Neues Stadtoberhaupt gesucht Schickes Stadtzentrum, Elektro-Vorreiter und NSU: Zwickau vor der OB-Wahl

Am kommenden Sonntag wählt Zwickau eine neue Oberbürgermeisterin oder einen neuen Oberbürgermeister. Nach insgesamt 26 Jahren in der Kommunalpolitik und zwölf Jahren als Stadtchefin tritt Pia Findeiß ab. Wo steht Sachsens viertgrößte Stadt im Jahr 2020?

Das Rathaus in Zwickau, 2012
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Im Selbstverständnis mag Zwickau nach wie vor eine Arbeiterstadt sein, doch Kultur wird inzwischen großgeschrieben: Robert Schumann und Max Pechstein - letzterer seit 2014 sogar mit eigenem Museum - sind die zwei herausragenden Namen. Mainstream und Subkultur, Stadttheater und freie Szene, die Stadt hat heute beides. Reformationsstadt ist Zwickau inzwischen auch und natürlich Automobilstadt: Die automobile Vergangenheit, das sind Horch, Audi, Trabant. Die Zukunft heißt Elektromobilität und Volkswagen.

Anerkennung für Pia Findeiß' Arbeit

Eine lebens- und liebenswerte Stadt. Eine grüne Stadt. Eine Stadt, in der vieles angepackt wurde. Rathaus, Stadtbibliothek, Theater, Schwimmhalle, Stadion, um nur einige Beispiel zu nennen. Eine Stadt, die besser da steht, als man es sich vor zwölf Jahren hätte vorstellen können. Wen man auch fragt: Pia Findeiß (SPD) hat offensichtlich einen guten Job gemacht. "Die Stadt und die ganze Region haben eine erstaunliche Entwicklung genommen", meint etwa Ralf Hron, Regionsgeschäftsführer des DGB Südwestsachsen. Mit dem Transformationsprozess der Automobilindustrie habe die Stadt eine Riesenchance - das Gelingen entscheide über die Zukunft Zwickaus.

Zwickau habe sich wirtschaftlich sehr gut entwickelt, stimmt IHK-Chef Torsten Spranger zu. Knackpunkte sind aus seiner Sicht nach wie vor Gewerbeflächen und das Dauerthema Innenstadtbelebung. Auch der langjährige CDU-Stadtrat Thomas Beierlein will nicht länger neidisch nach Meerane schauen, wenn es um die Ansiedlung neuer Unternehmen geht. Insgesamt stellt er Pia Findeiß aber eine sehr gute Note aus. Sie habe insbesondere die Sanierung von Schulen, Kitas und Turnhallen vorangebracht.

IHK Chemnitz Geschäftsführer Torsten Spranger
Der Geschäftsführer der IHK Chemnitz, Torsten Spranger, ist zufrieden mit Zwickaus wirtschaftlicher Entwicklung. Bildrechte: Thoralf Lippmann

Dass Zwickau gerade bei den freiwilligen sozialen Leistungen auf breiter Ebene mehr macht als viele andere Kommunen, bestätigt Wolfgang Wetzel, Grünen-Stadtrat und Leiter einer Suchtberatungsstelle. Dass das auch unter Corona-Bedingungen so bleibt und freie Träger der Kinder- und Jugendhilfe zukünftig die selbe (auch finanzielle) Anerkennung erhalten wie kommunale Anbieter, hofft Mario Zenner, Geschäftsführer des Soziokulturellen Zentrums Alter Gasometer. "Für die Zukunft wünsche ich mir zudem eine Verwaltung, die Ermessensspielräume besser nutzt und engagierten Menschen mehr Raum lässt."

