groning arbeiten in ihrer Werkstatt an einer Tuba.
Statt im Musikwinkel im Vogtland eröffnete das Ehepaar Anna und Bernhard Kroning eine Instrumentenmanufaktur in Chemnitz. "Gerade weil wir hier einzigartig sind!" Bildrechte: MDR/Matthias Vollmer

Aktionstage sollen Interesse wecken

"Handwerk hat goldenen Boden", heißt es im Volksmund. Aber die berühmte goldene Nase kann man sich heutzutage meist nicht mehr verdienen. Zu Zeiten der DDR-Mangelwirtschaft rollte bei manchem Kunsthandwerker kräftig der Rubel. Jetzt ist es eher die Passion am Beruf, die die Handwerker bei der Stange hält. Korbflechter Günter Jahn: "Wir haben große Probleme mit den Preisen der Billiglohnländer. Wenn ich einen Stuhl einflechte, hab ich einen Tag zu tun und kann vielleicht 80 Euro verlangen. Da ist nichts mit Mindestlohn."

Der Chemnitzer Korbmacher Günter Jahn sitzt in seiner Ladenwerkstatt und flicht eine Zopfkante an einen Wäschekorb.
Korbmacher Jahn hält die Leidenschaft in seinem Beruf: "Meine Arbeit wird zwar geschätzt, aber wir haben Probleme mit den Preisen der Billiglohnländer." Bildrechte: MDR/Matthias Vollmer

Laut Handwerkskammer Chemnitz sind einige Kunsthandwerksparten sehr dünn besetzt. So gibt es zwischen Chemnitz, Plauen, Annaberg und Freiberg nur noch 13 aktive Korbmacher. Hingegen sind die Musikinstrumentenmacher und Holzkunsthersteller in der Region stark vertreten. Werbung um Nachwuchs sei aber dennoch in allen Gewerken wichtig, so Kammerpräsident Frank Wagner: "Die Leute haben bei den Kunsthandwerkstagen Zeit, sich die Betriebe anzusehen. Und vielleicht findet sich auch ein Jugendlicher, der Interesse für den Beruf hat."

Zahl ausgewählter Kunsthandwerkstbetriebe im Kammerbezirk Chemnitz, Stand 31.12.2017
Gewerke Anzahl
Drechsler und Holzspielzeugmacher 326
Holzbildhauer 39
Klavier- und Cembalobauer 7
Handzuginstrumentenmacher 14
Orgel- und Harmoniumbauer 7
Geigenbauer 32
Bogenmacher 16
Metallblasinstrumentenmacher 28
Holzblasinstrumentenmacher 27
Zupfinstrumentenmacher 28
Keramiker 64
Korb- und Flechtwerkgestalter 13

Die Europäischen Tage des Kunsthandwerks waren 2002 in Frankreich initiiert worden. Mittlerweile werden sie in 18 europäischen Ländern veranstaltet.

Quelle: MDR/mv/kt

Dieses Thema im Programm von MDR SACHSEN MDR SACHSEN – das Sachsenradio | 23.03.2018 | 7:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. März 2018, 19:29 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.