Berufsschule Lehrlinge im Lockdown: Sachsens Berufsnachwuchs in der Krise

Tausende Azubis und Lehrlinge sitzen in Sachsen auf dem Trockenen. In die Schulen dürfen sie noch nicht zurück, das ist Abschlussklassen von Oberschulen und Gymnasien vorbehalten. Manche Betriebe sind auch geschlossen, andere ordneten Kurzarbeit an. Wie geht es den jungen Berufsanfängerinnen und Berufsanfängern? Diejenigen, die gerade ihr letztes Lehrjahr absolvieren, machen sich die größten Sorgen - das zeigen Zuschriften an MDR SACHSEN.

Eine Frau arbeitet in einem Buero in Wittenberge an einem Schreibtisch
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Berufsschüler: Selbstlernen vor Prüfungen "katastrophal"

Kevin Filous aus Meißen schreibt: "Ich bin definitiv kein Freund vom Homeschooling." Seiner Meinung nach sollten auch Abschlussklassen von Berufsschulen in die Schulen gehen. "Es ist ungerecht, dass wir nicht dazugehören." Der 18 Jahre alte Lehrling bereitet sich auf seine IHK-Abschlussprüfung im Mai als Industriekeramiker vor. "Es ist ja schön, selbstständig für sich zu arbeiten, aber sich im Angesicht der Prüfungsvorbereitung den restlichen Lernstoff, den wir unbedingt für die Prüfung brauchen, selbst beibringen zu müssen, ist katastrophal." Bereits im 2. Lehrjahr sei wegen der Corona-Unterbrechung viel ausgefallen, was "wir eigentlich im 3. Lehrjahr jetzt nachholen wollten. Beim Wollen ist es geblieben."

Etwas entspannter blickt Mutter Isabel Müller aus Doberschütz auf die Abschlussprüfungen ihrer Tochter. Sie mache eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement im 1. Lehrjahr . "Das Lernen zu Hause läuft ganz gut. Mittwochs bekommt sie die Aufgaben, die sie donnerstags und freitags erledigt. Das schafft sie in zwei Tagen. Neuerdings gibt es auch Videokonferenzen mit der Berufsschule."

Grundsätzlich wäre es Isabel Müller und ihrer Tochter aber lieber, der Berufsschulunterricht würde auch in der Schule stattfinden. "Meine Tochter hatte sich ja bewusst für diese Form der Ausbildung entschieden und nicht für ein Fernstudium oder ein Studium", sagt die Doberschützerin. Sie rechnet nicht damit, dass für alle Schulklassen in Sachsen ab 8. Februar der Unterricht wieder starten kann. "Wir hoffen es sehr, es ist aber Wunschdenken. März scheint mir realistischer."

Vorteil der Lernzeit zu Hause ist, dass sich meine Tochter drei Stunden Fahrtzeit am Tag mit öffentlichen Verkehrsmitteln spart, um zur Berufsschule bzw. nach Hause zu fahren.

Isabel Müller Mutter einer Auszubildenden im 1. Lehrjahr

Lehrlinge in Kurzarbeit

Tom Müller aus Chemnitz bildet sich gerade an einer Technikerfachschule weiter. Er sagt: "Das Konzept des Lernens zu Hause funktioniert so nicht." Die Lehrer würden über eine Onlineplattform PDFs mit Aufgaben bereitstellen, meist in Stichpunktform. Die müssten abgearbeitet werden.

Die Lehrer scheinen mit der Situation komplett überfordert zu sein und es fehlt das komplette Interesse am digitalen Unterricht.

Tom Müller Schüler einer Technikerschule

"An der Eigeninitiative liegt es nicht. Wir lernen alle freiwillig an der Schule und helfen uns gegenseitig in Lerngruppen online", meint der Chemnitzer. Aber nicht in allen Fächern habe er Zugang zu Fachbüchern. Bei speziellen Themen wie Statistik, Berechnungsgrundlagen oder Mathematik komme seine Lerngruppe an den Punkt, "an dem wir uns nicht mehr selber helfen können. Das direkte Gespräch mit dem Lehrer fehlt einfach."

Carlos Marschall, Lehrer für Mathematik und Spanisch am Spohn-Gymnasium, unterrichtet im Lehrerzimmer am Laptop.
Selbstlernen, Quellensuche, Nachfragen in der Online-Lerngruppe: Manchen Berufsschülern fehlt der direkte Austausch mit den Berufsschullehrerinnen und -lehrern. Bildrechte: dpa

Auch er glaubt nicht, dass die Berufsschulen am 8. Februar wieder öffnen. Aber wenn, fände er es gut, wenigstens alle zwei Wochen in den Unterricht gehen zu können. Der Betrieb, in dem der junge Mann als Industriemechaniker arbeitet, hat ihn in Kurzarbeit geschickt. So bleibe Zeit fürs Lernen im ersten von zwei Jahren für den staatlich geprüften Technikerabschluss.

