21.04.2020 | 08:00 Uhr Corona-Denunziationen: "Aufrufe aktivieren die dunklen Seiten der Menschen"

Seit Mitte März hat die Polizei in Sachsen über 3.500 Verstöße gegen das Infektionsschutzgesetz registriert. Ein Teil davon geht auf "Bürgerhinweise" zurück. Ob es sich dabei um Denunziationen handelt, wird heftig im Netz diskutiert. Christoph Thonfeld, wissenschaftlicher Leiter der KZ-Gedenkstätte Dachau hat zu Denunziationen und Verrat geforscht. Im Interview mit MDR SACHSEN erklärt er, was Denunziationen sind und was sie so heikel macht.

Polizei fährt Streife in einem Park, daneben Spaziergänger.
Polizei kontrolliert die Einhaltung der Corona-Ausgangsbeschränkungen in einem Park. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Herr Thonfeld, was ist der Unterschied zwischen Petzen, Denunziation und Verrat?

Petzen wird als Begriff dafür verwendet, wenn Kinder sich gegenseitig anschwärzen. Diese Hinwendung zur Autorität, verbunden mit der Hoffnung, sich in ein gutes Licht zu stellen oder gelobt zu werden, sind ähnliche Mechanismen wie beim Denunzieren.

Denunziation jedoch erfolgt in politischen Konstellationen und im Kontext von politischem und gesellschaftlichem Druck. Derjenige, der von der Norm abweicht, ist das Opfer. Der Unterschied zum Verrat liegt darin, dass dabei der Abweichler von der Norm der Täter und nicht das Opfer ist. Stellen Sie sich eine Dissidentengruppe vor: Derjenige, der die Gruppe auffliegen lässt, ist der Abweichler, also der Verräter.

Die einen nennen es Bürgerhinweis, die anderen Denunziation. Ist das Melden von Regelverstößen nur eine Frage der Perspektive?

Es geht um Wertentscheidungen über das, was man als höheren Wert interpretiert. Das Einhalten des Mindestabstandes und damit die Gesundheit oder individuelle Freiheits- und Versammlungsrechte? Wer die Gesundheit der Gesellschaft, die durch den Hinweis gewahrt werden soll, als wichtiger ansieht, wird die Meldung als "Bürgerhinweis" betrachten. Wer hingegen Verstöße gegen die Corona-Bestimmungen eher als harmlose Normübertretung oder die Beschränkungen als Eingriff in die individuelle Freiheit bewertet, sieht die Hinweise eher als Denunziation.

Polizeikontrollen Ausgangsbeschränkungen Corona Dresden 28.3.2020
Die Polizei kontrolliert die Einhaltung des Kontaktverbots und greift dabei auch auf Hinweise zurück. Für die einen sind es "Bürgerhinweise", für die anderen Denunziationen. Oft spielen Vertrauensbrüche und Heimtücke eine Rolle. Bildrechte: XCITEPRESS

Vertreter beider Sichtweisen wähnen sich auf der richtigen Seite der Moral. Warum ist Denunziation so negativ besetzt?

Bei der Denunziation passieren Dinge, die für ein soziales Gefüge sehr schwierig zu ertragen und auch individuell sehr gefährlich und gefährdend sind. Denunziationen geschehen oft heimlich, Betroffene haben also keine Chance sich zu rechtfertigen oder zu wehren. Zudem sind sie mit Heimtücke verbunden. Die Menschen kennen sich oft und melden untereinander die Regelverstöße des jeweils anderen. Denunziationen sind oft ein Vertrauensbruch. Man vertraut der Familie, den Freunden, den Nachbarn. Wenn diese einen selbst bei der Behörde anzeigen, empfindet man das als Missbrauch des Vertrauens und ein Ausnutzen der Angreifbarkeit. Das ist natürlich heikel – sowohl für Individuen als auch für die gesamte Gesellschaft. Das kann man nicht beliebig strapazieren oder missachten.

Dr. Christoph Thonfeld, wissenschaftlicher Leiter der KZ-Gedenkstätte Dachau, am Computer.
Dr. Christoph Thonfeld, wissenschaftlicher Leiter der KZ-Gedenkstätte Dachau, hat zu Denunziationen geforscht. Bildrechte: Dr. Christoph Thonfeld

Fördert der Staat Denunziation in der Corona-Krise, wenn er sagt, Bürgerhinweise seien herzlich willkommen?

