27.01.2020 | 09:55 Uhr Alfred Roßner - Schüler auf den Spuren des "vogtländischen Oskar Schindler"

Vor 75 Jahren endete eines der dunkelsten Kapitel der Weltgeschichte: Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das KZ Auschwitz. Und damit die noch etwa 6.000 völlig entkräfteten, verwahrlosten und kranken Insassen, die das Lager überlebt hatten – im Gegensatz zu mehr als einer Million Menschen, die in Auschwitz elend zugrunde gingen. Dieser Tag, der 27. Januar, gilt als "Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus und des Holocaust" – und auch in Sachsen finden an vielen Orten Gedenkveranstaltungen statt. Zum Beispiel in der kleinen Stadt Falkenstein im Vogtland: Denn hier liegen die Wurzeln zu einer erstaunlichen Geschichte, die direkt mit dem Holocaust zu tun hat.

Gedenken für die Opfer des Nationalsozialismus in Falkenstein
Gemeinsam mit der 86-jährigen Holocaustüberlebenden Henriette Kretz erinnerten die Schüler am Montag in Falkenstein an die Opfer des Nationalsozialismus. Bildrechte: MDR/Uta Burkhardt

Im Grunde hat alles mit einer Gedenktafel auf dem Falkensteiner Friedhof begonnen. Darauf steht: "Alfred Roßner – als Gerechter der Völker geehrt". Wer war dieser Roßner, der die höchste Auszeichnung des Staats Israel erhielt? Das fragten sich einige geschichtsinteressierte Jugendliche. Eine Handvoll Acht- und Zehntklässler der Falkensteiner Oberschule ging daraufhin mit ihrer Geschichtslehrerin auf Spurensuche. Michelle, 14 Jahre, erinnert sich: "Wir haben nachgeforscht, sind ins Archiv in Falkenstein gegangen und haben vom Archivleiter Informationen bekommen."

Schüler an derselben Schule in Falkenstein

Gedenkstein Alfred Roßners auf dem Falkensteiner Friedhof
Gedenkstein für Alfred Roßner auf dem Falkensteiner Friedhof Bildrechte: Hannah Miska

Je tiefer sich die Schülerinnen in Bücher und Archivdokumente gruben, desto mehr fanden sie heraus. Alfred Roßner war Vogtländer wie sie, geboren 1906 im benachbarten Oelsnitz. Und später Schüler in Falkenstein, an derselben Schule, an der sie heute lernen. Lisa-Marie, 16 Jahre, erklärt: "Eigentlich war er ein ganz normaler Mensch. Und er hat dann einem guten Freund ausgeholfen - wie man das heute auch tun würde." Sein bester Freund war Jude. Er besaß eine Firma, die er nicht behalten durfte. "Und da hat halt Alfred Roßner zugestimmt, dass er die Firma übernimmt, und hat dort Menschen aufgenommen, die jüdischer Abstammung waren und sie dadurch gerettet."

Deutliche Parallelen zu Oskar Schindler

Fotografie von Alfred Roßner, um 1940
Der Unternehmer Alfred Roßner hat in seiner Fabrik jüdische Arbeiter beschäftigt und vor dem Tod bewahrt. Bildrechte: Privatbesitz Ester Nir, geb. Troppauer

Alfred Roßner tat also dasselbe, wie der heute viel bekanntere Oskar Schindler in seiner Emailwarenfabrik in Kraków (Krakau). Auch Roßner leitete ein Unternehmen, das jüdische Arbeiter beschäftigte: In seiner Textilfabrik im polnischen Ort Będzin (Bendzin) ließ Roßner Wehrmachtsuniformen herstellen. Weil die Produktion als "kriegswichtig" galt, durfte Roßner auch Juden anstellen und bewahrte sie somit vor der Deportation. Leider gelang es ihm nicht, bis zum Kriegsende durchzuhalten: Im Herbst 1943 wurde Roßner von der Gestapo verhaftet und später ermordet.

Dass dieser Mann aus ihrer Heimat stammt, darauf sind die Falkensteiner Schülerinnen stolz. "Allgemein hat uns seine Geschichte sehr berührt, weil er Juden gerettet hat. Das ist ja ganz selten, dass Menschen so was machen", sagt Schülerin Michelle. Und ihre gleichaltrige Mitschülerin Marie findet es besonders bemerkenswert, "dass er sein eigenes Leben riskiert hat, nur um anderen Menschen zu helfen".

Dass Alfred Roßner posthum geehrt wurde als "Gerechter unter den Völkern" verdankt er einer Jüdin, die in seiner Fabrik gearbeitet hat und die den Holocaust überlebte: Kitia Altman. Sie schrieb ihrer Erinnerungen auf - und beantragte bei der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem die Ehrung Roßners. So kam es, dass Roßner heute zu den 616 Deutschen gehört, die diese Auszeichnung bekamen.

Quelle: MDR/ub/lam

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 27.01.2020 | 15:10 Uhr

MDR SACHSENSPIEGEL | 27.01.2020 | 19:00 Uhr

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