Winterreise Zwickau
Der Chor des Clara-Wieck-Gymnasiums war ebenfalls in das Projekt eingebunden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kunstprojekt mit Liederzyklus von Franz Schubert Leben in Not - Zwickau war letzte Station von "Winterreise"

Mit einer musikalischen "Winterreise" hat ein Kunstprojekt wohnungslose Menschen in den Mittelpunkt gerückt. Nach Aufführungen in mehr als 30 deutschen Städten war Zwickau nun die letzte Station. Neben den Schauspielern Eva Mattes und Oliver Rohrbeck war der Chor des Zwickauer Clara-Wieck-Gymnasiums in das Programm eingebunden.

Winterreise Zwickau
Der Chor des Clara-Wieck-Gymnasiums war ebenfalls in das Projekt eingebunden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

24 Lieder über Verlorensein und Heimatlosigkeit: Franz Schubert schrieb seinen Liederzyklus "Winterreise" vor mehr als 190 Jahren. Aktueller könnte der Zyklus aber nicht sein, wie ein Kunstprojekt mit wohnungslosen Menschen in Zwickau zeigt.

"Wer einmal draußen ist, droht es auf alle Zeit zu bleiben"

Stefan Weiller
Zehn Jahre sammelte Stefan Weiller Geschichten von wohnungslosen Menschen. Bildrechte: Privat/dpa

Der Künstler Stefan Weiller reiste zehn Jahre durch Deutschland. Er verbindet Schuberts Musik mit Geschichten Betroffener vor Ort. Nach mehr als 30 Städten war Zwickau am Dienstagabend die letzte Station. Es war ein bewegender Abend in der Lutherkirche. Insgesamt traf Weiller mehr als 400 Menschen, die ihm einen Einblick in ein Leben voller sozialer Not, Armut und Wohnungslosigkeit gewährten. "Die Zahl der betroffenen Menschen in Deutschland ist in dieser Zeit erheblich angestiegen", so Weiller. Demnach gehe man aktuell bundesweit von 880.000 Betroffenen aus.

Das Projekt habe ihn in Abgründe der Ungerechtigkeit, Ausgrenzung und  Not einer Wohlstandsgesellschaft schauen lassen, die um Solidarität ringe, aber zugleich an Verteilungsgerechtigkeit zu scheitern drohe. "Wer einmal draußen ist, droht es auf alle Zeit zu bleiben." 

Ich konnte atmosphärisch immer etwas ausmachen. Zum einen, wie wurde ich aufgenommen von den Leuten und da habe ich in Sachsen und Ostdeutschland gute Erfahrungen gesammelt. Die Menschen sind mir sehr offen begegnet. Und ich hatte manchmal das Gefühl, man ist manchmal enger beeinander als in der Anonymität einer riesigen Stadt wie Hamburg. In Zwickau ist der Begriff von Nachbarschaft noch ein bisschen enger gefasst.

Stefan Weiller Künstler

Winterreise Zwickau
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In einer Mischung aus Konzert, Videokunst und Lesung wolle man damit die Öffentlichkeit für ein Thema sensibilisieren, das gerne beiseite geschoben werde, sagt Petro Richter von der Wohnungsnotfallhilfe der Diakonie Stadtmission Zwickau. Der soziale Träger hat die "Zwickauer Winterreise" gemeinsam mit der Lutherkirchgemeinde der Stadt organisiert. Neben den Schauspielern Eva Mattes und Oliver Rohrbeck war der Chor des Zwickauer Clara-Wieck-Gymnasiums in das Programm eingebunden.

Immer mehr Notfälle in der Zwickauer Region

In Zwickau führte Weiller für seine Texte acht Interviews, sprach unter anderem auch mit einem wohnungslosen Asylbewerber. "Wir wollen zeigen, dass all diese Menschen dazugehören",  ergänzt Richter. Allein im Amtsgerichtsbezirk Zwickau seien 2017 rund 170 Wohnungen zwangsgeräumt worden. Im laufenden Jahr habe die Stadtmission per Ende Oktober 540 Wohnungsnotfälle im Landkreis betreut. Im gesamten Jahr 2017 seien es insgesamt rund 500 gewesen.

Es gibt Obdachlosigkeit in Zwickau, vielleicht nicht so groß, wie in Großstädten, dass man sie so präsent in der Öffentlichkeit sieht. Aber es gibt sehr viel Menschen, die bei Freunden unterkommen, die keine Wohnung haben, die in Gartenlauben wohnen, die in Abrisshäusern wohnen, die in Notunterkünften wohnen.

Jana Nickolai Stadtmission Zwickau

Sachsenweit zählte demnach die Diakonie als nur ein Träger in diesem Bereich mehr als 3.500 betroffene Menschen, 636 davon Kinder. Trotz der sich verschärfenden Tendenz durch steigende Mieten insbesondere in den Großstädten sei eine übergreifende Statistik über den Umfang der Wohnungsnot in Sachsen noch nicht einmal auf dem Weg.

Winterreise Zwickau
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es war Weltklasse, also wie er das rübergebracht hat von den Emotionen her, die ganze Darbietung war sehr beeindruckend. Ich bin hin und weg. Es war endlich mal was, was man sich anschauen kann. Alle, die daran mitgearbeitet haben - es war eine Topleistung.

Axel Ziegler Ehemaliger Wohnungsloser aus Zwickau, dessen Geschichte ebenfalls erzählt wurde

"Doch die Realität erleben wir in den Beratungsstellen jeden Tag: Erst heute Morgen stand hier ein junger Mann auf der Matte mit nichts als einem Rucksack und einer Umhängetasche", sagt Richter. Ziel der täglichen Arbeit sei es, Zwangsräumungen abzuwenden und die Betroffenen dabei zu unterstützen, sich wieder allein zurecht zu finden.

Quelle: MDR/dk/dpa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR sachsenspiegel | 21.11.2018 | 19:00 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 21. November 2018, 20:20 Uhr

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