Die Zahl der Auszubildenden, die in Kurzarbeit geschickt wurden, ist mit fast 25 Prozent der Befragten erschreckend hoch. Besonders betroffen sind Auszubildende in Betrieben mit elf bis 20 Beschäftigten. Dort müssen sie auch häufig Aufgaben von Beschäftigen übernehmen, die in Kurzarbeit sind oder Kinder betreuen. Auszubildende dürfen keine Lückenfüller sein. Der Betrieb ist zuallererst Ausbildungsstätte und nicht Arbeitsstätte.

Anne Neuendorf Stellv. Vorsitzende des DGB Sachsen

Gesundheitsberufe: Learning by doing?

Jana Müller aus Schneckengrün im Vogtland sorgt sich um die Qualität der Ausbildung ihrer Tochter. Sie lerne im 2. Lehrjahr Kranken- und Gesundheitspflegerin. "Die Theorie nur zu Hause zu lernen und dann in der Praxis anzuwenden, finde ich riskant. Die Anwendungen am Patienten müssen doch theroetisch fundiert sein. Meine Tochter kann ja nicht an uns Familienmitgliedern Spritzen und Blutabnahmen üben." Und: "Schon der erste Lockdown hatte die Berufsschulzeiten betroffen. Im Sommer konnte da viel im Blockunterricht nachgeholt werden", sagt die Vogtländerin. Derzeit versuche die Tochter, möglichst viel in der Praxis auf den einzelnen Stationen zu lernen.

Auch die Auszubildende Leonie (Name liegt der Onlineredaktion vor) bedrückt die Lernsituation vor ihren Abschlussprüfungen zur Kranken- und Gesundheitspflegerin. "Es ist immer die Rede von Abschlussklassen, die in die Schulen zurückkehren. Allerdings ist nie die Rede von den Berufsschulen. Meine Berufsschule benutzt keine Plattformen. Wir bekommen unsere Aufgaben über unsere berufliche Email zugeschickt. Es gibt weder Videokonferenzen, noch kann gewährleistet werden, dass Auswertungen rechtzeitig zurück gesendet werden", kritisiert die junge Sächsin.

In unserem Beruf geht es um Menschenleben. Wir fühlen uns einfach alleine gelassen, weil auch keine Hoffnung besteht, dass in den Prüfungen darauf Rücksicht genommen wird.

Leonie Auszubildende im 3. Lehrjahr zur Kranken- und Gesundheitspflegerin

Zum dritten Mal Homeschooling

Sie bestreitet derzeit das Lernen zum dritten Mal im Homeschooling. Im Sommer will sie die Ausbildung beenden. Aber: "Es sind so viele prüfungsrelevante Themen gelaufen, die wir uns selber erarbeiten mussten, ohne ein Feedback von einem Lehrer zu erhalten. Für uns geht es um einen Abschluss, der unseren beruflichen Werdegang bestimmt und Einfluss auf den Rest unseres Leben hat." Teilweise bekomme sie erst jetzt ausgewertete Aufgaben aus dem Sommer 2020 zurück. Lehrer seien teilweise mit der Technik überfordert. Kurzum: "Die ganze Organisation ist auf keinem guten Weg."

Anders sieht die Schulöffnungen die Auszubildende Sabine Nowak:

Trotz jeglicher Vorsichtsmaßnahmen sehe ich die schnelle Rückkehr in den Präsenzunterricht kritisch. Denn durch Infektionen in den Schulen gelangt es dann leider auch wieder sehr schnell in die Pflegeheime, Krankenhäuser, Arztpraxen usw. Es gibt genug Eltern von Berufsschülern, die in diesem Bereich tätig sind und das Virus dann ungewollt mit reinschleppen.

Sabine Nowak Auszubildende zur Krankenpflegehelferin

Sie fände "generell verpflichtende, mehrmals wöchentliche Tests vor Unterrichtsbeginn für alle Schüler und Lehrer besser sowie tägliche Temperaturkontrollen vor Betreten des Schulhauses, ein Schulsportverbot, generelle Maskenpflicht im Schulhaus außer im Klassenzimmer und im Unterricht". Wenn all diese Maßnahme gut funktionierten, könne nach Meinung der Auszubildenden auch der Rest der Schüler stufenweise in den Präsenzunterricht zurückkehren.

Quelle: MDR/kk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR Sachsen - Das Sachsenradio Dienstags direkt | 19.01.2021 | 20:00 bis 23:00 Uhr

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