24.03.2020 | 20:46 Uhr Vogtland und Erzgebirge - wie weiter ohne tschechische Pendler?

Ab Donnerstag schließt die tschechische Regierung die Grenzen für Berufspendler. Das reißt eine weitere Lücke bei der grenznahen Industrie. Besonders betroffen ist der medizinische Bereich. Sachsen verspricht Finanzhilfe.

Polizisten stehen an einer tschechisch-österreichischen Grenze
Ab Donnerstag ist die tschechisch-deutsche Grenze auch für Pendler dicht. Bildrechte: dpa

Tschechien schließt in dieser Woche seine Grenzen nun auch für die täglichen Berufspendler. Von dieser Regelung betroffen sind schätzungsweise 37.000 Tschechen, die in Deutschland arbeiten. Nicht nur im im derzeit stark ausgedünnten Hotel- und Gaststättengewerbe, sondern auch als dringend benötigte Ärzte und Pflegekräfte in grenznahen Krankenhäusern oder auch Rehakliniken.

Medizinische Einrichtungen sind besonders betroffen

Blick auf den Quellentempel der Marienquelle am Kurpark im sächsischen Bad Elster
Die Kliniken in Bad Elster werden das zeitweilige Wegbleiben der tschechischen Mitarbeiter schmerzhaft spüren. Bildrechte: dpa

Die Vogtlandklinik in Bad Elster beschäftigt 30 tschechische Mitarbeiter. Nur zehn hätten angekündigt, in der derzeitigen Lage in Deutschland bleiben zu wollen, sagte Klinikleiterin Katharina Nebel im Gespräch mit MDR SACHSEN.

Ähnlich sieht es in der Celenus-Klinik aus. Dort pendeln 25 Mitarbeiter täglich aus Tschechien nach Bad Elster. Sie arbeiten hauptsächlich im Küchen- und Servicebereich. Nur fünf von ihnen überlegen noch, für die kommenden Wochen hier zu bleiben. Pirmin Huber von der Geschäftsleitung hat dafür Verständnis. "Die Mitarbeiter haben bereits viel auf sich genommen und seit der teilweisen Grenzschließung weite Wege gehabt. Wir haben für die Zeit, in der unsere tschechischen Mitarbeiter nicht da sein können, bereits Vorsorge getroffen." Man habe in den umliegenden Hotels und Gaststätten Personal finden können. Gleichzeitig betonte er, dass die Mitarbeiter bei einer zukünftigen Lockerung der Einreisebestimmungen selbstverständlich weiter arbeiten könnten. "Sie können ja schließlich nichts für diese Situation."

Erzgebirgsklinikum Annaberg-Buchholz: "Das ist einfach ganz hart"

Schlimmer sieht es im Erzgebirgsklinikum Annaberg-Buchholz aus. Dort arbeiten 23 Assistenz- und Fachärzte aus Tschechien. Viele pendeln, andere haben einen festen Wohnsitz in Annaberg. Der Ärztliche Direktor, Jürgen Prager, erfasst gerade, welche Kolleginnen von der Einreisesperre betroffen wären. "Es kann sein, dass wir bei der Besetzung der Dienste Probleme bekommen werden. Das ist einfach wirklich ganz hart." Eine weitere Frage wäre, ob die Kolleginnen Wohnraum benötigen würden. "Da gibt es Signale von der Stadt und vom Landkreis, dass man da hilft."

Eingang einer Klinik mit Krankentranportern
Im Erzgebirgsklinikum Annaberg-Buchholz arbeiten 23 Assistenz- und Fachärzte aus Tschechien. Bildrechte: MDR/Nora Kilenyi

Politik will mit Bleibe-Prämien helfen

Die sächsische Landesregung will mit Geld helfen. Ministerpräsident Michael Kretschmer hat am Dienstag allen tschechischen Berufspendlern aus den Bereichen Medizin und Pflege eine Prämie von 40 Euro pro Tag versprochen, wenn sie vorübergehend in Deutschland bleiben. Auch Angehörige oder Lebenspartner könnten für die nächsten Wochen mit nach Deutschland kommen. Für sie will der Freistaat 20 Euro pro Tag und Person zahlen. Das auf drei Monate befristete Angebot kann verlängert werden. Zur Unterbringung gebe es Kapazitäten in Pensionen, Hotels und Ferienheimen, heißt es in einer Mitteilung weiter. Ob nach dieser Ankündigung mehr tschechische Mitarbeiter im Land bleiben, werden die nächsten Tage zeigen.

Musikwinkel spürt das Ausbleiben der Pendler

Auch die Instrumentenhersteller im Musikwinkel um Markneukirchen haben tschechische Fachkräfte unter Vertrag. Der Instrumentenhersteller BuffetCrampon hat für Teile der Fertigung bereits Kurzarbeit ausgerufen, der Rest folgt am Monatsende. Nach Aussage von Personalreferent Dietmar Köhler ist das Unternehmen daher nicht zusätzlich durch das Wegbleiben der tschechischen Mitarbeiter betroffen.

Außenansicht eines flachen Firmengebäudes der Firma JÜRGEN VOIGT Meisterwerkstatt für Metallblasinstrumentenbau
Die Firma Jürgen Voigt Metallblasinstrumentenbau verliert zehn Prozent ihrer Mitarbeiter. Bildrechte: Jürgen Voigt Metallblasinstrumentenbau

Bei der Firma Jürgen Voigt, einer Meisterwerkstatt für Metallblasinstrumente, kommen zehn Prozent der Mitarbeiter aus Tschechien. Inhaberin Kerstin Voigt sieht mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. "Drei Wochen können wir überbrücken, aber im Moment kann ja niemand längerfristigere Prognosen geben." Ihr Unternehmen sei auch Zulieferer für andere Hersteller. Wie da die Entwicklung sei, ließe sich momentan nicht einschätzen.


IHK wünscht sich generelle Unterstützung für Pendler

Nach Angaben der Industrie- und Handelkammer Chemnitz sind im Kammerbezirk Chemnitz etwa 5.500 tschechische Arbeitnehmer beschäftigt, 80 bis 90 Prozent von ihnen sind Tagespendler. Christoph Neuberg, stellvertretender Hauptgeschäftsführer: "Das trifft die Unternehmen in den Grenzregionen hart. Wir haben ihnen empfohlen, für die Mitarbeiter Kurzarbeitergeld zu beantragen, um über diese Zeit zu kommen. Im Übrigen hätte ich mir gewünscht, dass die Staatsregierung ihre Unterstützung für alle tschechischen Berufspendler angeboten hätte."

Quelle: MDR/tfr

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 24.03.2020 | 16:30 Uhr im Regionalreport aus dem Studio Chemnitz

Zuletzt aktualisiert: 24. März 2020, 20:46 Uhr

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