Ja, er fördert sie. Das kann man ganz einfach so sagen. Die Frage lautet: Warum werden Leute an Behörden gemeldet? Vielleicht geht es nur darum, dem Nachbarn eins auszuwischen, weil man sich sowieso nicht versteht. Diese Aufrufe öffnen Neid, dem Wunsch nach Kompensation empfundener Zurücksetzung oder Minderwertigkeit und anderen Befindlichkeiten Tür und Tor. Sie aktivieren die dunklen Seiten der Menschen. Es wird der Raum gegeben, sich auszutoben, ohne ein schlechtes Gewissen dabei zu haben. Insofern trifft den Staat eine Mitschuld, Denunziationen und Bürgerhinweise auf so eine Art zu aktivieren.

Das sagt die Polizei Sachsen "Als Denunziantentum möchten wir dies ausdrücklich nicht bezeichnen. Die Polizei geht jedem Hinweis nach. Letztlich besteht in der Bevölkerung eine nachvollziehbare hohe Sensibilität in Bezug auf die Pandemie. Aus diesem Grund nehmen wir die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger vor einer Infektion ernst. Die Bürger können Ihre Hinweise an das Ordnungsamt melden oder an das zuständige Polizeirevier. Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dafür nicht den Notruf zu nutzen, sondern den nächsten Polizeistandort zu kontaktieren."

So leicht lässt sich das Schlechte im Menschen herauskehren?

Jein. Denunziation ist weniger nur individuelles Handeln, sondern auch soziales Geschehen. Sie lässt sich nur bedingt an eine einzige Person und deren Motivlage zurückbinden. Meine Forschungen zu Denunziationen im Nationalsozialismus und der frühen DDR haben gezeigt, dass sich Denunziationen oft aus einer Konfliktsituation zwischen mehreren Menschen entwickelt haben. Ihnen ging meist ein gruppenartiges Aushandeln, ein Drohen und Provozieren voraus. Man denkt immer, Denunziationen sind eine Eins-gegen-Eins-Angelegenheit. Zumindest in der historischen Analyse ist das anders. Es gibt oft eine Gruppe von Beteiligten an einer Denunziation. Insofern lässt sich nicht sagen, der Staat motiviert einzelne Individuen zu denunzieren, sondern der Staat bringt soziales Geschehen in Gang.

Ist der Hang zur Denunziation eine Charakterfrage?

Mann hält Handy und wählt
Über "Bürgerhinweise" und Denunziationen wird im Netz und in den Medien viel diskutiert. Bildrechte: Colourbox.de

Jein. Der Charakter darf bei der Analyse auf keinen Fall herausgerechnet werden. Menschen, denen Einheit, Harmonie und Übereinstimmung wichtiger sind als Abweichung und Individualität, sind anfälliger, zu Behörden oder Herrschaftsträgern zu gehen und auf die Einhaltung von Normen zu pochen. Doch wie gesagt, Denunziationen sind in der Mehrzahl ein soziales Geschehen, der Charakter allein ist nicht ausschlaggebend.

Ist diese Voraussetzung bei der Corona-Krise gegeben?

Ja, es handelt sich mit Sicherheit um ein soziales Geschehen. Die Frage ist nur, welche Formen es noch annehmen wird. Bislang überwiegt die Vorstellung, dass es sich um eine kurzfristige Ausnahmesituation handelt. Die Mehrheit der Gesellschaft ist noch nicht so alarmiert, dass sie einen Wandel der Gesellschaft befürchtet. Sie rechnet damit, dass die außergewöhnlichen Zustände bald zu Ende gehen. Insofern scheint mir der Schritt, dass Denunziationen zu einem Massenphänomen werden, noch nicht gegeben.

Trotzdem gibt es eine Flut von Hinweisen. Wozu kann das führen?

Die NDR-Schlagzeile "Falsche Hinweise belasten Behörden in MV" zeigt ein Problem, das auch ich in meiner Forschung gefunden habe. Wenn Behörden einmal die Schleusen öffnen zur Denunziation, bekommen sie viele Meldungen, mit denen sie eigentlich nichts anfangen können, die kontraproduktiv sind oder auch Leute belasten, die eigentlich gar nichts gemacht haben. Das bringt die Behörden in Bedrängnis, sie müssen sich mit Dingen auseinandersetzen, die ihnen nicht helfen, die ärgerlich sind und viele Kapazitäten binden. Gleichzeitig zeigt die Bild-Schlagzeile "Wer die Corona-Regeln missachtet, wird nicht selten verpetzt", wie Denunziationen begrifflich verniedlicht und dabei verharmlost werden.

Sie reden von Schleusen öffnen. Das klingt so, als sei ein Druck und der Drang nach Denunziation da?

