21.10.2019 | 16:23 Uhr Soziologe: "Über Greta soll Klimaschutzbewegung delegitimiert werden"

Wie weit darf Meinungsfreiheit gehen? Eine heiß diskutierte Frage. Aktuell sorgt ein Fall aus Sachsen für Diskussionen: Die Staatsanwaltschaft Zwickau hat das Verfahren gegen einen SUV-Fahrer aus Plauen eingestellt. Er hat einen Aufkleber auf seinem Auto, der zwei lange blonde Zöpfe zeigt, die aus der Heckklappe hängen. Darüber prangt der Spruch: Problem gelöst. Eine Anspielung auf die schwedische Umweltaktivistin Greta Thunberg. Die Staatsanwaltschaft begründete ihre Entscheidung mit der Meinungsfreiheit. MDR SACHSEN ist dazu mit dem Soziologie-Professor Henning Laux von der TU Chemnitz im Gespräch.

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Herr Laux, können Sie nachvollziehen, dass jemand wegen dieses Aufklebers Anzeige erstattet?

Grundsätzlich kann ich das nachvollziehen, jetzt erstmal aus Sicht eines Teils dieser Gesellschaft. Wahrscheinlich würde ich es selbst nicht tun, aber ich glaube, es ist so ein bisschen ein Phänomen der Zeit, dass man auf so eine Sache vorher vielleicht nicht reagiert hätte. Aber es breitet sich immer stärker aus, das bestimmte Personen, gerade aus dem öffentlichen Leben, verunglimpft werden. Da bekommt man vielleicht das Gefühl, selbst Anzeige erstatten zu müssen, damit sich hier was verändert.

In diesem speziellen Fall geht es um ein minderjähriges Mädchen. Greta Thunberg ist noch nicht eimal erwachsen. Gibt es da mehr Hemmungen?

Greta ist wirklich eine interessante Figur. Anfangs hatte ich ein bisschen den Verdacht oder auch die Erwartung, dass man mit dieser Person vielleicht anders umgeht. Aber die letzten Monate haben gezeigt: Das ist überhaupt nicht so. Greta hat sich quasi zum Symbol der Umweltbewegung entwickelt und zwar sowohl auf der Seite ihrer Anhänger als auch auf der ihrer Gegner. Und das ein Mädchen in dem Alter Gegner hat, ist ja schon verwunderlich. Und wenn es diese "Fuck you Greta"-Aufkleber für Autos zu kaufen gibt, dann ist, glaube ich, eine bestimmte Schwelle erreicht, wo man sich überlegen muss, macht das irgendwie Sinn, ist das noch eine politische Auseinandersetzung, wenn ich dann quasi ein minderjähriges Mädchen beschimpfe. Man versucht dann über die Symbolfigur Greta die Klimaschutzbewegung zu deligitimieren.

Henning Laux Henning Laux ist seit 2016 Professor für soziologische Theorien an der TU Chemnitz. Außerdem arbeitet er viel im Bereich der politischen Soziologie und an der Erforschung des digitalen Raums und digitaler Öffentlichkeiten.

Henning Laux
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Welche Formen der Meinungsäußerung muss man aushalten und wo sind die Grenzen?

Auf einer Ebene ist das eine juristische Frage. Es gab diesen Fall und vor Gericht hat man dann gesagt, das ist jetzt etwas, das nicht strafrechtlich verfolgt wird. Jetzt sind aber die meisten Bürgerinnen und Bürger juristische Laien. Das heißt, wir können erstmal zunächst nicht einschätzen, ob das justiziabel ist oder nicht, ob das als Beleidigung oder Verleumdung gilt, was da gesagt oder geschrieben wird. Insofern finde ich den Weg, das erstmal juristisch klären zu lassen, sinnvoll. Man kann das natürlich nicht die ganze Zeit machen. Die Gerichte sind ohnehin überlastet.

Und auf einer anderen Ebene ist es eben schlicht und ergreifend die Frage, wie gehen wir damit um, wenn Beleidigungen und Verleumdungen kursieren. Was gilt im sozialen Zusammenhang als Beleidigung oder Verleumdung und das müssen natürlich erstmal die Akteure entscheiden. Das ist erstmal die Frage, wovon fühle ich mich beleidigt oder verleumdet? Damit muss man sich dann auseinandersetzen. Und das passiert ja auch am alltäglichen Zusammenhang. Und auch im digitalen Raum verstärkt sich die Auseinandersetzung über die Grenzen des Sagbaren. Sozialwissenschaftlich kann man sagen, eine Grenze ist da erreicht, wo sich Akteure zur Wehr setzen.

Hat sich diese Grenze in den letzten Jahren verschoben?

Wir haben eine viel stärkere Polarisierung. Oder vielleicht wird die jetzt auch einfach sichtbar und wir hatten diese Polarisierung schon immer. Aber die ist nun eben für alle plötzlich sichtbar und greifbar in einer digitalen Öffentlichkeit auf verschiedenen Plattformen. Das, was sich vorher in Stammtischen abgespielt hat oder im häuslichen Zusammenhang, in Vereinen oder sonstwo, das ist jetzt quasi plötzlich für alle einsehbar. Und das hat auch einen ganz bestimmten Effekt, nämlich dass Personen, die vielleicht vorher vereinzelt waren, jetzt in diesem digitalen Raum zusammenkommen und dort auch Bestätigung für ihre jeweilige Weltsicht und Formen der Beleidigungen bekommen. Dadurch radikalisiert sich das aus meiner Sicht.