Der Blick von außen

Dietmar Vettermann, direkter Vorgänger im Amt, lebt inzwischen fernab von Zwickau und blickt von außen auf die Stadt. "Pia Findeiß hat ihre Sache gut gemacht", urteilt der 63-Jährige. Schon als er sich 2008 im Streit mit der CDU aus der Kommunalpolitik verabschiedete, empfahl er ausdrücklich die SPD-Politikerin als Nachfolgerin - was damals für Aufregung sorgte. Als ihm Findeiß zum Neujahrsempfang 2020 sagte, dass sie vorzeitig gehen werde, habe er gedacht: "Die zwei Jahre bis zum Ende der Legislatur musst du noch! Andererseits kann gerade ich gut verstehen, wenn jemand mit seinem Leben nochmal etwas anderes anfangen möchte", so der Alt-OB.

Die Noch-Amtsinhaberin

Im Februar 1956 in Zwickau geboren wurde Pia Findeiß erst Diplom-Sportlehrerin. Ihre Karriere in der Kommunalpolitik begann 1994: Zunächst war sie Bürgermeisterin für Gesundheit, Soziales und Jugend, später kam die Kultur dazu. Seit 2008 ist sie Oberbürgermeisterin der Stadt Zwickau. Jetzt mit 64 Jahren soll Schluss sein. Weil es Zeit ist zum Aufhören, nicht wegen der Bedrohungen von rechts, wie sie betont. So wehrte sie sich juristisch gegen einen rechten Hetzer, der sie unter anderem mit ihrer Enkeltochter filmte und dafür zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde.

Die Oberbürgermeisterin von Zwickau, Pia Findeiߟ (SPD), auf der Gedenkveranstaltung für die Opfer des NSU.
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Der NSU und die Folgen für Zwickau

Der Kampf gegen Rechts wird - unbeabsichtigt - zum großen Thema ihrer Amtszeit. Als am 4. November 2011 das Haus in der Frühlingsstraße 26 in Flammen aufgeht und das NSU-Terrortrio auffliegt, beginnt für Zwickau die schwerste Zeit nach dem Mauerfall. "Diese Wochen und Monate waren noch schlimmer als jede der Umwälzungen der Nachwendezeit", sagte Findeiß in einem Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit" im März diesen Jahres.

Abgesägter junger Baum.
Der abgesägte Gedenkbaum in Zwickau. Bildrechte: Stadt Zwickau

Und es ist ein Thema, das Zwickau bis heute bewegt. Als 2019 ein frisch gesetzter Gedenkbaum für das erste Opfer des NSU, Enver Şimşek, abgesägt wird, steht die Stadtgesellschaft auf. Statt eines Baumes pflanzt Zwickau zehn neue Bäume, einen für jedes Opfer der Rechtsterroristen. Bundeskanzlerin Angela Merkel kommt deshalb nach Zwickau, auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Wann und wie oder ob überhaupt Zwickau ein NSU-Dokumentationszentrum bekommt, ist derzeit noch offen. Während das Thema für die einen abgehakt ist, fordern die anderen weiterhin Aufklärung, vor allem mit Blick auf die Unterstützer der Rechtsterroristen.

Messlatte höher hängen

Eine weitere Aufgabe, die dem neuen Stadtoberhaupt ins Haus steht, ist die zukünftige Stadtentwicklung. Die historische Innenstadt ist inzwischen ein Hingucker, doch im Zentrum ebenso wie in den Stadtteilen klaffen mitunter auch hässliche Lücken. "Wie machen wir eine Stadt zukunftsfest, mit weniger Menschen, weniger Geld? Wie gehen wir mit dem Klimawandel und den gesellschaftlichen Brüchen um?", fragt sich daher Architektin Sylvia Staudte. Und erhofft sich mutige Ideen und ungewöhnliche Lösungen, vor allem aber weniger Bedenken. "An unserem Selbstbewusstsein können wir noch arbeiten", meint die 62-Jährige. Und auch Ralf Hron denkt lieber groß als klein: "Zwickau ist die viertgrößte Stadt Sachsens - sie sollte sich nicht an Werdau messen, sondern nach Dresden, Leipzig, Jena oder Erfurt schauen."

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 20.09.2020 | 19:00 Uhr

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