Es gibt in der Gesellschaft offensichtlich ein Bedürfnis, sich in ein gutes Licht zu stellen und den eigenen Status aufzubessern. Sich ein bisschen als Ordnungs- und Wertewahrer aufspielen ist etwas, was viele Menschen beschäftigt. Wenn es eine Möglichkeit gibt, hier tätig zu werden, wird diese in Anspruch genommen - von Individuen, die sich auf Kosten anderer profilieren, bereichern oder einfach nur ein bisschen besser oder weniger schlecht fühlen wollen oder die schlicht ihre persönliche psychische Dramatik auf Kosten anderer austarieren.

Treten Denunziationen vermehrt in Krisen auf?

Es ist natürlich die Frage: Was definiert man als Krise. Ich habe das Gefühl, dass Krise auch ein Modebegriff geworden ist. Für Denunziationen als Massenphänomen braucht es mehr als die jetzige Ausnahmesituation. Es braucht gravierende Umbruchszeiten, politische aber ebenso auch kulturelle sind geeignet. Im Nationalsozialismus waren Hochzeiten der Denunziation um 1933, zur Machtergreifung Hitlers. NS-Befürworter und Anhänger fühlten sich dazu berufen, ihre Mitbürger darauf hinzuweisen, dass jetzt ein neuer Wind weht. Wer sich nicht durch Ansprache überzeugen ließ, wird dann eben bei der Polizei oder der Partei angezeigt. Umgekehrt gab es Menschen, die vorher die Sozialdemokraten oder die Liberalen unterstützt haben und jetzt zeigen wollten, dass sie der neuen Ordnung positiv gegenüber stünden. Um sich selbst aus der Schusslinie zu holen, denunzierten sie andere.

Zum Kriegsbeginn 1939 gab es als weiteren großen Einschnitt den zweiten Höhepunkt der Denunziationen. Zum Ende des Krieges um 1944, wo sich deutlich abzeichnet, dass es mit der NS-Herrschaft bald zu Ende gehen wird, stiegen erneut die Denunziationen. Grundlegende Umbrüche mit eingeforderten Verhaltensänderungen begünstigen also Denunziationen.

Braucht es für Denunziationen als Massenphänomen einen autoritären Staat?

Ein autoritärer Staat erzeugt natürlich mehr Druck. Er fordert Einheit oder Zustimmung oder Gleichheit in einer anderen Weise, als dies ein demokratischer Staat tun würde. In einer Demokratie werden mehr Freiräume gewährleistet. Es ist auch nicht so deutlich, was ich tun muss, um mich auf die "richtige" und andere auf die "falsche" Seite zu stellen. In der diktatorischen Herrschaft sind die Linien deutlicher gezogen und das Verhalten wird aktiver eingefordert.

Würden Sie den Ostdeutschen einen stärkeren Hang zur Denunziation attestieren?

Ich halte grundsätzlich wenig davon, Großgruppen einen Charakter zuzusprechen. Es gibt in Ostdeutschland einen anderen Aspekt. Der weit verzweigte Apparat der Staatssicherheit in der DDR funktionierte nach einer anderen Logik. Im strengen Sinne kann man hier nicht mehr von Denunziation sprechen, sondern von einem staatlich organisierten Beschaffen von Informationen. Organisierte Zuträger – nicht die spontanen Initiativen der Bevölkerung – lieferten Material für die Informationsproduktionsmaschinerie. Nach vier Jahrzehnten solcher Erfahrung würde man eher eine gesellschaftliche Gegenreaktion erwarten.

Andererseits ist die angebliche ostdeutsche Selbstbeschreibung als "Bürger 2. Klasse" noch heute Thema in Debatten um die "Herstellung der Einheit". Ein solches Gefühl des Zurückgesetztseins, des Nichtanerkanntseins könnte eine Motivation darstellen, Statusgewinne durch Wohlverhalten gegenüber Autoritäten zu erreichen. Das ist aber nur eine theoretische Herleitung und keine empirische Beschreibung des Verhaltens von Ostdeutschen.

Ist Denunziation moralisch per se verwerflich?

Ja.  Aber es gibt ja die feine Trennung zwischen der Handlung und der Person. Nach den Aufzeichnungen des Philosophen und Autors Plutarch soll der römische Kaiser Augustus es so beschrieben haben. "Ich liebe den Verrat, aber den Verräter lobe ich nicht" oder "Solange man Nutzen aus ihnen zieht, hat man sie gern, hasst aber ihre Gemeinheit, wenn man sein Ziel erreicht hat."

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 17.04.2020 | 19:00 Uhr

MDR AKTUELL RADIO | 06.04.2020 | 05:00 Uhr

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