Stephan Zantke vom Amtsgericht in Zickau.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Interview mit "Richter Klartext" Zwickauer Richter Zantke: " Das Volk hat mitentschieden"

Der Zwickauer Richter Stephan Zantke wurde durch sein Buch "Wenn Deutschland so scheiße ist, warum sind Sie dann hier?" bundesweit bekannt. Er wurde auch als "Richter Gnadenlos" tituliert. Maik Teschner von MDR SACHSEN sprach mit dem streitbaren Richter.

Stephan Zantke vom Amtsgericht in Zickau.
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Der Fall, der dem Buch seinen Namen gab Eine Frage, die der Zwickauer Richter Stephan Zantke einem angeklagten Asylbewerber stellte, hat ihn in die Schlagzeilen gebracht. Richter "Klartext", wie er daraufhin genannt wurde, hatte auf die Aussagen des Mannes reagiert. Der hatte andere als "Nazis" und "Scheiß-Deutsche" beschimpft. Wegen Sachbeschädigung und Körperverletzung stand er vor Gericht. Zantke schickte den mehrfach Vorbestraften für mehr als zwei Jahre ins Gefängnis - doppelt so lang wie von der Staatsanwaltschaft gefordert.

Wissen Sie, was ich richtig schlimm finde, wenn ich ihren Namen höre?

… dass Sie ihn kaum buchstabieren können ...

Nein, diese Labels meine ich, Richter "Gnadenlos" oder "Richter Klartext"…

Nun ja, die Titel gebe ich ja nicht mir selber, sondern die werden von der Presse ja vergeben. Ich setze nur geltendes Recht um mit meinen beiden Schöffen, wenn wir als Schöffengericht verhandeln. Wir haben die Vorgaben durch das Gesetz - also Freiheitsstrafen oder Geldstrafen und in diesem Rahmen agieren wir.

Den schöpfen Sie aus?

Was heißt ausschöpfen? Wir haben ja, wenn wir verhandeln, immer das Angebot der Staatsanwaltschaft, die ein Strafe fordert, wir haben das Angebot der Verteidigung, die ebenfalls das möglichst Beste für ihren Mandanten rausholen will und wir als Gericht sind an die Anträge nicht gebunden. Das sage ich meinen Schöffen immer, aber es sind natürlich immer Anhaltspunkte, wo man sich mit der Strafe bewegen könnte.

Wenn es aber heißt "gnadenlos" - warum urteilen andere Richter so lasch?

Andere Richter urteilen nicht lasch, wir haben bei meinem Gericht eigentlich das gleiche Rechtsempfinden, das heißt, da gibt es keine Ausreißer nach oben oder unten. Wir geben die Strafen, die wir als Gericht als gerecht empfinden. Aber es gibt wiederum ein Nord-Süd-Gefälle. Das kann man nachlesen. Das ist auch in Statistiken nachgewiesen.

Können Sie das näher beschreiben?

… im Süden etwas härter und im Norden sehr viel milder. Das hat vermutlich mentale Gründe. Ich hab manchmal das Gefühl, dass meine beiden Schöffen, mit denen ich ja zusammen entscheide, dass die wirklich ein gutes Bauchgefühl haben. Und gerade jetzt bei dem "Titelfall" war es so, die Staatsanwaltschaft hatte ein Jahr und drei Monate gefordert, der Verteidiger noch weniger und das Gericht hat dann diese zwei Jahre und sechs Monate gegeben. Das ist natürlich das Doppelte von dem, was die Staatsanwaltschaft wollte und das wurde dann gleich als "gnadenlos" betitelt. Dabei hat einfach das Volk mitentschieden.

Aber ist es nicht auch oft so, je öfter und höher man in Berufung geht, desto milder wird das Urteil?

Wir haben natürlich das große Problem im Augenblick, eine vielleicht nicht ganz ausreichende Personaldecke zu haben und das wird vermutlich auch noch schlimmer werden. Es lautet ja das Sprichwort, die Strafe muss der Tat auf dem Fuße folgen. Und wenn sie nun die Tat im Sommer 2017 haben und das erste Urteil im Sommer 2019 und dann noch Berufungsinstanzen oder Revision und das nächste Urteil dann nochmal später … dann ist ja klar, dass die Strafe nicht mehr so sein kann wie kurz nach der Tat.

Versteh ich nicht …

Na, stellen Sie sich vor, sie stehlen als 14-Jähriger in irgendeinem Laden was. Und das Jugendrecht ist anwendbar bis zum 18. Lebensjahr in jedem Fall und bis zum 21. eventuell - das hängt von Umständen ab …

So, und dann sind sie knappe 21, also wegen mir 20 Jahre und elf Monate … und dann kommt eine Anklage, weil sie als 14-Jähriger was gestohlen haben. Da packt man sich doch an den Kopf und sagt, spinnt ihr denn!? Und das ist der Hintergrund, dass Strafen auch milder werden können.

Gab es einen Fall, ein Ereignis, dass das Fass zum Überlaufen brachte und sie gesagt haben, jetzt schreibe ich ein Buch?

Nein. Das war ja ganz anders. Ich hatte damals dieses Urteil verkündet, dass dann durch die Presse ging. Und irgendwann war mal ein Anruf dabei von einem Verlag. Und dieser Verlag fragte, ob ich nicht Interesse hätte, ein Buch zu schreiben. Ich dachte sofort an mein Kinderbuch.

… genau, sie wollten ja mal ein Kinderbuch schreiben …

Ja, und als ich dann beim Verlag war, sagten die, nein, wir wollen Geschichten von Ihnen hören. Geschichten von ihrer Arbeit.

Es gab dann Zustimmung aus der rechten Ecke und aus der linken Ecke für ihre Arbeit, was sagen die Richterkollegen?

Das war ganz interessant. Das Buch kam ja am 8. Oktober 2018 heraus und es gab keine, aber auch wirklich gar keine Reaktion von meinen Richterkollegen. Wir haben so eine Art Kaffeestammtisch jeden Mittwoch und ich dachte, irgendwann wird doch irgendjemand von den Kollegen mal was sagen. Und da passierte aber nichts. Und jetzt im neuen Jahr im Januar sagten plötzlich zwei Kollegen zu mir: "Du übrigens, wir haben dein Buch gelesen. Ist nicht schlecht, hast du gut gemacht."

Nochmal zu dem Titel. Da ist ja Ex-Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger nicht ganz einverstanden mit Ihrer Wortwahl.

Ja, das ist ja auch normalerweise nicht etwas, was ich in den Mund nehme. Ich bin gut erzogen und das gehört sich auch nicht, dass man so was im Gerichtssaal sagt. Das ist mir …

Rausgerutscht …?

… nein, nein. Das ist mir tatsächlich so über die Hutschnur gegangen und ich habe diesen Täter das fragen müssen, weil die Zeugen mir das immer so beschrieben haben. Dass sie immer so beschimpft worden sind.

Und da hat sich dann diese Frage herauskristallisiert und da habe ich vielleicht nicht lange genug nachgedacht, dass sich das Wort nicht gesprochen gehört, aber ich hab dann diese Frage eben genau so gestellt.

Also ich habe da ein Copyright drauf.

Obwohl es ein Kollege ja schon ähnlich genutzt hat …

Jaja, das ist ein Richterkollege, der hat mir das dann in der Kaffeerunde erzählt. Er habe das so ähnlich formuliert - eine Woche zuvor bei einem ebenfalls schimpfenden ausländischen Staatsangehörigen - nur bei ihm saß keine Presse drin.

Quelle: MDR/mt/kb

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 04.04.2019 | 15:50 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 04. April 2019, 16:33 Uhr

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