Nachgefragt zur Wetterwarte Fichtelberg Experten kritisieren Automatisierungspläne

Tausende Menschen aus dem Erzgebirge haben eine Petition der Grünen im Erzgebirge unterschrieben. Diese richtet sich gegen Pläne des Deutschen Wetterdienstes (DWD), das Personal von der Wetterwarte Fichtelberg abzuziehen und nur noch Automaten messen zu lassen. Die über 100-jährige Wetterwarte ist nur eine von vielen, die so auf eine automatische Messstation ohne Personal reduziert werden soll. Weil immer noch viele Unterschriften eingehen, haben die Grünen ihre Petition verlängert. Auch auf Bundesebene wollen sie gegen das Sterben der Wetterwarten vorgehen. Doch was sagen Experten zu den Kürzungsplänen? Wir haben nachgefragt.

Ein Haus mit Wettermessstation, um das Nadelbäume wachsen
Bildrechte: MDR/Nora Kilenyi

Die Pläne des Deutschen Wetterdienstes: Der DWD will bis 2021 alle Wetterwarten und Flugwetterwarten schrittweise in das dann vollständig automatisierte hauptamtliche Messnetz integrieren. In einer Presseerklärung teilte der DWD mit, die Automatisierungspläne seien Bestandteil einer langfristigen Strategie, mit der der DWD auch den politischen Einsparvorgaben Rechnung trage.

Für Klimabewertungen eines Ortes oder einer Region seien unter anderem Messungen über 30 Jahre notwendig. Die Änderungen unseres Klimas (Temperatur, Niederschläge, Sonnenscheindauer u. ä.) ließen sich wiederum über automatische Sensorik am Boden und inzwischen auch die seit Jahren gesammelten Daten Dutzender Wettersatelliten (CM-SAF) flächenmäßig darstellen.

Der DWD bestätigte gegenüber dem MDR folgende Stellungnahme: "Schon jetzt läuft das Messfeld auf dem Fichtelberg komplett automatisch, werden nur einige wenige Dinge händisch ausgeführt, wie das regelmäßige Reinigen von Sensoren. Von unseren 2000 Messstellen in Deutschland sind nur noch die wenigsten mit Personal besetzt, weil hochauflösende Satelliten und unser Wetterradarnetz viele Aufgaben übernommen haben".

Sind die Automatisierungspläne auf dem höchsten Berg Ostdeutschlands sinnvoll? Wir haben Experten nach ihrer Meinung gefragt. Hier ihre Statements:

1. MDR-Wettermoderator Thomas Globig:

Modernisierung, Automatisierung und Digitalisierung sind der Lauf der Zeit. Doch gibt es insbesondere auf Bergstationen Probleme bei der meteorologischen Datenerfassung, besonders im Winter. So können Wetterhütten in massivem Dauernebel innerhalb weniger Tage komplett vereisen, was eine Veränderung der Temperatur- und Feuchtewerte zur Folge hat. Schneefall und Eiszapfen verfälschen die Werte des Sichtmessgerätes. Durch Vereisung werden Windmess- und Strahlungsmesswerte verfälscht. Die Veränderungen sind meist schleichend und werden dadurch erst spät bemerkt.

MDR Wetterexperte Thomas Globig
MDR Wetter-Experte Thomas Globig Bildrechte: MDR/Stephan Flad

Automatische Schneehöhenmessung ist nahezu unmöglich. Menschliche Wetterbeobachter messen an bis zu 16 Messpunkten, da der Schnee stark verweht und die Höhe daher sehr unterschiedlich ist. Dazu kommt die sogenannte Schneedichte-Messung - wieviel Wasser ist im Schnee gebunden. Diese Informationen sind im Falle eines massiven Tauwetters wichtig für die Hochwasservorhersage.

Alles in allem wird beim bevorstehenden Wegfall der manuellen Messung auf dem Fichtelberg eine hundertjährige Beobachtungsreihe sprichwörtlich in die 'Tonne' geschmissen.

So wird ein Klimawandel allein durch Veränderung von Messmethoden heraufbeschworen.

2. ARD Wetter-Experte Donald Bäcker:

Die Technik hat sich natürlich auch auf dem Gebiet der Meteorologie rasant weiterentwickelt, so dass Parameter wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Luftdruck und Wind vollautomatisch erfasst werden. Problematisch ist die Sensorik zur Erfassung des aktuellen Wetterzustandes. Beispielsweise könnte es bei -3 Grad Celsius auch regnen, die automatische Sensorik würde in diesem Fall Schneefall melden. Oft wird auch Nieselregen gemeldet, obwohl an der Station bei +1 Grad Schnee fällt.

Ferner vereisen die Geräte rasant, so dass eine Funktion nicht mehr gewährleistet wird. Schalenanemometer von Windmessgeräten brechen oft ab, Niederschlagsmesser verschwinden komplett im Schnee und die Lufttemperatur wird nicht mehr korrekt gemessen, weil das Umfeld der Messfühler komplett durch Frost oder Eis zugesetzt ist.

Die Messung der Schneehöhe ist auf Bergen sehr kompliziert, weil der Schnee stark verweht wird. Der Mensch macht mehrere Messungen in der Umgebung, die Automatik misst nur an einem Punkt.

