20.05.2020 | 12:12 Uhr SAP und Telekom versichern: Corona-App schützt Persönlichkeitsrechte

Sie gilt für die einen als großer Hoffnungsträger: Doch die geplante Corona-App ist wegen der zentralen Speicherung der Daten in Kritik geraten. Jetzt soll sie kommen – mit dezentralen Daten. Doch kann sie sicher sein? Darüber hat MDR SACHSEN mit Rainer Knirsch und Hilmar Schepp, Sprecher von Telekom und SAP, gesprochen. Beide Konzerne sind von der Bundesregierung mit der Programmierung der App beauftragt worden.

Was ist die Corona-App eigentlich?

Knirsch: Ziel der App ist es, Infektionsketten zu unterbrechen. Wir möchten den manuellen Vorgang, den wir bislang haben, digital unterstützen. Die Zusammenarbeit mit den Gesundheitsämtern, das Aufspüren von Kontaktpersonen, die Analyse von Infektionsereignissen, das alles kann durch die App erleichtert werden.

Rainer Knirsch
Der Sprecher der Telekom Rainer Knirsch: "Die App ortet nicht den Standort." Bildrechte: Rainer Knirsch

Doch wie soll das funktionieren?

Schepp: Jeder hat schon einmal von Bluetooth gehört. Dabei handelt es sich um eine Funkverbindung. Wir kennen das von Kopfhörern, die ohne Kabel die Musik des Handys abspielen. Die Software der App nutzt eine spezielle Bluetooth-Technologie (BLE). Sie unterscheidet sich deutlich von der meist im Alltag genutzten Variante. Eine Kommunikation zwischen diesen Standards ist nicht möglich. BLE ist um ein Vielfaches stromsparender und beeinflusst die Akkuleistung mobiler Geräte kaum. Das ist wichtig, weil die Software auch noch andere Spezifikationen wie die Abstandsregelung unterstützen muss.

Hilmar Schepp, Sprecher SAP
Hilmar Schepp, Sprecher SAP: "Die App weiß nicht, wo Sie sich befinden." Bildrechte: Hilmar Schepp

Doch wie soll die App jetzt helfen? 

Knirsch: Sie erkennt mit ihrer Software andere Smartphones in der Nähe. In Folge tauschen die Geräte verschlüsselte Daten aus über die Dauer des Treffens der Smartphone-Besitzer sowie ihrer physischen Distanz. Ganz wichtig ist in diesem Zusammenhang: Die App ortet nicht den Standort des Smartphone-Besitzers. Der Ort spielt keine Rolle. Es werden keine Standortdaten erhoben. Das einzige was zählt, ist der Abstand und der wird anonym über Bluetooth generiert. 

Es kann also niemand erkennen, wer zu lange in welcher Kneipe saß?

Schepp: Ganz genau. Die App weiß nicht, wo Sie sich befinden. Ein Algorithmus misst schließlich, ob der Zeitraum und der Abstand für eine Infektion ausreichen würde. Wenn Sie jetzt also nur 20 Sekunden Kontakt haben, wird die App das nicht als Risiko identifizieren. 

Doch ab zehn Minuten mit einem Abstand von 1,50 Metern könnte es riskant werden?

Knirsch: Das ist das Prinzip. Dann meldet die App: Hier könnte etwas passiert sein. Ganz entscheidend ist, dass dies nachträglich passiert. Die App ist wie ein Wachhund, der zu spät kommt. Wenn der Hund bellt, ist der Einbrecher weg, und der Hund weiß auch nicht, wer der Einbrecher war. 

Corona Sicherheitsabstand
Die App allein hilft nicht gegen Corona. Wichtig bleibt der Sicherheitsabstand. Bildrechte: imago images/teamwork

Die App warnt also nicht in Echtzeit?

Schepp: Nein, nicht in Echtzeit. Die App warnt nicht im Moment des Kontaktes, sondern mit zeitlichem Abstand, um die Persönlichkeitsrechte der Menschen zu schützen. Es piept also nicht, wenn ich meinem Corona-positiven Nachbarn beim Einkaufen begegne. Die Meldung kommt erst nach dem Kontakt und ist vollständig anonymisiert. Das war eine zentrale Forderung der Datenschützer, die wir damit auch erfüllen.

Welche Kontakte werden nach einer positiven Corona-Meldung kontaktiert?

Schepp: Nachdem ein Nutzer erfahren hat, dass er an dem Coronavirus erkrankt ist, kann er dies freiwillig an die App melden. Nach Bestätigung des Testergebnisses durch das entsprechende Gesundheitsamt erhalten daraufhin alle relevanten Kontakte eine Warnung auf ihr Smartphone. Dabei – und das ist hier extrem wichtig – geht es nicht um die Kontakte, die Sie im Adressbuch Ihres Smartphones haben. Darum geht es hier überhaupt nicht. Wenn wir über "Kontakt" sprechen, dann geht es lediglich um die verschlüsselte Nachverfolgung. Also um die Frage: Wo hat sich mein Smartphone (also auch ich) mehr als zehn Minuten aufgehalten und hat andere Smartphones getroffen?

