07.04.2020 | 09:00 Uhr Fakt ist! Aus Dresden: "Es kann über Nacht krisenhafte Anstiege von Patientenzahlen geben"

Im Vergleich zu Italien und Frankreich ist die Corona-Lage in Mitteldeutschland relativ entspannt. Noch gibt es allein in Sachsen knapp 600 freie Intensiv-Betten mit Beatmungsgeräten. Steigen die Zahlen auf gleichem Niveau weiter, könnten die Kapazitäten aber schnell erschöpft sein. Was dann? Wie bereiten sich Ärzte und Pfleger auf den Ernstfall vor? Moderator Andreas F. Rook diskutierte am Montagabend bei Fakt ist! mit Sven Bercker, Intensivmediziner und Vorsitzender des Ethikkomitees am Uniklinikum Leipzig, Michael Albrecht, medizinischer Vorstand des Uniklinikums Dresden, der Pflegedienstleiterin für Intensivmedizin Manuela Zimmer sowie mit Jan Schildmann, Mit-Verfasser des Ethik-Papiers für Ärzte, und Rebecca Donauer, ARTE-Journalistin aus Straßburg.

Manchmal erscheinen die Dinge nur weniger dramatisch, weil sich andere im Hintergrund um alles kümmern. Während der Frühling draußen Knospen austreibt, arbeiten Ärzte, Pfleger und medizinisches Personal auf Hochtouren. Sie versorgen Patienten, analysieren Infektionsdaten, erstellen Modellrechnungen, vernetzen Krankenhäuser, bestellen Schutzkleidung, besorgen Beatmungsgeräte, bauen Intensiv-Betten auf, schulen Fachpersonal - kurzum bereiten sich für den Ernstfall vor. Für den Fall, dass auch in Sachsen die Intensiv-Betten für Patienten mit schweren Covid-19-Infektionen nicht ausreichen und die Krankenhäuser so an ihre Kapazitätsgrenzen bringen.

Bercker: Krisenhafter Anstieg von Patientenzahlen über Nacht möglich

"Es kann über Nacht krisenhafte Anstiege von Patientenzahlen geben", erklärte der Leipziger Intensiv-Mediziner Sven Bercker. "Ruhe ist häufig ein lokales Phänomen. Es gibt Phänomene, von denen Kliniken, auch das Krankenhaus in Straßburg, überrascht worden sind." Bercker selbst hat die Überstellung von italienischen Patienten von Bergamo nach Leipzig mit organisiert. Italienische Kollegen baten ihn, zu beten. "Dort gab es hochverzweifelte Situationen", sagte Bercker. Durch den persönlichen Kontakt sei die Situation auf einmal ganz nah gewesen und "ganz anders nahe gegangen".

Sven Bercker
Bildrechte: Stefan Straube/UKL

Sven Bercker

Sven Bercker

Intensivmediziner und Vorsitzender des Ethikkomitees, Uniklinik Leipzig

Albrecht: Großes Problem ist Personalmangel

Der medizinische Vorstand des Uniklinikums Dresden, Michael Albrecht, sieht den zeitlichen Vorsprung in Sachsen als Plus: "Unser Vorteil ist, dass wir Zeit hatten, uns auf die Situation vorzubereiten", erklärte er. Doch Intensiv-Betten aufzustocken sei "nicht so einfach". Oft werde vergessen, dass es neben den Betten auch ein Team brauche, was die Menschen versorgt. "Wir haben in größeren Mengen Beatmungsgeräte bestellt. Das größere Problem ist, dass wir Pflegepersonal brauchen."

Michael Albrecht
Bildrechte: imago/Sven Ellger

Michael Albrecht

Michael Albrecht

Medizinischer Vorstand, Uniklinik Dresden

Zimmer: Pfleger und Pflegerinnen riskieren eigene Gesundheit, um anderen zu helfen

Doch qualifiziertes Personal zu bekommen, ist nicht so einfach, die Arbeit ein Knochenjob. Pfleger arbeiten in 12-Stunden-Schichten und tragen schwere Schutzkleidung. "Die Ansteckungsgefahr ist groß, die Wahrscheinlichkeit ist nicht zu unterschätzen", erklärte Manuela Zimmer, Pflegedienstleiterin für Intensivmedizin am Uniklinikum Dresden. "Die Kollegen riskieren ihre Gesundheit, um anderen zu helfen." Deswegen sei die Schutzkleidung besonders wichtig, auch wenn Mitarbeiter damit an die Grenzen der Belastbarkeit geraten und froh seien die Schutzkleidung abzulegen. Grundsätzlich gelte: Nach zwei Stunden Maske sollte mindestens eine halbe Stunde Pause sein.

Intensivpflegerin Manuela Zimmer
Bildrechte: Annechristin Bonß

Manuela Zimmer

Manuela Zimmer

Pflegedienstleiterin für Intensivtherapie

Wie gelingt es, neues Personal zu finden?

Doch mit welchem Personal kann die Versorgung an den Intensiv-Betten gestemmt werden? "Die Mitarbeiter sind hochmotiviert und bereit Überstunden zu leisten", sagte Zimmer. Zudem würden ehemalige Intensiv-Pflegekräfte einspringen oder auch Medizinstudenten mit Erfahrungen in der Intensiv-Pflege. "Die Intensiv-Medizin ist sehr fachspezifisch. Die Einarbeitung dauert etwa ein halbes Jahr. Diese Zeit haben wir jetzt nicht", sagte Zimmer. Weil jedoch Operationen verschoben wurden, könnten die wichtigsten Schulungen stattfinden.

