In einem Schulungsraum sitzen Männer und Frauen um einen Tisch
Ungewöhnliches Projekt in Zwickau: Sprachkompetenz lernen bei der Seifenherstellung. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Kurs für funktionale Analphabeten in Zwickau Mit Seife gegen das soziale Abseits

In einem Schulungsraum sitzen Männer und Frauen um einen Tisch
Ungewöhnliches Projekt in Zwickau: Sprachkompetenz lernen bei der Seifenherstellung. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Mit einem ungewöhnlichen Praxisprogramm ergänzt die Zwickauer Sprachschule "anthropos" ihr Kursangebot für sogenannte funktionale Analphabeten. Die Herstellung von Seife ist Teil eines einjährigen Kurses, der die Schreib- und Lesefähigkeiten der Teilnehmer verbessert. Am Ende sollen sie befähigt werden, eigenständig und selbstbestimmt zu leben und ihre Geschäfte selbst in die Hand nehmen zu können. Schon der Name der kleinen Einrichtung ist Programm, denn das griechische Wort anthropos steht für den aufrecht schreitenden Menschen. Bei den Alphabetisierungskursen wird daher besonderer Wert darauf gelegt, Wege aus dem gesellschaftlichen Abseits zu suchen.

Selbstbewusstsein wird gestärkt

Eine älterer Dozent sitzt neben den Kursteilnehmern und erläutert etwas
Diplompädagoge Manfred Ramminger mit seinen Schützlingen beim Kurs. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Das ist ein wichtiger Aspekt für Diplompädagoge Manfred Ramminger, der den Kurs leitet. "Unsere Teilnehmer haben ein höheres Selbstbewusstsein erreicht in diesen Lehrgängen. Und sie haben wieder die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, was wichtig ist. Und innerhalb dessen ist ja die Arbeit. Etwa ein Drittel der Leute, die bei uns im Lehrgang waren, haben wieder Arbeit".

Funktionaler Analphabetismus Innerhalb der entwickelten Industriestaaten mit ihren hohen Anforderungen an die Beherrschung der Schriftsprache gelten auch jene Personen als funktionale Analphabeten, die über begrenzte Lese- und Schreibkenntnisse verfügen. Quelle: Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V.

In Sachsen leben etwa 200.000 funktionale Analphabeten

Eine Heftseite mit Aufgaben für den Deutschunterricht
Ganz alltägliche Schreibaufgaben werden in den Kursen trainiert. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Siebeneinhalb Millionen Erwachsene in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben. In Sachsen sind davon etwa 200.000 Menschen betroffen. Viele suchten Ausflüchte, um zu kaschieren, dass sie nicht richtig lesen und schreiben können, weiß Manfred Ramminger. "Jeder Teilnehmer an unserem Kurs kann dazu eine eigene Geschichte erzählen."

Die Art des Umgangs macht viel aus

Silke Koppe, Mitinhaberin der Chemnitzer Seifenmanufaktur "Beti lue" hatte durchaus Respekt vor der Aufgabe, ihr duftendes Handwerk ganz anders zu vermitteln als gewohnt. "Ich gebe zu, dass ich schon ein wenig Angst vor der Aufgabe heute hatte. Schließlich habe ich das noch nie gemacht. Menschen die Defizite haben, schauen einfach anders. Du musst einfach andere Sätze bauen. Wenn du zum Beispiel sagst, das ist ein Liter, das ist wie eine Limoflasche." Die Art des Umgangs mache da einfach viel aus. Und da sei sehr viel zurückgekommen.

Ich habe versucht, ihre Herzen aufzuschließen.

Silke Koppe Kursleiterin

Silke Koppe, Mitinhaberin der Chemnitzer Salbenmanufaktur beti lue
Silke Koppe, Mitinhaberin der Chemnitzer Salbenmanufaktur "beti lue", hatte Respekt vor der Aufgabe. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Das Outing fällt schwer

Es ist allein schon etwas besonderes, dass alle Kursteilnehmer den Weg an die Öffentlichkeit nicht gescheut haben.

Eine Frau füllt farbige Flüssigkeit in eine kleine Kuchenform
Mandy Welzer hat von dem Kursangebot profitiert. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Mandy Welzer, die schon zum dritten Mal diesen Kurs absolviert, spricht ohne Scheu von ihrem Leben ohne Lesen und Schreiben. "Ich habe das versteckt. Jahrelang habe ich in einer Küche gearbeitet, dort hat das auch keiner gemerkt. Ich habe alles auswendig gelernt, die Namen oder die Gerichte. Man lernt alles auswendig".

Ein langer Weg

Mandy Welzer ist auf einem guten Weg. Sie hat bereits eine neue Arbeit gefunden und kann sich jetzt auch besser um die Familie kümmern. "Ich bleibe weiter dran. Ich habe ja noch ein Kind, das zur Schule geht. Da muss ich einfach weiter dran bleiben."

Im März beginnen die nächsten Kurse in der Zwickauer Sprachschule "anthropos", die vom Europäischen Sozialfonds gefördert werden. Einige der Teilnehmer werden wiederkommen, aber auch neue werden erwartet.

Über dieses Thema berichtet MDR SACHSEN auch im Fernsehen: MDR SACHSENSPIEGEL | 17.01.2018 | 19:00 Uhr

Quelle: MDR/tfr

Zuletzt aktualisiert: 17. Januar 2018, 19:40 Uhr

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