Eine Frau blickt auf ihr Smartphone.
Die Corona-App wird keinen Zugriff auf die die Kontakte im Adressbuch der Nutzer haben. Bildrechte: dpa

Warum ist die dezentrale Speicherung der Daten so wichtig?

Knirsch: Es schafft Vertrauen bei vielen, wenn Daten auf dem Smartphone bleiben. Auch wenn zentrale Speicherung grundsätzlich kein KO-Kriterium für die Einhaltung unserer Datenschutzgesetzgebung ist. Das Land hat sich bewusst für eine dezentrale Infrastruktur entschieden. Und wer sich nicht mehr beteiligen und die App löschen möchte, löscht auch alle seine Daten. Das war dem Datenschutz wichtig und das ist auch wichtig für die Akzeptanz der App.

Wie viele Menschen müssen denn diese App installieren, damit sie funktioniert?

Schepp: Wir brauchen tatsächlich viele Millionen Menschen, die hier mitmachen. Nur dann kann die App helfen, die Pandemie zu bekämpfen. Und das geht nur, wenn man transparent ist bei der Entwicklung und dadurch der Anwendung vertrauen kann. 

Wie sicher sind meine Daten auf dem Smartphone? 

Knirsch: Es werden keine personenbezogenen Daten übertragen. Die App greift selbstverständlich auch nicht auf Daten auf Ihrem Smartphone zu. Würde dies jemand ohne Ihre Erlaubnis tun, wäre das ein massiver Straftatbestand. Unsere Telekommunikationsgesetzgebung ist hier äußerst streng und hat hohe Hürden: Das ist nur bei der Aufklärung schwerer Straftaten und nur nach richterlicher Prüfung und Erlaubnis zulässig.

Wie kann garantiert werden, dass nicht Hacker die App knacken?

Bild eines durchgestrichenen Virus und Aufschrift Corona-App auf dem Display eines Smartphones
Die Entwicklung der Corona-App wird auf der Plattform "GitHub" veröffentlicht. Bildrechte: imago images / Jens Schicke

Schepp: Alles, was wir hier tun, wird eng mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnologie und dem Bundesbeauftragten für den Datenschutz abgestimmt. Auch das Helmholtz-Institut CISPA steht beratend zur Seite. Sie sind bei jedem unserer Entwicklungsschritte dabei. Das gilt auch für die Software Community, die über die Plattform "GitHub" jeden Schritt bei der Programmierung einsehen kann. Wenn es irgendeine Lücke gäbe, würde es jetzt bereits in dieser Phase bemerkt. Wenn ein Bundesdatenschutzbeauftragter und ein Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnologie hier einen grünen Haken setzen, kann man dieser App vertrauen.

Die App wird nach dem Open-Source-Prinzip programmiert. Was bedeutet das?

Schepp: Open Source heißt, das, was Sie tun, ist quelloffen. Es gibt kein Versteckspiel, jeder kann sich einen Einblick verschaffen, wie die App gebaut wird – und auch konstruktiv dazu beitragen.

Brauchen wir die App wirklich so dringend?

Knirsch: Die Nutzung der App wird umso wichtiger, je mehr Lockerungen, die wir uns alle wünschen, in Kraft treten. Je mehr Menschen sich die App freiwillig installieren, umso besser können wir der Pandemie entgegentreten. Die App ist jedoch nur ein Baustein in der Strategie gegen die Pandemie. Die Virologen sagten erstens "Abstand halten", zweitens "Hygiene" und drittens die App. 

Corona-Tracing-App
Reiner Knirsch: "Je mehr Menschen sich die App freiwillig installieren, umso besser können wir der Pandemie entgegentreten." Bildrechte: dpa

Schepp: Die Corona-App ist also nur eine Säule bei der Bekämpfung der Pandemie, sie ist keine eierlegende Wollmilchsau. Schwierigkeiten werden nicht allein mit der App gelöst. Die App ist zwar ein wichtiger Teil. Trotzdem muss jeder, der die App hat, Abstand halten und sich weiter fleißig die Hände waschen sowie einen Mundschutz tragen.

Wird die App auch im Urlaub – in Italien, Frankreich und Österreich funktionieren?

Schepp: Da arbeiten wir dran. Die Gespräche laufen natürlich. Wenn die Grenzen geöffnet werden, wäre das natürlich eine wichtige Maßnahme. Da spielt dann beispielsweise Roaming eine Rolle.

Quelle: MDR
Interview: Sina Peschke
Bearbeitung: Katrin Tominski

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN | Dienstags direkt | 19.05.2020 | 20:00 Uhr

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