Bei der Vorhersage der Großwetterlage ist ein Ausfall unproblematisch, hier ist die Fernerkundung über Satelliten mittlerweile führend. Für lokale Wetterprognosen sind diese Werte aber zwingend notwendig, weil sie durch das sogenannte MOS-Verfahren (model output statistics) als Ausgangswerte benutzt werden. "MOS" lernte beispielsweise, dass es in Morgenröthe-Rautenkranz sehr schnell sehr kalt werden kann im Gegensatz zu anderen Stationen, die zwar auf der gleichen Höhe über dem Meer, aber nicht in einem Hochtal liegen.

Eine Klimareihe sollte mindestens 30, besser 100 Jahre betragen, weil auch das Klima nie konstant war und nie konstant sein wird.

ARD Wetter-Experte Donald Bäcker
Ein Mann mit blauem Anzug und lila gestreiftem Hemd lächelt freundlich in die Kamera
ARD Wetterexperte Donald Bäcker Bildrechte: Monika Sandel

Angenommen, man möchte im Jahre 2050 eine Statistik zur Entwicklung der Schneelage auf dem Fichtelberg anfertigen, beispielsweise um Klimawandel zu belegen, liegen dort nur Werte von 1916 bis 2019, nicht aber von 2020 bis 2050 vor.

Klimawandel kann man auf Bergen am besten nachweisen, da die Umgebung sich nicht oder nur geringfügig ändert. Andere Stationen im Flachland werden oft zugebaut, wachsen ein oder liegen nicht mehr am Stadtrand. Denn wenn sich die Metropole vergrößert, rückt der ehemalige Speckgürtel immer mehr in den Innenstadtbereich. Infolgedessen erwärmt sich die Umgebung der Station, was aber nicht dem Klimawandel zuzuschreiben ist.

3. Prof. Dr. Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe, ehemaliger Leiter des Forschungsbereichs Klimawirkung und Vulnerabilität am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) e. V.:

Es gibt für die Bewertung der klimatologischen Entwicklung wichtige Augenbeobachtungen, z.B. Sichtweite, Niederschlagsart und -andauer, Witterungsverlauf, Bewölkung (Gattung, Art und Bedeckungsgrad) sowie optische Erscheinungen, die an etlichen Stationen in Deutschland für Zeiträume von ca. 100 Jahren vorliegen. Die Aussage von Dr. Jochen Dibbern, Vorstand Technische Infrastruktur und Betrieb beim DWD, dass gewisse Ausfallraten bei diesen Daten akzeptiert werden müssen und die Qualität der Wettervorhersage nicht beeinträchtigt, ist richtig. Gilt aber nur für die Wettervorhersage.

Für klimatologische Untersuchungen ist jede Unterbrechung einer Messreihe eine Katastrophe.

Prof. Dr. Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe

Es entstehen Inhomogenitäten und Sprünge in den Messreihen, die nur mit großem Aufwand, nur ungenau oder auch gar nicht korrigiert werden können. Meiner Meinung nach ist die vollständige Automatisierung des Beobachtungsbetriebs des DWD nicht fachlich begründet, sondern basiert auf einer Vorgabe des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur zur Reduktion des Personals des DWD. [...] Mit dem Abbau der Beobachterstellen an den Stationen geht deren langjähriges Wissen verloren. Neue Beobachter werden nicht ausgebildet. Aus meinen Erfahrungen heraus wäre es dem DWD zu jeder Zeit möglich und fachlich zu begründen gewesen, einen Teil der Stationen auch weiterhin mit Personal zu betreiben.

Über dieses Thema berichtete MDR SACHSEN auch im Radio: MDR 1 RADIO SACHSEN | 12.04.2017 | 10:30 Uhr in den Nachrichten aus dem Chemnitzer Regionalstudio

Zuletzt aktualisiert: 17. April 2017, 06:00 Uhr

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6 Kommentare

18.04.2017 11:17 AHoffmann 6

automatisierung soweit sie funktioniert und vom menschen beherrscht wird (wie übrigens mixer und staubsauger) ist nicht zu beanstanden. das scheint hier aber gerade das problem zu sein. deshalb unterstütze ich die pedition und hoffe auf einsicht der verantwortlichen.

17.04.2017 17:23 Frank 5

So sieht es aus, wenn Renditejunkies über Sachverstand siegen, leider.

17.04.2017 17:13 Heizer auf der Ellok 4

Tja, liebe Grünen, dann entsorgt mal ganz schnell Eure elektrischen Handmixer und Kaffeemaschinen. Und die Staubsauger und Waschmaschinen sowieso.
Das kann man alles auch ohne
Apparate machen. Und wenn
nicht, dann kann man ja
jemanden einstellen, der das
für einen erledigt.

17.04.2017 16:56 Paulchen 3

@1 richtig, aber wir müssen vorher den Automaten das Konsumieren noch beibringen, sonst fehlt die Nachfrage ;-)

17.04.2017 16:15 Oberlausitzer 2

@Volker: Die Menschen sitzen dann nur noch in geschlossenen Bunkern und überwachen die Maschinen/Roboter/Messgeräte.

17.04.2017 15:35 Volker 1

wenn das so weitergeht werden sicher bald die Menschen abgeschafft, weil Automaten billiger und effektiver sind, schöne Zukunft ohne uns

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