07.07.2020 | 07:05 Uhr Ruinen Ostdeutschlands: "Oft wissen kleine Städte gar nicht, was sie für Schätze haben"

Verfallene Fabriken, alte Gebäude, verlassene Orte - davon gibt es tausende in Sachsen. Für die Initiative "Industriekultur Ost" sind sie mehr als Ruinen und tote Vergangenheit. In einer Datenbank auf ihrer Webseite sammeln sie Bilder und Informationen. Über gelebtes Leben und Orte der Innovation spricht Marco Dziallas im Interview mit MDR Sachsen.

alte Industriegebäude
Das ehemalige VEB Kondensatorenwerk Görlitz musste nach der Privatisierung 1992 Insolvenz anmelden - es sollte eine Werkschließung für immer werden. Bildrechte: Industriekultur Ost

Herr Dziallas, Sie beschäftigen sich mit Ruinen. Warum eigentlich?

Wir beschäftigen uns im Netzwerk Industriekultur Ost mit Industriekultur. Wie der Name schon sagt, handelt es sich dabei um viel mehr als nur Ruinen aus vergangenen Zeiten. Wir sehen in erster Linie die Ressourcen in kultureller, wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Hinsicht. Mit unseren Augen sehen wir Ruinen, unsere Vorstellungen nehmen jedoch sofort den Mehrwert wahr. Unsere Fantasie fragt sofort: Was könnte denn damit werden?

Vier junge Menschen lehnen an einem Geländer in einem alten Industriegebäude
Das Team von Industriekultur Ost (IKO): v.l. Marco Dziallas, Maria Weißenfels, Maike Marie Herden und Sebastian Dämmler. Bildrechte: Industriekultur Ost

Sie sprechen von Ressourcen. Welche sehen Sie, wenn Sie beispielsweise durch das Erzgebirge fahren und dort alte, verlassene Fabriken sehen?

Das ist sehr unterschiedlich. Zuerst muss man diesen Ort bewusst wahrnehmen. Man sieht natürlich die Architektur, die Besonderheiten, oft auch den Verfall. Bestenfalls haben wir vorher recherchiert und ein Bild dabei, wie die alte Fabrik im Original aussah. Dann wächst alles zu einer Art Vorstellung zusammen, was hier einmal war. Die Orte sind ja stark verändert. Gleichzeitig denkt man: 'Was für eine Atmosphäre, tolle Räume!' Hier muss irgendetwas passieren. Kreativräume und Büros sind immer gut vorstellbar. Man kann dort aber auch toll wohnen und Kunst etablieren. Es sind oft tausend Dinge, die uns in diesem Moment durch den Kopf gehen.

alte Industriegebäude
Abriss 2018: Das Gebäude der "VEB GelKiDa" (Gelenauer Kinder & Damensocken), des größte Kindersockenherstellers in der DDR, gibt es nicht mehr. Nach der Wende übernimmt die Treuhand die Verwaltung und wandelt die VEB 1992 in die "Gestruwa GmbH" (GElenauer STRUmpfWAren). Nur wenige Jahre später schließen die Werkstore für immer. Bildrechte: Industriekultur Ost

Können uns diese Orte, diese Gebäude, diese Teile der Industriekultur etwas für die Gegenwart sagen?

Ja, auf jeden Fall. Letztlich sind diese Gebäude ein Teil unserer Geschichte. Die Arbeitswelt - nicht nur die eigentliche Arbeitszeit -, sondern auch das ganze Umfeld haben uns geprägt. Arbeiterkneipen, Kulturhäuser, Betriebsferienheime und -kindergärten sowie Werksiedlungen waren wichtige Bestandteile dieses Lebens. Eigentlich alles, was sich um die Arbeit herum abspielte, gehörte zum Alltag und war damit Teil einer Industriekultur, die sich längst nicht auf Baumasse beschränkt.

Der Verwaltungsbau der Auto Union AG Chemnitz gilt als ehemaliges Herz des sächsischen Automobilbaus. Die Auto Union AG Chemnitz war einst der zweitgrößter Automobilbauer im Deutschen Reich.
Der Verwaltungsbau der Auto Union AG Chemnitz galt als ehemaliges Herz des sächsischen Automobilbaus. Die Auto Union AG Chemnitz war einst der zweitgrößte Automobilbauer im Deutschen Reich. Bildrechte: Industriekultur Ost

Doch was kann uns das heute sagen? Die Menschen identifizieren sich mit den Orten ihrer Arbeit, wo sie letztlich die meiste Lebenszeit verbracht haben. Der Wohlstand, den wir uns erarbeitet haben, hängt ja mit der Geschichte zusammen.

Unser Wohlstand heute hängt mit den alten Fabriken zusammen?

Ja. In vielen Produkten von heute steckt die Innovationskraft der letzten Jahrhunderte. Es ist wichtig, diese Orte wertzuschätzen, wo so etwas entstanden ist. Gelingt das, können wir anders mit Dingen umgehen. Wir sprechen heute von Wegwerfgesellschaft. In anderen Zeiten hat man versucht, Produkte so herzustellen, dass sie langlebiger sind. Weniger Wegwerfgesellschaft, mehr Nachhaltigkeit. Das kann man vielleicht mitnehmen in die Zukunft.

VEB Gießerei & Glasformenbau | 1983-86 | BMK Kohle & Energie | #Radeberg
Die VEB Gießerei & Glasformenbau in Radeberg gehörte zum Bau- und Montagekombinat Kohle und Energie - dem größten Baubetrieb der DDR. Nach der Friedlichen Revolution 1989 wurde daraus die Gießerei Radeberg GmbH. Bildrechte: Industriekultur Ost

Sie nennen sich Industriekultur Ost. Gibt es denn eine spezielle ostdeutsche Industriekultur?

