Nach Grubenunglück in Tschechien Wismut-Experte zu Grubenunglück: Restrisiko bleibt immer

Mindestens 13 Arbeiter sind bei einem Grubenunglück in Tschechien ums Leben gekommen. Mehrere Mitarbeiter wurden im Bergwerk in Karvina im Osten des sächsischen Nachbarlandes verletzt. Der Oberführer der Grubenwehr der Wismut GmbH in Chemnitz, Andy Tauber, reagierte betroffen auf die Unglücksnachricht. Er weiß, wie schwierig ein Rettungseinsatz nach einer Explosion in 800 Metern Tiefe ist. Im Gespräch mit MDR SACHSEN erklärt er die Risiken für die Kumpel im Steinkohlenbergwerk.

Was haben Sie gedacht, als Sie die Nachricht des Unglücks gehört haben?

Andy Tauber: Es ist für jeden Bergmann grundsätzlich tragisch, von solchen Unglücken zu hören. Es fällt schwer, sich vorzustellen, was passiert ist und wie es den Betroffenen und Angehörigen gehen muss - gerade jetzt vor Weihnachten. Ich bin in Gedanken bei den Kollegen und ihren Familien.

In ersten Meldungen aus Tschechien hieß es, die Unglücksursache soll eine Methangasexplosion gewesen sein, mit einer anschließenden Schlagwetterexplosion auf etwa 800 Metern Länge. Was heißt das genau?

Andy Tauber steht in seiner Unifrom als Oberführer der Grubenwehr der Wismut in einem Hausflur.
Andy Tauber ist einer der Oberführer der Grubenwehr bei der Wismut GmbH. Er kennt die Gefahren von Methangas im Steinkohlenbergbau. Bildrechte: Thomas Ackermann/Wismut GmbH

In Steinkohle ist neben Kohlenstoff auch Methangas drin. Beim Abbau der Kohle tritt das Gas aus. Im Bergwerk werden ja Gänge und Hohlräume geschaffen. Das ausgetretene Gas sammelt sich in diesen Räumen an. Normalerweise wird das abgesaugt oder durch Belüftung nach oben ins Freie abgeführt. Aber man hat im Steinkohlenbergbau immer eine gewisse Menge Gas in den Gruben. Man merkt es nicht, weil das Gas farb- und geruchlos ist. Der Gasanteil in der Luft darf 4,5 Prozent nicht überschreiten, sonst wird es gefährlich. Ist der Anteil höher und es kommt ein kleiner Funke hinzu, explodiert es. In Steinkohlenbergwerken gibt es ja auch viel Kohlenstaub. Der wird durch die Explosion aufgewirbelt. Dann entsteht eine Staubexplosion und die kann durchs ganze Bergwerk laufen. Das ist wie eine fürchterliche Kettenreaktion.

Was müssen Rettungskräfte und Bergleute in so einem Fall machen?

Die erste Aufgabe ist es, die Belegschaft sofort aus der Grube heraus zu bekommen. Das dauert meistens eine ganze Weile. Bergleute haben immer auch Rettungsgeräte dabei, damit sie eine gewisse Zeit keine Brandgase einatmen müssen. Die Grubenwehr muss diejenigen finden, die auf der Flucht in der Grube sind oder sich nicht allein retten können. Erst in zweiter Linie, wenn die gesamte Belegschaft draußen ist, beginnt die Brandbekämpfung. Das ist oft Aufgabe von Tagen oder Wochen.

Wie sicher sind Steinkohlenbergwerke in Tschechien?

Wir haben in Europa ein sehr hohes Sicherheitsniveau. Das kann man auch von tschechischen Bergwerken sagen. Aber im Bergbau bestehen immer besondere Gefährdungen, die es in anderen Industriezweigen nicht gibt. Die versucht man zu minimieren. Es ist in Steinkohlegruben seit Jahrzehnten üblich, spezielle Wannen mit Wasser oder Gesteinsstaub als Staubdrucksperren einzubauen. Bei einer Explosion reißt es so eine Wanne herunter. Das kühlt die Explosionsfront herunter. Die Wannen stehen aber nicht überall. Ein Restrisiko bleibt immer.

Wurden Sie zu Hilfe ins Nachbarland gerufen?

Wenn wir einen Hilferuf bekommen, helfen wir. Prinzipiell ist so eine Hilfe möglich. In Deutschland sind alle Grubenwehren gesetzlich zur gegenseitigen Hilfe in den Bergbaugebieten verpflichtet. International gibt es so eine Verpflichtung nicht. Einmal im Jahr treffen sich Grubenwehren mehrerer europäischer Länder zu einer länderübergreifenden Hauptübung in Österreich. Im Sommer waren auch die tschechischen Kollegen aus Ostrava dabei, die jetzt gerade im Rettungseinsatz sind.

Sie üben mit Ihren Grubenwehr-Kameraden für den Ernstfall. Ist so ein Unglück wie in Tschechien auch in Sachsen denkbar?

Seit den 1970er Jahren gibt es auf sächsischem Gebiet keinen aktiven Steinkohlenbergbau mehr. 1997 gab es einen tödlichen Unfall in einem stillgelegten Bergwerk in Brand-Erbisdorf. Ein Bergmann war bei der Einfahrt abgestürzt und ist gestorben. Unser letzter Einsatz war 2018 ein Unfall in Pöhla. Da hatte sich ein Bergmann bei Schachtarbeiten schwere Kopfverletzungen zugezogen.

Was ist eine Grubenwehr? Grubenwehren sind Hilfsorganisationen des Bergbaus. In Sachsen arbeiten derzeit 84 Männer aus verschiedenen Bergbauunternehmen als freiwillige Mitglieder in der Grubenwehr der Wismut GmbH.
Mehr als 50 Besucherbergwerke, Sanierungsbetriebe und Bergbaubetriebe werden von der Grubenwehr betreut. Neben Rettungseinsätzen, die laut Oberführer Andy Tauber selten sind, gehören Kontrollfahrten, Erkundungen in alten Stollen und Rettungsübungen zu den Hauptaufgaben der Grubenwehr.

Quelle: MDR/kk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 21.12.2018 | 19:00 Uhr

AKTUELLES AUS SACHSEN

Sachsen

Halde 38neu und Halden Schacht 382 in Schlema, 1992
Bildrechte: Wismut GmbH

Zuletzt aktualisiert: 21. Dezember 2018, 18:56 Uhr

Mehr aus Sachsen

Ein neblig-helles Licht erstrahlt mehrere Schneegebilde auf einem Hügel. In der Mitte steht ein besonders großes. Es ist ein schneebedecktes Gebilde, durch dessen zwei Löcher hellen Sonnenlicht strahlt. 1 min
Bildrechte: MDR/ promovie

Sonne, Schnee und jede Menge Skifahrer: So schön war es heute Morgen auf dem Fichtelberg im Erzgebirge.

So 20.01.2019 14:30Uhr 01:14 min

https://www.mdr.de/sachsen/chemnitz/annaberg-aue-schwarzenberg/video-267444.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK/ promovie

Video