Bislang reichen die Kapazitäten

Aktuell gibt es in Sachsen noch 600 Intensiv-Betten mit Beatmungsgeräten für die Behandlung von schweren Covid-19-Infektionen. Das besagen Zahlen des sächsischen Sozialministeriums. "Bislang, Stand heute, übersteigt die Kapazität der Betten die Zahl der Erkrankungen", erklärte auch Albrecht vom Uniklinikum Dresden. Um die Patienten auch in den ländlichen Gebieten bestmöglich zu versorgen, habe sich das Klinikum mit 35 Krankenhäusern aus der Region verbunden. Alle zwei Tage gebe es eine Konferenz. Über eine Leitstelle würden alle Patienten so verteilt, dass sie optimal versorgt seien. "Pro Tag erreichen uns 80 bis 100 Anfragen aus den Krankenhäusern", sagte Albrecht. Auch der Kontakt zu den Pflegeheimen solle in Zukunft verstärkt werden. "Wir bemühen uns, Hilfe und Tests in den Heimen anzubieten", erklärte Albrecht. Er sieht hier ein großes Risikopotenzial. "Insgesamt haben wir 56.000 Pflegeheimbewohner und 26.000 Pfleger darin. Ich habe das ungute Gefühl, da schlummert viel Potenzial."

Wie soll bei Überlastung entschieden werden?

Damit Ärzte in brisanten Situationen entscheiden können, hat die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) Ende März Ethik-Empfehlungen verfasst. Mitautor Jan Schildmann erklärte: "Stellen Sie sich vor, die Ärzte müssen entscheiden zwischen jungen Patienten mit Vorerkrankungen oder 75-Jährigen ohne Vorerkrankungen", sagte Schildmann. "Ethische Kriterien, an denen sich Ärzte und Ärztinnen orientieren können, sind wichtig." Es müsse geprüft werden, welche Maßnahmen zum Erfolg führen. Trotzdem sei der individuelle ärztliche Entscheidungsspielraum auch weiterhin wichtig. Pflegedienstleiterin Manuela Zimmer sieht die Entscheidungen, wer behandelt wird, nicht ohne die Pflege. "Ich denke, dass es wichtig ist, dass die Pflege einbezogen wird. So ist es auch vorgesehen."

Jan Schildmann

Jan Schildmann

Institut für Geschichte und Ethik der Medizin in Halle und Mitverfasser des Ethik-Papiers für Ärzte - zugeschaltet

Bercker: Diskussion über Behandlungen transparent führen

Die notwendigen Entscheidungen für Behandlungen bei knappen Ressourcen seien laut Bercker vom Klinikum Leipzig nicht neu. Sie seien bei der Versorgung nach großen Zugunfällen und auch aus der Transplantationsmedizin bekannt. "Neu ist Zeitdruck und eventuell die Dichte, wie wir sie in Industrieländern nicht kennen." Es sei richtig, sich rechtzeitig Gedanken zu machen, wie sich Ärzte verhalten, "und diese Diskussion auch transparent in der Gesellschaft zu führen".

Dokument über die Triage.
Bildrechte: MDR/Sandra Thiele/DIVI

Albrecht: Keine besondere Covid-Ethik

Albrecht vom Uniklinikum Dresden erklärte: "Für mich kann es keine besondere Covid-Ethik geben. Man muss aufpassen, diese nicht extra aufzumachen." Entscheidungen über Therapien und deren Abbrüche fielen immer in Gemeinschaft. Das einzige Problem sei eine eventuelle knappe Anzahl von Beatmungsgeräten, das in erster Linie durch möglichst viele zusätzliche Beatmungsgeräte gelöst werden sollte. Albrecht begrüßt ethische Diskussionen. "Ich würde mir wünschen, dass medizinethische Diskussionen öfter geführt werden. Nicht nur wenn es gesellschaftlich akut ist, auch unter den Medizinstudenten." Ethische Fragen gebe es viele, auch wenn es sich um die Behandlung mit millionenteuren Medikamenten drehe.

Donauer: Die Menschen sind schon beunruhigt

In Frankreich gibt es mittlerweile knapp 9.000 Tote. "Es stimmt so nicht, dass alte Menschen nicht mehr behandelt werden", erklärte Arte-Journalistin Rebecca Donauer. Trotzdem müssten Ärzte entscheiden, welche Patienten behandelt werden könnten. Um der Not zu begegnen, seien Aufwachräume in Intensivstationen umgewandelt und Lazarette aufgebaut worden. Zudem habe man Personal aus der Rente geholt und verlege Patienten per TGV – dem Schnellzug aus Frankreich. "Die Menschen sind schon beunruhigt", sagte die Journalistin, zugeschaltet aus ihrem Home-Office.

Porträtfoto von ARTE-Journalistin Rebecca Donauer.
Bildrechte: Michel Nicolas

Rebecca Donauer

Rebecca Donauer

ARTE-Journalistin - zugeschaltet aus Straßburg

Anmerkung Für die bessere Lesbarkeit des Textes verzichten wir auf die gleichzeitige Nennung der männlichen und weiblichen Formen. Doch selbstverständlich sind auch alle Ärztinnen, Pflegerinnen und Patientinnen im Text subsumiert.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN Fakt ist! Aus Dresden | 06.04.2020 | 22:05 Uhr

Mehr aus Sachsen