Wenn ich jetzt auf die DDR-Industrie zurückschaue, wird mir immer wieder bewusst, dass es dieses relativ kleine Land geschafft hat, alle wesentlichen Produkte, die man zum Leben braucht, selbst herzustellen - ohne große Importe. An der Vielzahl der verschiedenen Betriebe und deren Ruinen sieht man, was alles hergestellt wurde. Die Innovationskraft von damals finde ich erstaunlich. Es gab viele Dinge eben nicht, man hatte nicht viele Materialien - trotzdem wurden Lösungen gefunden. Das beeindruckt mich total.

VEB Erste (Chemnitzer) Maschinenfabrik Werk II in Chemnitz-Borna in Sachsen
Die Erste Chemnitzer Maschinenfabrik wurde 1852 gegründet. Spter wurde sie zur VEB Erste Maschinenfabrik Karl-Marx-Stadt. Das ehemalige Hauptwerk in Chemnitz Borna wird heute zum Teil als Einkaufszentrum, ERMAFA-Passage genutzt. Bildrechte: Industriekultur Ost

Nun sind die Industriegebäude oft verfallen. Kann das überhaupt gelingen, solche Orte wieder zum Leben zu erwecken?

Ja. Zum einen muss man wissen, wo es noch tolle Bauwerke gibt. Sie sind ja nicht auf einer Karte eingezeichnet. Dann folgt die Frage: In welchem Zustand sind sie? Wir beginnen erst einmal, fotografisch zu dokumentieren. Einige Gebäude sind auf der Datenbank unserer Webseite zu sehen. Dann gilt es, Ansprechpartner zu finden und zu überlegen: Welche Nutzung kann es geben? Der Erhalt von Gebäuden hängt letztlich immer von der Nutzung ab. Oft wissen gerade kleinere Städte und Gemeinden gar nicht, was sie für Schätze haben. Besonders was Architektur anbelangt, ist dafür oft das Bewusstsein nicht da. Dann sehen wir es als unsere Aufgabe, dieses Bewusstsein vor Ort zu schärfen und auf die Schätze aufmerksam zu machen.

alte Industriegebäude
Das damals neue Werk der VEB Maßindustrie (MASSI) in der Gemeinde Fraureuth im Landkreis Zwickau. Der Betrieb gehörte zunächst zum Kombinat Mess- und Regelungstechnik, dann bis 1984 zum Kombinat KEAW, noch später zum Kombinat Haushaltgeräte (benutzte daher dann dessen Warenzeichen "FORON"). Bildrechte: Industriekultur Ost

Ist das denn schon gelungen?

Ja, ein gutes Beispiel ist die Palla in Glauchau, ein großer Industriekomplex und Kulturdenkmal mitten in der Stadt. Über Facebook haben wir quasi Öffentlichkeit und das Interesse von Investoren gewonnen. Diese sind dann auf uns und dann auf die Stadt zugegangen. So vernetzen wir verschiedene Akteure im Gespräch. Wir haben vermittelt, der Erfolg ist offen.

Wie viele Gebäude haben Sie in Ihrer Datenbank erfasst?

Momentan umfasst die Datenbank etwa 400 Objekte. Wir versuchen natürlich, Grunddaten zu recherchieren: also Baujahr, Bauzeit, Architekten, die Nutzung, den aktuellen Zustand und ob das Gebäude unter Denkmalschutz steht. Wir wissen aber, dass es viel mehr Objekte gibt. Das Problem ist die Zeit. Man könnte eigentlich sieben Tage die Woche kreuz und quer durch Ostdeutschland fahren und die Überreste der Industriekultur anschauen. Das machen wir auch oft. Deswegen haben wir Material für 1.000 Objekte. Potenzial sehen wir bei mindestens 3.500 Orten.

 Das Stammwerk der VEB Klingenthaler Harmonika-Werke (KHW). Die KHW waren Hauptproduzent von Akkordeons, Mundharmonikas und elektronischen Musikinstrumenten in der DDR.
Das Stammwerk der VEB Klingenthaler Harmonika-Werke (KHW). Die KHW waren Hauptproduzent von Akkordeons, Mundharmonikas und elektronischen Musikinstrumenten in der DDR. Bildrechte: Industriekultur Ost

Potenzial für 3.500 Gebäude - das klingt viel für Ehrenamtliche. Wie arbeiten Sie?

Neben unserem eigentlichen Job arbeiten wir alle ehrenamtlich. Natürlich reicht die verfügbare Freizeit nicht aus, um alles zu schaffen. Da ist viel Wille und viel Leidenschaft im wahrsten Sinne des Wortes. Perspektivisch können wir uns vorstellen, einen Verein zu gründen, um vielleicht jemanden anzustellen, für die Datenpflege und die Zusammenarbeit mit den Denkmalschutzbehörden. Denn auch diese greifen oft auf unsere Daten zurück.

Melden sich auch Zeitzeugen bei Ihnen?

Wichtig ist ist uns, dass uns Leute ihre Wissensschätze zuspielen. Nicht nur das Wissen über Orte, sondern auch Erfahrungen und Erinnerungen, Lebensfragmente. Ja, natürlich, wir freuen uns über jeden Zeitzeugen, der sich bei uns meldet. Viele haben vielleicht noch alte Brigadebücher oder andere Materialien, die es aufzubewahren gilt.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Dienstags direkt | 07.07.2020 | 20:00 Uhr in den Nachrichten

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