09.06.2020 | 12:44 Uhr Besuche in Pflegeeinrichtungen: "Ich möchte meine Frau wieder in die Arme nehmen"

Als Sachsens Landesregierung das Besuchsverbot in Alten- und Pflegeheimen aufgehoben hat, war die Freude bei Heimbewohnern und Angehörigen groß. Doch die Zugangsregelungen vor Ort werden von jeder Einrichtung selbst bestimmt. Für Bewohner und Besucher bringt das weiterhin große Einschränkungen mit sich.

Ein Rentner telefoniert mit einem Smartphone
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Der 83-jährige Heinz Hammer ist tief enttäuscht. Seine Frau Marlis ist in einem Pflegeheim des Trägers K&S. Als er von den Lockerungen für Besucher im Pflegeheim las, hatte er gegelaubt, sie endlich wieder in den Arm nehmen zu können.

Ich hatte solche Hoffnung, das in Anspruch zu nehmen, was da stand, dann sagen die aber - bei uns nicht. Das war meine größte Enttäuschung.

Heinz Hammer

Für einen Besuch im Pflegeheim im Zentrum von Rodewisch braucht Hammer einen Termin. Aber auch dann darf er seine Frau nur hinter Plexiglas sehen. Anders sei das Hygienekonzept nicht umsetzbar, so die Heimleiterin der K&S Seniorenresidenz Rodewisch, Anke Bausdorf.

"Das heißt, die Einrichtung muss nach wie vor geschlossen bleiben, damit das alles kontrolliert abgeht", sagt Bausdorf. "Es ist einfach noch nicht möglich, unkontrolliert in die Besucherzimmer zu gehen." Das Virus sei nach wie vor da und sie habe die höchste Verantwortung. "Wir müssen den Strom kontrolliert halten und es muss für alle 84 Einwohner organisiert werden", so die Heimleiterin.

Umarmungen sind weiterhin tabu

Das Zimmer seiner Frau bleibt für Heinz Hammer also weiter tabu. Und ebenso die Umarmungen, die sie so dringend bräuchte. Für ihn ist es nicht nachvollziehbar, dass er das immer noch nicht darf. Seit 62 Jahren sind die Hammers verheiratet und noch nie waren sie solange getrennt wie jetzt.

Ich habe auch Angst davor, wenn sie merkt, dass ich sie immer noch nicht besuchen kann, dass sie dann umfällt und nicht mehr will.

Heinz Hammer

"Besuche sind für Bewohner lebensnotwendig"

Laut der aktuellen Corona-Schutz-Verordnung sind Besuche in Pflegeeinrichtungen grundsätzlich erlaubt. Die Zugangsregelungen entscheiden die Einrichtungen aber individuell. "Wir begrüßen es, dass es jetzt diese Regelungen gibt und jetzt endlich wieder Besuche für die Bewohner in Pflegeeinrichtungen möglich sind", sagt Michael Junge vom Sächsischen Pflegerat. "Das ist für die Bewohner überlebensnotwendig."

Sächsischer Pflegerat
Michael Junge vom Sächsischen Pflegerat Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dass jede Einrichtung selbst über die Zugangsregelungen bestimmen soll, findet Junge angebracht. "Wir sind der Meinung, dass es aktuell gar nicht anders geht aufgrund der lokalen sehr unterschiedlichen Entwicklungen", sagt er. Ein generelles Besuchsverbot lehnt er aber ab. "Wir müssen uns jetzt daran gewöhnen, dass es gewisse Einschränkungen gibt", so Junge. "Die sind wichtig, weil es die Bewohner in den Einrichtungen sind, die zur Hochrisikogruppe gehören."

Viele Angehörige finden die Besuchsregelungen zu streng. Im Pflegeheim "Am Belmsdorfer Berg" in Bischofswerda darf Frau Schmidt ihre Schwester immer nur für 20 Minuten unter Aufsicht sehen. Das sei ihr zu wenig, sagt sie.

Eine Pflegerin und eine ältere Dame sitzen nebeneinander und lauschen einem Konzert des MDR Lieder-Lieferdiensts. 32 min
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Sie vermisse das Vertrauen seitens der Pfleger, die beiden auch mal fünf Minuten alleine zu lassen. Die Pfleger verweisen aber laut Schmidt immer wieder auf die bestehenden Regelungen der Besuchszeit durch die Politik.

Kein Spazierengehen auf dem Hof

Insgesamt bewertet Schmidt die Maßnahmen während der Pandemie zur Eindämmung positiv. Sie findet aber, dass aufgrund der niedrigen Fallzahlen keine Notwendigkeit mehr bestünde, die Besuchsregelungen so strikt zu halten. Vor allem, dass sie mit ihrer Schwester nicht mal nach draußen auf den Hof darf, um eine Runde spazieren zu gehen, findet sie unverständlich.

Quelle: MDR/al

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 08.06.2020 | 19:00 Uhr

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