Welche Folgen ergeben sich daraus?

Diese Formen, die wir da beobachten können, der Enthemmung von Personen im digitalen Raum, die haben natürlich Auswirkungen auf das gesellschaftliche Zusammenleben, auf Zusammenhalt, auf Konfliktlinien. Man sieht das auch an einigen Vorfällen in der letzten Zeit, dass eben bestimmte Foren auch dazu beitragen, dass Personen sich radikalisieren, auf Gleichgesinnte treffen und dadurch eben bestimmte Verstärkungseffekte eintreten. [...] Dann haben diese Personen plötzlich das Gefühl, ok ich habe ja offensichtlich Recht. Alle anderen, das ist dann so eine Generalisierung, alle anderen denken das ja auch so und die da oben müssen das endlich mal hören. Die Personen haben plötzlich eine ganz andere Vorstellung von Selbstwirksamkeit. Und das kann dann oft dazu führen, dass sie dann auch Dinge tun, die sie vielleicht sonst nicht getan hätten.

Wie Diskussionen im Netz entstehen, am Beispiel von "Fridays for Hubraum" "Was ich dabei höchst erstaunlich finde, ist, welche Dimensionen solche Internetdiskussionen annehmen können. Dass man dann plötzlich 500.000 Mitglieder für eine Gruppe hat, deren Programm im Grunde nur ist, wir wollen weiterhin Auto fahren und die Debatte um Klimawandel ist uns zu hysterisch.

Die Formen, die das dann bei 'Fridays for Hubraum' angenommen hat, die ist extrem problematisch. Wenn man so eine Gruppe unmoderiert lässt, dann kann man an dem Fall schön zeigen, was da passiert. Das ist ein Thema, bei dem sich Autoliebhaber mit Rechtspopulisten treffen, die schon immer dachten, dass Klimawandel eine Erfindung der globalen Eliten ist. Und dann kommt es zu absolut krassen Entgleisungen in der Interaktion.

Man sieht, das Internet ist wie so ein riesiger Resonanzraum und alle brüllen wie in ein Megafon rein, was ihre Position ist.

Sie verkaufen ihre Position ganz oft als die Position des Volkes, der einfachen Leute. Wobei das nicht stimmt, denn das einfache Volk ist viel größer und viel vielfältiger und differenzierter." Henning Laux

Quelle: MDR/al

Zuletzt aktualisiert: 21. Oktober 2019, 16:24 Uhr

10 Kommentare

Eulenspiegel vor 3 Wochen

Also ich denke die Greta macht das schon ganz gut. Und an der Familie gibt es nicht mehr zu kritisieren wie an jede andere Familie auch. Darum fasse sich da jeder an seiner eigenen Nase. Was aber zu kritisieren gibt ist das Leute versuchen Greta zu diffamieren weil sie glaube damit die Umweltbewegung zu treffen. Sie habe keine Argumente und glauben mit Diffamierungen ihre fehlenden Argumente auszugleichen.

Jerry vor 3 Wochen

Ich mag das hier alles gar nicht mehr lesen, gebe einfach nur mal zum Nachdenken :
Dieses, für mich Kind, junges Mädchen steht auf großen Bühnen. Sie ist wütend, hasserfüllt, traurig.... auf Generationen, die ihr ein schönes und friedvolle Leben ermöglichen.
Der Gedanke, unsere Umwelt mehr zu achten und entsprechend bewusster mit ihr umzugehen, ist gar nicht in Frage zu stellen....
Mir, als Mutter und Oma würde es das Herz zerreißen, wenn ich mein Kind/Enkel so verzweifelt erleben müßte ! ! Ich würde mich schämen, in mich gehen...und überlegen, was ich falsch gemacht habe !
Warum stellen sich ihre Eltern nicht auf die große Bühne, schützen ihre Tochter ? !
Ich denke, in der Familie läuft vieles sehr viel anders und das Mädel tut mir einfach nur sehr leid.

Eulenspiegel vor 3 Wochen

Also die Sache ist doch so:
Für jemand der denkt 2 + 2 = 3 weil der Gedanke das 2 + 2 = 4 sein könnte gefällt mir überhaupt nicht den können natürlich alle Argumente und alle Wissenschaftliche Beweise der Welt davon nicht überzeugen das 2 + 2 nun mal 4 ist.
Genau so läuft das in der Klimadebatte.
Da können sämtliche Wissenschaftler der Welt die seit Jahrzehnten in der Klimaforschung tätig sind zu gleichen Ergebnissen kommen. Und dann stellt sich ein Onkologie Professor, der ja in Sachen Klimaforschung genau so fiel Ahnung hat wie Lieschen Müller und die wissenschaftlichen Methoden dort gar nicht kennt, und behauptet da sind aber Ungenauigkeiten. Und dann kommen die ganzen Leute für die 2 + 2 = 3 ist und sagen hier steht es doch ein Professor hat das gesagt das stimmt doch alles gar nicht mit dem Klima.
Diese Leute sind doch weder willens noch bereit sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Sie suchen doch nur krampfhaft nach Beweisen die ihnen bestätigen das eben 2 + 2 = 3 ist.

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